Fassungslos wirkt er nicht gerade, der Kanzler, der nun weiß, wer endgültig gegen ihn antreten wird, und der im Gespräch das Jahr bis zum 22.

September, dem Wahltag, an sich vorbeiziehen lässt. Regelmäßig macht sich Gerhard Schröder schon mal kurze Notizen über die Absonderlichkeiten, die ihm so begegnen im Amt, damit er sie im Zweifel parat hat. Er schaut sich über die Schulter, heißt das, und fühlt sich nicht mehr unter dem Druck des Novizen, der lernen musste, wie das geht, die Republik regieren. Er sei unsicher, seit die Union sich für Stoiber entschieden hat, habe er in der Bild-Zeitung gelesen. Findet er nicht, sagt er, darf er auch nicht finden.

Aber unruhig, das ist er schon. Es gibt ja auch Grund.

Als er jetzt die Bilder sah, wie die deutschen Soldaten in Kabul mit Blumen jubelnd empfangen wurden, ist ihm noch einmal in den Sinn gekommen, welche Auseinandersetzungen er führen musste im Parlament, um die Entsendung der Bundeswehr möglich zu machen. Bis zur Vertrauensfrage! Wir Journalisten, findet Schröder, und er will auch nicht darüber klagen, können diese drei Jahre als Spaziergang bewerten oder hinschreiben: War nix! Aber aus seiner Sicht war der konkrete "Modernisierungsprozess", von der Steuerpolitik bis zur Außen- und Sicherheitspolitik, unglaublich schwierig.

Nun allerdings ist es so, dass der Wettstreit Stoiber gegen Schröder den Eindruck verstärkt, es gehe um ein "Kopf-an-Kopf-Rennen". So behaupten es die Demoskopen. Einige sahen die CDU erstmals wieder knapp vorn, als Stoiber noch gar nicht nominiert war. Versteht das einer? Die schwarzen Kassen, Kohls Debakel, der Sturz Wolfgang Schäubles, das Autoritätsvakuum, Merkel, Stoiber, alles egal. Die Bundesrepublik nimmt sich selbst an die Hand, wenn die Politik das schon nicht schafft, und bastelt sich ihre konservative Mitte-Partei, die Staatspartei CDU, neu. Das ist das beeindruckendste Phänomen. So muss die Mitte, soweit mobil, von der Politik jeweils aufs Neue erobert werden. Das, und nicht das "Duell" von Kanzler und Kandidat, gibt dem Wahljahr seine wahre Dramatik.

Macht sich Schröders kooperatives Verhältnis zur Wirtschaft also nicht bezahlt? Den Sozialdemokraten kann es, aus Sicht des Bundeskanzlers, bestenfalls glücken, die Beziehungen zur Wirtschaft so weit zu normalisieren, dass sie nicht zum Ballast werden. Nur Karl Schiller und Helmut Schmidt bildeten Ausnahmen von dieser Regel, aber dem Kanzler Schmidt haben die Leute dafür bescheinigt, in der "falschen Partei" zu sein, während er, Schröder, deren Vorsitzender ist.

Erlaubt ist, was sich gut verkauft