Die Veränderung Chinas in den letzten 20 Jahren wird vor allem in der Kunst- und Kulturszene sichtbar. "Chinas Kultur", meint die Avantgardefotografin Xiao Hui Wang, "ist vergleichbar mit Schaumstoff, der alles aufsaugt und verwertet

für die Kulturschaffenden ist das Leben heute viel leichter als vor zehn Jahren." 1994 war es unmöglich, Aktfotografien auszustellen

drei Jahre später hatte Xiao Hui im Shanghaier Kunstmuseum eine umfangreiche Retrospektive mit einem großen Anteil von zuvor als "schamlos" empfundenen Nacktbildern. Weibliche Keuschheit, Askese oder sexuelle Verklemmung haben sich sukzessive verdrängen lassen durch ein starkes Bewusstsein vom Körper und von seiner erotischen Schönheit. Das Problem seien die mittleren Funktionäre und Zensoren, heißt es auf den Vernissagen, die hohen Kader seien jünger, hätten oftmals im Ausland studiert und besäßen durchaus Sinn und Sympathie für avantgardistische Kunst, bei der die Grenze zwischen Erotik und Pornografie zuweilen verschwindet. Der innere Wandel lässt sich nicht erklären ohne das Massaker auf dem Tiananmen-Platz am 4. Juni 1989. Es hatte tiefgreifende Folgen für das Selbstverständnis der Chinesen. Damals erkannten die Machthaber in Peking, dass sie die absolute Macht nur behalten würden, wenn sie mehr Freiheiten gewährten. Regimekritiker und Künstler nutzten die Zugeständnisse, die Erodierung der traditionellen Werte kam weiter voran, trotz aller Zensur und Gängelung.

So manche "neuen" Künstler Chinas - allen voran die Tänzerin und Choreografin Jin Xing, der Maler Chen Yifei, die Fotografin Xiao Hui Wang, die Videokünstlerin Xing Danwen und der Musiker Wang Yong - haben von der veränderten Situation profitiert und können sich und ihre Kunst heute selbst finanzieren. Das Industriesponsoring ist eines der den Alltag beherrschenden Themen chinesischer Künstler, die in der globalisierten Kultur und ihrer marktwirtschaftlichen Verankerung überleben müssen, ohne vom Staat Unterstützung zu erhalten. Als Vorkämpfer für gesellschaftliche Entwicklungen setzen sie sich provokativ mit den Veränderungen innerhalb des Systems auseinander, auf der Bühne, in Installationen, Videos, Fotografien, Filmen und Büchern, und schaffen damit eine Plattform für neue Reflektion. "Man hat eingesehen", sagt Zhang Yu von der Stadtverwaltung Shanghai, "dass Kultur nicht länger zu kontrollieren ist." Heute schäme sich das Regime seiner Kulturschaffenden nicht mehr, im Gegenteil, es wolle sich mit ihnen im Ausland schmücken - was Reputation bringt und Investoren anlockt. Shanghai ist ein Paradebeispiel für die clevere Verquickung von Kunst, Kultur und Kapital.

Frauen in Führungspositionen

Die kulturelle Wandlung hat vor allem einen Wandel im Rollenverständnis der Geschlechter mit sich gebracht. Die Ungleichheit von Mann und Frau galt als Charakteristikum der Gesellschaft des alten China, wo man bis Anfang des 20.

Jahrhunderts noch die Füße der Frauen schnürte. Zwar wurde 1947 das Frauenwahlrecht in China eingeführt und drei Jahre später das diskriminierende feudale Ehesystem abgeschafft