Funktionäre und Wirklichkeit, zwei Welten treffen aufeinander. Dass die Spitzenvertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern ihr taktisches Spiel vor einer Tarifrunde treiben - geschenkt. Aber dass sie die alten Hüte hervorzaubern, während sich das betriebliche Leben rasant verändert, ist nicht einfach als Ritual zu verstehen, sondern als Skandal.

Hier die Wirtschaft von heute: Weil sich das Marktgeschehen beschleunigte, mussten auch die Unternehmen wandlungsfähiger werden - und mit ihnen die Mitarbeiter. Wird ein Geschäftsbereich aufgelöst und ein anderer aufgebaut, wechseln sie mit. Drängt die harte Weltmarktkonkurrenz einen Betrieb dazu, just in time zu produzieren, dann sind die meisten Belegschaften einsichtig genug, Abschied von konstanten 37,5-Stunden-Wochen zu nehmen. Dann arbeiten sie in Hochzeiten mal 42 Stunden ohne Überstundenzuschläge und im Saisonloch nur 33. Abseits der Entlassungswellen findet man viele innovationsbereite Firmen in Deutschland, die in harten Zeiten Lösungen aushandeln, um die Mitarbeiter zu halten, die sie in besseren Zeiten ohnehin wieder benötigen werden.

Da die Tarifpartner von heute: Obwohl die ganze Volkswirtschaft in der Job- und jetzt auch Konjunkturkrise steckt, treiben sie ihr Spiel wie gehabt. Die IG Metall fordert mit harter Stimme fünf bis sieben Prozent mehr, als gäbe es irgendwo noch einen geheimen Schatz zu verteilen. Und das Unternehmerlager gräbt sich zur Antwort ganz tief in seine Stellung ein: Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), fordert die Nullrunde. So kann man Gewerkschafter ärgern.

Mit dieser Tonnenideologie ist kein Job zu gewinnen, selbst wenn am Ende wieder ein Ergebnis herauskommt, das der Kanzler mit Stolz auf die Deutschland AG "moderat" nennen kann. Neue Lösungen für neue Zeiten? Fehlanzeige. Die Tarifpartner müssten sich ja gar nichts einfallen lassen. Es reichte schon, wenn sie mit ihren Verträgen einen Rahmen schafften für die Lösungen, die heute schon täglich in der Werkhalle und im Büro gefunden werden. Wenn die Gewerkschaften Ernst machten mit der von IG-Metall-Chef Klaus Zwickel protegierten Idee, einen Teil des Lohns vom Erfolg des einzelnen Unternehmens abhängig zu machen. Wenn die Arbeitgeberverbände nicht nur darauf schauten, ob Arbeitszeit billiger oder teurer wird - sondern Ansätze entwickelten, wie beide Seiten, Betriebe und Mitarbeiter, gemeinsam von alternativen Zeit-, Lohn- und Fortbildungsmodellen profitieren können.

Anders als die Funktionäre glauben machen, ist Tarifpolitik schon lange kein Nullsummenspiel mehr. VW zeigt es mit dem 5000-mal-5000-Modell genauso wie kleine Metallfirmen, die über Jahre gestreckte Arbeitszeitkonten einführen - auch gegen tarifvertragliche Bestimmungen. So lassen sich Überstunden tatsächlich in Jobs umwandeln - nicht durch Versprechen im Bündnis für Arbeit und auch nicht durch Gesetzeszwang, wie ihn ver.di-Vize Margret Mönig-Raane nun wieder verlangt.

Funktionäre ohne Ideen: Jeder Angestellte, jeder Unternehmer müsste angesichts einer solchen Leistung heutzutage um seinen Erwerb fürchten. Die Lobbyverbände beider Seiten verlieren zwar im Eiltempo Mitglieder. Aber was macht das schon? Die These, dass Arbeitnehmer und Arbeitergeber die Vertreter haben, die sie verdienen - längst überholt. Sie haben bessere verdient.