Auf gusseisernen Füßen thronten vier ausladende Holzsessel, die fast den gesamten Laden einnahmen. Das rote Leder ihrer Polster zeigte Risse. Es fehlte nur die Gravur auf dem Fuß "Chicago 1930" oder "Connecticut 1910", wie sie so viele andere Friseursessel tragen, die - irgendwann in den USA ausrangiert - bis heute in Bolivien, Malaysia, Chile oder Thailand ihren Dienst tun. Die Spiegel des Salons waren an den Rändern bereits erblindet. An der Wand hingen ein Kalender mit blonden Busenwundern und ein Bild der Fußballnationalelf des Landes aus dem Jahre 1963.

Ich hatte wieder einmal eine gute Wahl getroffen. Klassisch, konventionell - muss der Laden sein. Der Meister erfahren, also am besten über 40. Ein Friseur eben, dem sich der kleine Mann anvertraut. Victor frisierte Herren - kein Unisex. Ein Poster zeigte die Schnitte, die er im Angebot hatte. Ich wählte Número 2, kurz, aber etwas länger als Número 1, der Soldatenschnitt.

Victor schärfte die Schere, desinfizierte das Rasiermesser und machte sich ans Werk. Erst ein Grobdurchgang, dann der Feinschnitt, bei dem die Zunge besonders intensiv arbeitete. Am Ende Ausrasieren von Nacken und Koteletten. Nach 20 Minuten war Número 2 recht gut getroffen. Ein speckiger Pesoschein verschwand in einer Schublade.

Keine Ferien ohne Friseur. Der Besuch beim Haarschneider gehört für mich zum Urlaub wie ein Kinoabend, das Essen auf dem Markt oder der Friedhofsbummel. Ob in La Paz oder Havanna, Rom oder Lissabon, ob im Chinesenviertel von Penang oder im Gassengewirr von Dili: Für ein paar Augenblicke spielt man Alltag in einer fremden Welt; erobert sich ein kleines Bruchstück Normalität im Ausnahmezustand Urlaub, das man wie ein Souvenir stolz nach Hause trägt. Ich genieße das Ritual, zuerst die Suche nach dem Laden, dann die kribbelnde Anspannung, kurz bevor ich ihn beherzt betrete, so als sei ich seit Jahren Stammkunde. Wenn wenig später im Spiegel das fragende Gesicht des Meisters erscheint -Wie hätten Sie es denn gern? -, dann ist klar: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Die Antwort ist einfach und immer die gleiche: corto, short, court. Bringt das nicht weiter und ist kein Poster mit Schnittmustern zur Hand, hilft noch immer die Längenangabe mit Daumen und Zeigefinger: ein Zentimeter an den Seiten, oben etwas länger. Das hat noch jeder Haarschneider verstanden, auch wenn er vietnamesisch spricht wie in Hanoi - wo vor neun Jahren alles begann.

Dass der Laden zu den besseren Salons der Hauptstadt gehörte, merkte man an dem Fahrradparkplatz vor dem Eingang, den ein Mann mit Militärhut bewachte. Eine der Damen im weißen Kittel und mit rosa Band im Haar verwies mich auf Platz zwei, wie ein Schild am Spiegel verriet. Auf Stuhl vier ließ sich ein Mann die Haare aus Ohren und Nasenlöchern entfernen. Die Friseurin, die sich an ihm zu schaffen machte, trug auf dem Kopf eine Lampe wie ein Grubenarbeiter. Wenngleich sich unsere Verständigung auf Kopfnicken und gegenseitiges Zulächeln beschränkte, schien mir der Service im Laden einwandfrei. Nach dem Shampoonieren wurde ich mit eingeseiftem Kopf in eine Ecke geleitet, wo mir die Friseurin mit einer Kelle warmes Wasser über das Haar goss. Die Soße lief mir den Nacken herunter. In meinen Augen brannte es. Das schien mir dann doch nicht auf der Höhe internationaler Frisierkunst zu liegen.

Das Ergebnis im Spiegel überzeugte mich dagegen ohne Abstriche. Statt der umgerechnet fälligen 50 Pfennig gab ich der Frau das Doppelte und radelte beglückt von dannen. Seit Hanoi lasse ich an meinen Kopf und meinen Nacken niemanden außer meiner Frau und jeden vertrauenswürdigen Friseur zwischen Alma-Ata und Yucatán.