Aus einem einzigen Stein kann Gregor Markl die halbe Erdgeschichte herleiten. "In diesem Syenit aus der Antarktis haben wir Mineralien gefunden, die über 500 Millionen Jahre alt sind", sagt der Geowissenschaftler und deutet auf einen unauffälligen braunen Brocken. "Anhand der chemischen Zusammensetzung und des Vorkommens können wir nachweisen, dass sie unter denselben Bedingungen gebildet wurden wie Gesteine in Südindien, Madagaskar und Südafrika - und das wiederum beweist, dass diese Länder mit der Antarktis früher einen Superkontinent gebildet haben."

Doch sosehr er sich für das geheime Leben der Mineralien interessiert - das Flair des "Steineklopfers" ist Gregor Markl eher suspekt. "Viele Sammler und selbst Studenten verstehen nicht, dass wir heutzutage auch knallharte Thermodynamik und eine hoch entwickelte Mikroanalytik betreiben, dass wir am Computer Gebirgsbildungsprozesse modellieren, Werkstoffe für Motoren prüfen und die Kräfte im Inneren der Erde erforschen", ärgert sich der 30-Jährige.

Diese Ignoranz will der Mineraloge seinen Mitmenschen im jetzt beginnenden "Jahr der Geowissenschaften" kräftig austreiben. Der Senkrechtstarter, vor zwei Jahren als damals jüngster Professor Deutschlands an die Universität Tübingen berufen, plant einen bundesweiten "Tag der Erde" und wirbt in Vorträgen, Zeitungsartikeln oder Briefen an Ministerien für sein Fach. Kein Wunder, dass der eloquente Jungforscher in geowissenschaftlichen Gremien eine rasante Karriere macht. "Mit meinen Ideen zur Öffentlichkeitsarbeit bin ich gewissermaßen in ein gigantisches Loch getreten. Jeder sagte: Das müssen wir auffüllen - ohne dass einer zur Schaufel gegriffen hätte."

Von Vater Hubert, Zoologe und Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, hat er dabei nicht nur das wissenschaftliche Talent, sondern ebenso die rhetorische Begabung geerbt. Auch Sohn Gregor besitzt diese spezifische Marklsche Mischung aus Fachkenntnis, Enthusiasmus und Vermittlungskunst, die nur wenige Forscher in sich vereinen. Dazu kommt eine Unbefangenheit, die so gar nichts Professorales an sich hat. Wenn der schlaksige, 1,97 Meter große Jungprofessor im T-Shirt mit der Aufschrift "Schist happens" ("Schiefer kommt vor") über den Tübinger Campus eilt, geht er allemal als Student durch.

Dabei hatte er schon bei seiner Habilitation mit 28 Jahren eine Publikationsliste vorzuweisen, von der viele ältere Kollegen nur träumen können. Sein Fachgebiet ist die Petrologie (vom griechischen petros: Fels, Stein), und wer in Markls Büro die randvoll mit Steinen und Mineralien gefüllten Schubladen und Vitrinen sieht, muss automatisch an das Vorurteil vom Steineklopfer denken. "Ich persönlich bin das ja auch", lacht Markl, der heute eine Sammlung von über 6000 Steinen besitzt und nur noch in statisch unbedenklichen Bauten wohnt. Doch aus dem früheren Hobby ist längst ein anspruchsvolles Forschungsgebiet geworden. Die Gesteinsproben aus Grönland, der Antarktis oder von den Lofoten werden im Tübinger Labor in hauchdünne Scheiben zersägt und mit dem Elektronenmikroskop auf mineralische Hohlräume, Fluideinschlüsse oder Fraktionierungslinien untersucht. "Aus solchen Daten kann man schließen, wie sich unsere Erde im Laufe von Jahrmillionen verändert, wie Elemente transportiert werden und wie sie sich - etwa in Lagerstätten - anreichern", doziert der Petrologe. Dass dies von höchst praktischer Bedeutung ist, zeigen nicht zuletzt die vielen außeruniversitären Aufträge, die Markls Fachbereich einwirbt - in der Höhe der Drittmittel stehen die Geowissenschaftler uniintern an dritter Stelle.

"Dennoch ist das Fach Geowissenschaften derzeit nicht seiner Bedeutung gemäß vertreten - nicht in den Köpfen der Menschen und schon gar nicht in den Lehrplänen", schimpft Markl. "Dabei brauchen wir dringend kompetente Leute, die das System Erde verstehen." Kenntnisse in Physik, Chemie oder Biologie alleine würden dazu längst nicht ausreichen. "Ein Klimamodellierer etwa hat normalerweise keine Ahnung davon, was das System Erde puffern kann. Den Rückkopplungseffekt zwischen der Emission von Kohlendioxid in die Atmosphäre und der Ablagerung von Kalk in den Weltmeeren sieht der Meteorologe nicht."

Markl lässt es nicht beim Jammern. Im Projekt "NaT-working", das von der Robert-Bosch-Stiftung initiiert wurde, versucht er, Schüler für sein Fach zu begeistern. Er wandert mit ihnen durch Steinbrüche und Bergwerke im Schwarzwald und zeigt im Labor, wie sie daraus "Dünnschliffpräparate" herstellen, die hundertstel Millimeter fein sind. Dabei erklärt er den Schülern auch, dass sich unter dem Etikett "Geowissenschaften" so unterschiedliche Disziplinen wie Rohstoff- und Umwelttechnik, Geophysik, Fernerkundung, Polarforschung oder Paläontologie verbergen.