So ist das eben, wenn der Zeitgeist dem Zeitgeist in die Quere kommt: Einerseits wollen wir multikulturell und religiös tolerant sein. Andererseits sind inzwischen sogar die Juristen darauf gekommen, dass man Tiere nicht einfach als "bewegliche Sachen" behandeln darf. Für eine Weile war sogar erwogen worden, sie als "Mitgeschöpfe" unter verfassungsrechtlichen Schutz zu stellen. Aber wie das so ist, wenn Mensch und Tier aufeinander treffen, Zeitgeist hin oder her: Es siegt der Mensch als solcher.

Nun dürfen also auch Muslime von Verfassungs wegen Tiere schächten oder, technisch ausgedrückt: Warmblüter schlachten, ohne dass sie vor der Blutentnahme betäubt werden. Diese jüngste Entscheidung aus Karlsruhe kann man, je nach Perspektive, für ausgesprochen vernünftig halten - oder für irrwitzig je nachdem, ob man Jurist ist oder fühlender Mensch. In der Tat, wenn es den Angehörigen der jüdischen Religion schon seit langem wieder erlaubt ist, Tiere zu schächten, warum dann nicht auch heute den Muslimen?

Zumal da das reichsweite Schächtverbot in Deutschland zuerst als antisemitische NS-Maßnahme in die Gesetzesbücher kam - also nicht der Tiere wegen am Ende haben die Nazis die Juden schlimmer "behandelt" als ihre Tiere. Da ist es kaum möglich, geschichtslos zu moralisieren.

Aber die Geschichte geht weiter. Der zeitgenössische Tierschutzgedanke steht nicht nur nicht unter Naziverdacht, sondern hat gerade die Humanität auf seiner Seite - wenn damit etwas mehr gemeint ist, als dass der Mensch (nur) dem Menschen ein Mensch ist, dem Tier aber ein Wolf. Wenn es der Sinn religiöser Speiseverbote ist, dass das Tier vor dem Verzehr völlig ausgeblutet ist, so bedarf es dazu nicht des betäubungslosen Schächtens. Und was die rein religiöse Seite betrifft: Weshalb sollten wir in unserem ordre public einen Gott privilegieren, der unnötig zusätzliches (und unverschuldetes) Leiden fordert, und sei es das eines Tieres? Freilich, auch unser deutsches Wild erschießen wir ohne Betäubung. Und schaute man sich in unseren christlichen Schlachthöfen (und in manchen Viehställen) um, dann verginge einem auch da wieder das Moralisieren. Und der Appetit.