Landwirt müsste man sein. Dann brauchte man sich jetzt nicht darüber zu grämen, dass der Arbeitslohn unter Berücksichtigung der Inflationsrate gesunken ist, wie das Statistische Bundesamt gerade hat wissen lassen. Im Gegenteil könnte man sich dann über einen stattlichen Einkommenszuwachs freuen. Im Durchschnitt um 21 Prozent ist das Betriebsergebnis je landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetrieb nach jüngster Erkenntnis gestiegen - nach der unverdächtigen Erkenntnis des Deutschen Bauernverbandes.

Dennoch beklagt sich niemand so lautstark wie Bauernpräsident Gerd Sonnleitner über die neue Politik für "seine" nicht einmal 200 000 hauptamtlichen Landwirte. Der seit dem BSE-Schock zur offiziellen Linie erklärten Agrarwende hat er mittlerweile die Wendeblockade entgegengesetzt - so, als würden nur noch alternativ angehauchte Bauern in den Genuss staatlicher Fördergelder kommen, seit die Grüne Renate Künast an der Spitze des Agrarressorts steht.

Mitnichten. Zwar preist Künast gern und oft den Ökolandbau und ist mit flotten Sprüchen - "Klasse statt Masse", "Regional ist erste Wahl" - schnell bei der Hand. Doch nach wie vor fließen, trotz Künast, 99 Prozent der milliardenschweren Agrarförderung jenen konventionellen Betrieben zu, die der Umwelt so arg zusetzen, dass der Präsident des Umweltbundesamtes von einem "chemischen Großversuch" spricht. Im Übrigen, auch wenn es so gar nicht zum Freund-Feind-Schema passen will: Es ist nicht in erster Linie Künast, die das Füllhorn über den Ökobetrieben ausschüttet, sondern ihr bayerischer Amtskollege Josef Miller. Nirgendwo in Deutschland werden Biobauern dauerhaft so großzügig honoriert wie ausgerechnet in dem reichen, CSU-regierten Bundesland. Nur bemühen die Bayern dafür nicht das Etikett "Agrarwende".

Tatsächlich schürt das Wendewort, laut Sonnleitner ein "Kampfbegriff", nicht nur ideologische Aversionen. Es taugt darüber hinaus weder zur Beschreibung von Künasts Politik, noch vermittelt es einen realistischen Eindruck von ihrem Handlungsspielraum, der durch die Bundesländer und durch die EU stark eingeschränkt ist. Dennoch hat die Vokabel ebenso eine historische Berechtigung wie die Verbalattacken auf die Agrarfabriken nach dem BSE-Skandal: als Signal an Verbraucher sowie an Umwelt- und Tierschützer, dass auch ihre Interessen fortan politisch ernst genommen werden - und die Epoche des Klientelressorts namens Landwirtschaftsministerium zu Ende geht.

Damit findet sich kein Bauernfunktionär gern ab, weshalb Sonnleitner nun grenzenlosen "Frust und Ärger" auf den Höfen ausgemacht haben will, während die Konsumenten längst wieder - nicht zuletzt dank der neuen Politik - unbekümmert zu Rind und Schwein greifen. Und sich übrigens die Aussteller der Landmesse Agritechnica "hochzufrieden" über die Stimmung bei den Landwirten äußern, "insbesondere bei den deutschen Bauern".

Was also bleibt, jenseits der ideologischen Grabenkämpfe, von der neuen Politik? Zwar sind Verbraucher, Bauern und Politiker vor Lebensmittelskandalen nach wie vor nicht sicher

sie werden es auch niemals sein. Doch ist in Künasts BMVEL - dem Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft - die Sensibilität für Konsumenteninteressen wesentlich stärker ausgeprägt als in den Institutionen der alten Ära. Zur Erinnerung: Die Grüne verdankt ihren Ministerjob ausschließlich der Ignoranz ihres Amtsvorgängers Karl-Heinz Funke, der die BSE-Gefahr bis zuletzt souverän leugnete, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Dieser Tage entsteht das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, womit Künast nicht nur unabhängigem Expertenrat folgt, sondern auch den positiven Vorbildern der USA und der EU. Was allerdings negativ zu Buche schlägt: Die Bundesländer sparen beim Verbraucherschutz. Für die ohnehin chronisch unterfinanzierten Verbraucherzentralen hatten sie im vergangenen Jahr real rund zwei Prozent weniger übrig - was indes nicht Künast zu verantworten hat.