Wie eine Fata Morgana schieben sich die Spiegelbilder in die Landschaft: Was sich auf den Außenseiten der offenen Pavillonstruktur spiegelt, unterscheidet sich von der umgebenden Natur - Bäume, Laub und strahlend blauer Himmel - einzig durch die stupende Qualität der Wiedergabe.

Lässt der Blick durch die diagonal das Innere des Pavillons teilende Glaswand die Landschaft distanziert und blass erscheinen, wird dieselbe Umgebung auf der verspiegelten Glashaut als gerahmtes Landschaftsfragment herangezoomt: Eine überraschende, "sur-reale" Präsenz, die unsere Kategorien von Natürlichkeit und Künstlichkeit nachhaltig verwirrt. Und eine spielerisch vielschichtige Exposition zugleich der bisher umfangreichsten Graham-Retrospektive, die nach Stationen in Porto und Paris nun im niederländischen Otterlo angekommen ist.

Seine Pavillons gehören heute zum Standardrepertoire einer öffentlichen Kunst, die im Kontext umfänglicher Skulpturprojekte Stadt- und Landschaftsräume - im besten Wortsinne - bespielt. Vom Dach der New Yorker Dia Foundation, über einen Bootssteg in Nordhorn oder den münsterschen Schlosspark bis in den Innenhof der Berliner "Kunstwerke" zieht sich seine Spur aus Glas und Stahl, aus Spiegelungen und konkav-konvex geschwungener Transparenz.

Pavilion/Sculpture II - eine 1984 entstandene identische Replik des ersten überhaupt realisierten Pavillons von Graham - legte schon 1981 die zentralen Themen der Kunst des 1942 geborenen Amerikaners offen. Begibt sich der Betrachter ins Innere dieses hybriden Konstrukts aus Architektur und Plastik, tritt zu den vielfältigen Landschaftsausschnitten sein eigenes schemenhaftes Spiegelbild, das sich auf dem gläsernen Raumteiler mit Betrachtern vermischt, die auf der anderen Seite der Scheibe ebenfalls sich und ihr Gegenüber zugleich beobachten.

In Otterlo verirren sich nur zwei seiner Pavillons in den umgebenden Landschaftspark. Der Versuchung, diesen wunderbaren Außenraum zur Bühne seiner Pavillons zu machen, hat man widerstanden. De Hoge Veluwe gehört weiterhin den Hirschen, dem Sand und den Radfahrern. Und im Inneren des Museums kann man sich den zwischen 1965 und der Mitte der siebziger Jahre entstandenen Performances von Graham, seinen Video- und Konzeptarbeiten für Zeitschriften widmen.

Denn das komplexe Kunstsystem der weithin bekannten Glasbauten, die in Otterlo mit einer Vielzahl kleinteiliger Modelle und Videos dokumentiert werden, läuft Gefahr, unter seinen verführerisch barocken Oberflächen, vergessen zu machen, dass es auch einen Dan Graham vor den Pavillons gab.

Insbesondere die begehbaren Installationen mit Spiegeln und Videoprojektionen verdeutlichen dabei die Komplexität und Kontinuität seine OEuvres von der frühen Homes For America-Fotoserie bis zu seinen jüngsten Pavillon-Skulpturen, in denen das Materialspektrum um Lochbleche, Wasser oder immergrüne Hecken erweitert wird.