Bei den ersten freien Wahlen in Polen im Juni 1989 errang die Solidaritätsbewegung einen überragenden Wahlsieg. Wenige Monate später setzte sie ein umfangreiches wirtschaftliches Reformpaket ("Big Bang") in Gang. Als erstes Land im Ostblock unternahm Polen entschlossene Schritte in Richtung auf eine soziale Marktwirtschaft nach westlichem Muster. Daran änderte auch der Wahlsieg der Postkommunisten im September 1993 nichts. Diese hatten sich zwischenzeitlich zu Sozialdemokraten gemausert und setzten die Reformpolitik in Richtung Marktwirtschaft fort.

Zu diesen Reformern gehört der Verfasser Grzegorz W. Kolodko, Professor der Ökonomie in Warschau und Rochester, USA. Von 1994 bis 1997 war er stellvertretender Premierminister und Finanzminister, kennt somit die Verhältnisse auch aus praktischer politischer Erfahrung. Für das Institut für Entwicklungsökonomie der Universität der Vereinten Nationen verfasste er die vorliegende Studie, in welcher er versucht, die Erfahrungen der Transformationsländer zusammenzufassen.

Trotz des akademischen Anspruches schreibt Kolodko allgemeinverständlich. Er liefert viele anschauliche Details und nützliche Tabellen. Ein Beispiel: Angesichts der Tatsache, dass die Medien vorzugsweise von sozialer Polarisierung in Osteuropa berichteten, mag es manchen überraschen, dass in einem Land wie Ungarn die Ungleichheit nur wenig zugenommen hat die slowakischen Einkommen waren Mitte der neunziger Jahre sogar gleicher verteilt als zehn Jahre vorher.

Mehrfach unterstreicht Kolodko, dass es nicht genügt, einfach nur Preise oder Außenhandel zu liberalisieren. Eine Marktwirtschaft produziert nur dann Wohlstand für alle, wenn sie von gut funktionierenden Institutionen eingerahmt wird. Daran fehlte es häufig in den ehemaligen Ostblockländern.

Viele dieser Länder leiden noch heute unter einem "System-Mix", der ihren Fortschritt behindert. Kolodko empfiehlt daher die Fortführung einer breit angelegten Reformpolitik. Dabei nimmt er gelegentlich eine Position ein, die rechts von vielen westlichen Sozialdemokraten liegt beispielsweise, wenn er unzweideutig dem Wachstum den Vorrang vor gleichmäßigerer Einkommensverteilung gibt. Dem ansonsten viel gescholtenen Internationalen Währungsfonds bescheinigt er, in Osteuropa eine positive Rolle gespielt zu haben.

Alles in allem wirken die meisten seiner Empfehlungen plausibel. Allerdings fällt auf, dass er nicht selten Altbekanntes als völlig neue Erkenntnis präsentiert. So schreibt er mit Emphase, dass es sehr auf die vernünftige Reihenfolge der Reformschritte ankomme. Beispielsweise sollte der Kapitalverkehr über die Landesgrenzen erst relativ spät freigegeben werden.

Dergleichen war aber schon 1991 (und präziser) bei Stanley Fischer zu lesen, dem damaligen Chefökonomen der Weltbank. Auch Fischer unterstrich bereits die große Bedeutung des Aufbaues neuer Institutionen.