Mit ihrer Losung "Vergessen heilt" für das Jahr 2002 sprach die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates ihren Landsleuten aus der Seele: In New York sehnt man sich nach vier Monaten des Schreckens nach nichts mehr als nach Normalität. Aber im Big Apple sieht es auch im Kunstbetrieb derzeit noch nicht so aus, als ginge alles bald wieder in Richtung business as usual. Die bereits vor dem Terroranschlag einsetzende Rezession und die düsteren aktuellen Prognosen des Vorstandsvorsitzenden der amerikanischen Zentralbank tragen jedenfalls nicht dazu bei.

Zwei Milliarden Dollar verlor die Familie von Robert und Renée Belfer, langjährige Hauptsponsoren des New Yorker Metropolitan Museums, bei dem Zusammenbruch des texanischen Papier- und Energiekonzerns Enron, wie The Art News Paper in der jüngsten Ausgabe berichtet. Enron hatte auch das Houston Museum of Fine Arts und das Guggenheim Museum in Lone Star State-Manier großzügig gefördert. Unter Mitwirkung prominenter Kuratoren, beispielsweise dem inzwischen an das Hirshorn-Museum in Washington berufenen Ned Rifkin, baute der Konzern eine eigene Sammlung zeitgenössischer Kunst auf und plante große Projekte mit Olafur Eliasson und Bill Viola.

Das Guggenheim Museum hatte bereits vor dem Kollaps dieses Gönners die durch die Kuratorin Nancy Spector weit vorangetriebene Präsentation der glitzernden Videowelten von Mathew Barney auf unbestimmte Zeit verschoben und die für Mai angekündigte Prestigeschau mit Gemälden von Kasimir Malewitsch abgesagt. 70 Mitarbeitern wurde gekündigt, weiterer Personalabbau ist nicht ausgeschlossen.

Insgesamt gibt sich die aufgeplusterte, am liebsten rund um den Globus agierende Guggenheim-Maschinerie derzeit ein bisschen kleinlauter als noch bei der jüngsten Neueröffnung in Las Vegas. Nun, da die abfallende Konjunktur mit einem deutlich verringerten Tourismus zusammentrifft, rächt sich ein Marketing, das so dezidiert auf Besucherquoten setzt. 50 Prozent Besucher blieben nach der Attacke aus, wie Art in America berichtet, im November registrierte die Lufthansa einen Rückgang der US-Flüge zum Vorjahr von 19,3 Prozent.

Auch die Eremitage in Sankt Petersburg, mit dem Guggenheim Museum und dem Kunsthistorischen Museum in Wien im Ausstellungsverbund, sieht unsicheren Zeiten entgegen. Das Haus, mit dem für eines der größten Museen der Welt (und 3,4 Millionen Besuchern im Jahr 2000) bescheidenen Budget von 31 Millionen Dollar, hat von der russischen Regierung zugunsten der Rüstung und Terrorbekämpfung in Afghanistan eine erhebliche Reduzierung der Mittel hinnehmen müssen. Die waren für den Innenausbau eines für die Öffentlichkeit zugänglichen, sechs Stockwerke hohen Depots eingeplant, das im Jahr 2003 in einem Vorort der Stadt eröffnet werden sollte. Kostbarkeiten, die aus Platzgründen im so genannten Winterpalais nicht gezeigt werden können, sollten dort in einer lebendigen, begehbaren Lagerschau (inklusive Restaurationswerkstätten) als neuer Publikumsmagnet inszeniert werden.

Auch in der Londoner Außenstelle, den Räumen der Eremitage im Somerset House, wird gespart. Nach einer von fast 200 000 Besuchern bewunderten Schau über die Zarin Katharina die Große und einer Ausstellung mit französischen Gemälden aus dem russischen Schatzhaus Von Poussin bis Picasso (bis ins Frühjahr 2002) fällt die im Anschluss geplante, auf englische Liebhaber hin konzipierte Hommage an das Pferd aus. Das hat Auswirkungen bis nach Sankt Petersburg. Je ein Pfund des Eintrittspreises ist für die Renovierung des Winterpalastes reserviert.

Angesichts geringerer Besucherzahlen strich auch das New Yorker Whitney Museum die eine Million Dollar teure große Ausstellung von Eva Hesse, die aber parallel zur documenta 11 von Juni bis Oktober im Museum Wiesbaden stattfindet. Aus dem Stab von 230 Mitarbeitern wurden 12 Vollzeit- und 2 Teilzeitstellen herausgekürzt.