Günter Grass, ehedem enragierter Sänger der Es-Pe-De, schlug am 18. Mai 1972 in einem Brief an Bundeskanzler Willy Brandt die Einrichtung einer Bundeskulturstiftung vor. Er konnte nicht ahnen, dass die Idee noch langsamer erblühen sollte als die literarische Urteilskraft des Nobelpreiskomitees.

Grass hat inzwischen die SPD verlassen und seit drei Jahren seinen feinsten Preis. Jetzt erst, im Frühjahr 2002, bekommt das Land eine "Nationalstiftung der Bundesrepublik Deutschland für Kunst und Kultur". Das privatrechtliche Stiftungsgeschäft wird vom Kabinett im Februar genehmigt werden. Damit endet die politische Geschichte aus dem Tagebuch einer Schnecke namens "Kulturföderalismus". Ihr Happy End in Gerhard Schröders Kanzleramt verantwortet sein Staatsminister für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, Julian Nida-Rümelin.

Eine solche Stiftung, glaubte seinerzeit Brandt in einer Regierungserklärung, würde "viele Träume erfüllen". Für derlei Träume war der politische Alltag damals so ungeeignet wie ihr zuständiger Interpret, der Innenminister Werner Maihofer, FDP. Er scheiterte später mit einem Gesetzentwurf am vorherrschenden Kulturföderalismus, am Widerstand der Alliierten gegen den vorgesehenen Stiftungsstandort Berlin - und am kulturfeindlichen Klima jener Ära des Deutschen Herbsts, im Schatten des RAF-Terrorismus. Die Politiker hatten andere Sorgen.

Fünf Jahre später, 1977, gab die Regierung Helmut Schmidt die hehre Idee schließlich auf. Während der Amtszeit Helmut Kohls kam es stattdessen 1987 zur Gründung der Kulturstiftung der Länder, nicht des Bundes. Inzwischen mit acht Bundesmillionen Euro kofinanziert, operiert sie seither als kulturbewahrendes gesamtstaatliches Institut - gediegen, liebenswert und unauffällig. Schluss der Debatte.

Mit der Unschuld des politischen Amateurs belebte der Autor dieser Zeilen die scheintote Idee einer Bundeskulturstiftung im Februar 2000 wieder. Es ging um ein bescheidenes Ziel: die Etatisierung jener Kompensationsleistungen, die für die Rückführung der so genannten Beutekunst aus Osteuropa, zumal aus Russland nötig gewesen wäre. "Kompensazija", hatten Minister in Moskau erklärt, würde die Kulturdepots in Sankt Petersburg und anderswo öffnen: Dort lagern über fünf Millionen Kunst- und Kulturgüter, Bücher, Bilder, Artefakte aus deutschen Museen, Bibliotheken, Kirchen, Schlössern und aus Privatbesitz.

Dabei ist es geblieben.

Die nationale Stiftungsidee starb alsbald einen zweiten Tod, diesmal der lächerlichen Art. Die vorübergehende Vorsitzende des Kulturausschusses, Elke Leonhard aus der Eifel, machte sich das Regierungsprojekt schnell und ohne Rücksprache mit der SPD-Fraktion zu Eigen. Diese zwangsadoptive Mutterschaft bekam dem Kinde nicht. Die Abgeordnete schlug allen Ernstes einen Stiftungsfonds von 50 Milliarden Mark vor. Die groteske Summe hätte gereicht, die Bundeswehr auf immer zu sanieren, die Regierung von Georgien über Jahrzehnte hinweg zu retten, ganz Berlin zu kaufen - oder das Vorhaben zu beerdigen. Die Fraktionswesire der Regierungskoalition winkten amüsiert ab: Nächstes Jahr vielleicht, wenn haushaltspolitische Vernunft bei den Kulturpolitikern eingekehrt ist. Das ist inzwischen der Fall: Die Nationalstiftung wird 2002 über einen Etat von 12,8 Millionen Euro, im folgenden Jahr über 25,6 und schließlich über 38,3 Millionen Euro "zur Förderung von national und international bedeutsamen Vorhaben, insbesondere zur kulturellen Integration, Kooperation und Innovation" verfügen.