Es soll Menschen geben, die beim Betreten eines Jazzkellers das zwanghafte Bedürfnis verspüren, etwas Ordinäres zu tun. Allein, wie es dort sitzt, das erlauchte Publikum, Beine übereinander geschlagen, nachdenklich die Stirn in Falten und das Kinn in die Hand gelegt: wie in einem Klischee aus den Fünfzigern, das alle paar Jahre neu aufgelegt wurde, mal ironisch, mal elektronisch, bis ... ja, bis Eva Kurowski kam und etwas nie Dagewesenes mit dem Jazz anstellte: Sie hat ihn proletarisiert.

Ihr erstes Album, Reich ohne Geld (Roof Music/Indigo), wandelt trittsicher auf einem schmalen Grat: zu witzig, um den Seriositätsgeboten des Genres zu entsprechen, und zu wenig auf Pointe gebracht für die neudeutschen Lieblingsdisziplinen Comedy und Kleinkunst. Dafür ambitioniert im Zusammenbringen scheinbar unversöhnlicher Gegensätze: Eleganz und Alltag, Swing und Makrelenfilets, Barjazz und Amalgamfüllungen - Letztere kann der angenehm reduzierte Groove der Begleitband ebenso zum Glitzern bringen wie Schweißränder an einem Damenkleid bei Sonnenschein.

Und plötzlich erweitert sich die Jazzfähigkeit des Alltags beträchtlich, erstreckt sich von den krumm getretenen Hacken einer dicken, hässlichen Frau bis hin zur Mutter mit dem Entenfutter, wie sie nicht ausschließlich, aber am schönsten immer noch im Ruhrgebiet anzutreffen sein mag. Kurowskis Humor ist trocken, zotig, aber nie brüllend, im Gegenteil: Wenn man nicht ganz genau hinhört, kann es sogar sein, dass er einem entgeht. Dazu passt ihr changierendes Wesen zwischen herber Kumpelfrau, schutzbedürftigem girl next door und dann doch wieder Teufelsweib aus Mühlheim an der Ruhr, mit Songs, die am komischsten sind, wenn der Plot leicht aus dem Ruder läuft, Herz, Schmerz und Geld aneinander vorbeigereimt werden und das Ganze sich hechelnd in die Schlusskurve biegt, "weil - das Geld ist schuld daran, dass es Hunger gibt, Hunger nach Liebe".

Dass das alles sehr an Helge Schneider erinnert, an seine zur Seite hin ausbrechenden Pointen, seine Liebe zur quälend in die Länge gezogenen Leere, die selten in blanke Blödelei umkippt und noch seltener in Sozialkitsch, ist wiederum kein Zufall: Der Mann, der weniger ein Komiker ist als ein getarnter Existenzialist, hat Reich ohne Geld nicht nur produziert, er ist ein langjähriger Freund der Sängerin - auch wenn die Unterschiede am Ende beträchtlich sind. Eva Kurowski beispielsweise kann singen. Sie sieht toll aus. Und während Schneider im Jazzkeller die langen Beine nicht nachdenklich übereinander schlagen könnte, weil er im strengen Sinne keine hat, ist das für sie, die lange Dürre, eine freie Entscheidung - und eine der leichtesten Übungen.