Was für ein Auftrag! "Komponieren Sie", sagte der Mann aus Brescia, Vertreter des ehrwürdigen Oratorianerordens, "komponieren Sie uns zum Fest der sieben Schmerzen der heiligen Jungfrau Maria ein 'Stabat Mater'. Termin ist der 18.

März Anno. Aber nur die erste Hälfte des Textes, die Verse 11-14 sollen, wohlgemerkt, weiterhin der Frühmesse und die Verse 15-20 den Laudes vorbehalten bleiben. Und damit wir uns nicht missverstehen: Die Sätze IV bis VI werden, der gebotenen Demut halber, eine getreuest mögliche Wiederholung der Sätze I bis III sein. Keine großmächtigen Inventionen! Im Übrigen haben wir in unserer Kirche Santa Maria della Pace maximal fünf Violinen zur Verfügung, keine Bratsche, ein Cello, eine Violone und einen Kontrabass sowie aller Voraussicht nach eine Orgel. Arrivederci!"

Von Antonio Vivaldi, dem besagtes Angebot galt, ist kein Protest überliefert.

Er fügte sich und schrieb im vergleichsweise reifen Alter von 34 Jahren sein erstes geistliches Werk. Dies ist umso erstaunlicher, als Vivaldi bereits 1703 selbst zum Priester geweiht worden war. Il prete rosso, wie die Venezianer ihn seiner rotblonden Haare wegen nannten, hielt zwar keine Messen ab (die Legende sagt, er habe sich als Asthmatiker einer solchen Anstrengung nicht unterziehen dürfen, was freilich nicht erklärt, wie er dann das ungestüme, kräftezehrende Leben eines Violinvirtuosen bewältigen konnte), galt aber als durchaus gottesfürchtiger Mensch. Der Glaube als Eintrittsbillett in fremde, lukrative Welten? Ein weiterer Schachzug der Firma Vivaldi, in der zuallererst Vater Giovanni Battistas Geschäftstüchtigkeit das Sagen hatte?

Dem Stabat Mater indes merkt der heutige Hörer nichts Sklavensprachliches an.

Im Gegenteil: Die rigorose Beschränkung der Mittel zwingt Vivaldi regelrecht in den Ausdruck hinein - wenn sich Marias Tränen unterm Kreuz gleich in der ersten Strophe auf "dum pendebat Filius" in lauter schwankende, taumelnde Moll-Melismen auflösen oder wenn dieses überlebensgroße Leid auch mit überlebensgroßer Gebärde und theatralisch funkelnder Rhetorik dargestellt wird. Überhaupt wissen der amerikanische Wunder-Countertenor David Daniels und der Geiger Fabio Biondi an der Spitze des Ensembles Europa galante das Geschehen derart zu humanisieren und auf eine ebenso leidenschaftliche wie unaffektierte Weise mit Fleisch und Blut zu füllen, dass alles Geistliche aufs demütigste in Vergessenheit gerät.

Keck übers Ziel hinausgeschossen? Mag sein. Daniels' sterlingsilbernes Timbre aber, das aufführungspraktisch mal für einen Kastraten, mal für eine Altistin herhält, sagt es zuallererst und meint es ernst: Hier geht es um Anteilnahme, um ein Mitleiden mitten im Leid und also um den Christen als Menschen - und das gilt denn auch für die beiden anderen Werke dieser Aufnahme, das Nisi Dominus von 1717 und die Motette Longe mala, umbrae, terrores (Virgin Veritas 5 45474 2).