Der australische Regisseur Paul Cox hatte ein Angebot, dem viele seiner Kollegen gefolgt wären: Hollywood interessierte sich für sein Drehbuch zu Innocence, Paul Newman und seine Frau Joanne Woodward waren für die Hauptrollen ausersehen. Stattdessen drehte Cox aber in Adelaide und gab der Welt etwas zum Staunen. Er besetzte die Rolle des 75jährigen Andreas, der entdeckt, dass seine Jugendliebe Claire in derselben Stadt lebt, mit Charles Tingwell, ließ Julia Blake die Claire spielen und Terry Norris deren Ehemann John. Das Resultat ist ein Film, der selbst etwas von der Unschuld ausstrahlt, die er im Titel führt. Ohne Zweifel wäre Paul Newman ein makellos gealtertes Sexsymbol gewesen und Joanne Woodward eine ergraute Circe. Doch an die Selbstverständlichkeit, mit der sich Andreas und Claire die Liebe zurückerobern, hätten die Stars nicht herangereicht. Die Aura einer unsterblichen Leinwandpräsenz hätte man vor Augen gehabt, nicht den Verfall des sterblichen Körpers, der sich bis zuletzt nach Zärtlichkeit und orgiastischer Erfüllung sehnt. Bei Cox wird nichts unterschlagen: Nicht die Scheu, die sich die wiedervereinten Liebenden bewahren, wenn sie 50 Jahre nach dem ersten Mal erneut miteinander schlafen. Nicht die Lust, die manche Falte ausbügelt und Claires asexuelle Ehe der Lüge überführt. Dennoch ist Innocence kein auftrumpfender Film, der den zeitgenössischen Jugendwahn durch die Propagandierung unbeschwerten Seniorensexes ersetzen wollte. Claires Ehemann John muss sich, aus langer Gefühlskälte erwachend, mit Eifersucht herumplagen, der Sohn der beiden empfiehlt seiner ungebührlich strahlenden Mutter schließlich den Gang zum Psychiater. Doch der Wahnsinn, der Claire unterstellt wird, ist nichts als die Tollheit der Liebe: Dass sie keinen Unterschied macht zwischen 20- und 70-Jährigen, spricht für die stille Wahrhaftigkeit dieses ungewöhnlichen Films.