Lang, lang ist's her. Anfang November, die Berliner hatten gerade ein neues Abgeordnetenhaus gewählt, begrüßte der Berliner Unternehmerverband UVB die Besucher seiner Website tagelang mit dem Lauftext: "Eine Regierungsbeteiligung der PDS wäre ein großer Imageschaden für Berlin." Und UVB-Geschäftsführer Christian Amsinck legte nach: "Eine rotrote Koalition wäre außerhalb der Stadt nur schwer zu vermitteln." Jetzt ist es passiert: Berlins neuer Senat wird von SPD und PDS gebildet - und die PDS übernimmt ausgerechnet das Wirtschaftsressort.

Rot-Rot, Wirtschaft tot - so wurde in Berlin die drohende Katastrophe beschworen. Doch in der Koalitionsvereinbarung sucht man vergeblich nach einer authentisch sozialistischen Handschrift. "Das ist ein sozialdemokratisches Arbeitsprogramm", heißt es bei der SPD, und in der Tat bietet das Papier auf 117 Seiten keinen Anlass für Angst vor antikapitalistischen Umtrieben.

"Berlin bewegen" steht über dem Kapitel Wirtschaftspolitik, in dem es von lyrischen Belanglosigkeiten wimmelt. Das geht etwa so: "Das Kapital, auf dem aufgebaut werden muss und kann, sind ... die Berlinerinnen und Berliner selbst, Frauen wie Männer, Deutsche wie Immigrantinnen und Immigranten, Menschen aus Ost und West." Daneben muss "ein unternehmensfreundliches Klima geschaffen werden." Wie? Die Anwort: "Wir werden die Rahmenbedingungen für den Wirtschaftsstandort Berlin verbessern."

Auch im Detail sucht man den sozialistischen Pferdefuß vergebens. Im Gegenteil: Die PDS fraß auf dem Weg zur Macht gehörig Kreide. Ohne Vorbehalt befürwortet sie den Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg in Schönefeld, eindeutig ist das Bekenntnis zur Fusion der Bundesländer Berlin und Brandenburg bis 2009, prioritär bleibt die Sanierung des Haushalts. Die künftige Struktur der Wirtschaftsförderung, die Investoren lange Wege ersparen soll, entspricht gar dem ausdrücklichen Wunsch der Unternehmer.

Die Einwände aus der Wirtschaft klingen denn auch ziemlich matt. So moniert der UVB lediglich die "auffällige Überfrachtung von Wirtschaftsförderprogammen mit systemfremden Kriterien" wie einer Prüfung von Investitionen auf ihre "Wirksamkeit zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit". Wichtiger für die Bosse: Die befürchtete Erhöhung der Gewerbesteuer kommt genauso wenig wie eine ursprünglich von der PDS propagierte Streichung der Investitionsförderung.

Bleibt die Frage des Klimas. "Ich glaube, dass Berlin nie besonders wirtschaftsorientiert war. Das Erste, was ich schaffen würde, ist ein hohes Maß an Effizienz in der Verwaltung." Das sagt Klaus Mangold, Chef der DaimlerChrysler Services AG. Die Jahre der Großen Koalition unter CDU-Mann Eberhard Diepgen haben die Erinnerung an Filz, Klüngel und verpatzte Chancen hinterlassen. Immer wieder klagten potenzielle Investoren über Desinteresse der Behörden und Blockaden auf der Ebene der Bezirksverwaltung. Dass ein rot-roter Senat, der sich auf alte Strukturen und kaum neues Personal stützt, für Remedur sorgt, ist kaum zu erwartenr.

So warnt auch Günter Rexrodt, bei der SPD abgeblitzter FDP-Chef: "Bei Unternehmern, die berechenbare Rahmenbedingungen suchen, wenn sie in neue Arbeitsplätze investieren, werden flotte Sprüche von glatt rasierten Wendehälsen auf Dauer nicht verfangen." Und Mangold glaubt zu wissen, dass die ausländische Geschäftswelt "zunächst einmal mit großer Skepsis und teilweise auch einem hohen Maß an Unverständnis" reagieren wird.