Hätte Ian Fleming, der Autor der James-Bond-Krimis, eine Vorlage für eine asiatische Spionagegeschichte gesucht, wäre er auf den Malediven fündig geworden. Von Male aus, der Hauptstadt des Taucherparadieses im Indischen Ozean, operierte ein mit der amerikanischen CIA eng kooperierender Geheimdienst. Sein Ziel: die Ausspähung der Indian Space Research Organisation, ISRO, im südindischen Kerala. Das war 1994. Die indische Raumfahrtbehörde entwickelte damals mithilfe russischer Ingenieure Raketen, über deren Einsatzmöglichkeiten westliche Späher nur Vermutungen anstellen konnten. Die Mission in Male brachte es an den Tag: Das indisch-russische Forschungsprogramm diente der "Entwicklung strategischer Waffen". Indien baute Mittelstreckenraketen für Atombomben.

Das indische Central Bureau of Investigation, CBI, ein Pendant zur amerikanischen Bundespolizei FBI, bekam Wind von dem Unternehmen auf der Koralleninsel. Das lag nahe, denn viele Hotels auf dem Archipel werden von Indern geführt. Und in einem dieser Etablissements hatte der mysteriöse Geheimdienst urlaubenden indischen Wissenschaftlern Geheimnisse entlockt.

Zwei maledivische Schönheiten, Mariam Rasheeda und Fouzia Hassan, schöpften die beiden Spezialisten Sasikumaran und Nambi Narayan auf ihre Weise ab. Das Material reichte, so schrieb im Dezember 1994 die indische Zeitung Asian Age, "um in drei Monaten die Raketentechnologie zu entwickeln, für die Indien jahrelange Forschung benötigte". Neben den Wissenschaftlern wurden zwei Geschäftsleute aus Bangalore, der indische Liaisonoffizier der russischen Raumfahrtbehörde sowie Raman Srivastavader, indischer Geheimdienstchef für den Bezirk Kerala, verhaftet. Er galt als Kopf der Verräterbande. Die indischen Herren wurden aber alsbald sämtlich rehabilitiert. Den beiden maledivischen Damen erging es schlechter. Sie waren in Indien festgenommen worden, zunächst wegen "abgelaufener Visa" - und blieben dann jahrelang ohne Prozess eingekerkert. Es nützte der wortgewandten Mariam Rasheeda nichts, als sie um Gnade bat. "Ich liebe Indien über alles", weinte sie vor dem Untersuchungsrichter. "Als Malediverin stehe ich in Indiens Schuld, seit die Inder unser Land aus einer kritischen Lage gerettet haben. Würde ich wagen, gegen die Interessen dieser Nation zu verstoßen?", fragte sie, demonstrativ im Sari gekleidet. "Niemals!"

Liebesdienerinnen und Minister Was mit Mariam Rasheeda und Fouzia Hassan schließlich geschah, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Die Berichterstattung aus Kerala endet 1997.

Zuletzt befanden sich die beiden Schönheiten im Viyyur-Gefängnis nahe dem Ort Thrissur. Ob sie wirklich von den Malediven stammten? Ob sie wirklich den auf Raketenantrieb spezialisierten Wissenschaftlern technische Details entlocken, diese verstehen und an Hintermänner weitergeben konnten? Ob die indischen Ingenieure, Geschäftsleute und Spione wirklich alle unschuldig waren oder nicht vielmehr abermals umgedreht wurden? All das wird nicht mehr an den Tag kommen. Sicher ist nur eines: Der mysteriöse feindliche Dienst hatte es gezielt auf die indische Waffentechnik abgesehen. Es war der berüchtigte ISI, der pakistanische Inter Services Intelligence.

Ein Jahr nachdem die beiden Damen vergeblich um ihre Freiheit gefleht hatten, starb ein Mann in Washington eines natürlichen Todes, den die New York Times in ihrem Nachruf den "silberhaarigen Brahmanen des politischen Establishments" nannte. Clark Clifford hatte sich mit seinen 91 Jahren immer noch kerzengerade gehalten. Zeitlebens achtete er darauf, dass seine Manschetten nicht mehr als einen halben Zoll aus den Ärmeln seiner maßgeschneiderten Zweireiher herausragten. Er sprach mit dem lang gezogenen, weichen Akzent des Mittleren Westens. Clifford wurde nicht etwa "Brahmane" genannt, weil er irgendwie an einen Inder erinnerte. Der Rechtsanwalt war der Brahmane, weil er alles wusste und das, was er nicht wusste, erahnte.

Niemand hat je erlebt, dass Clark McAdams Clifford die Stimme erhob. Der Vater von drei Töchtern, zwölf Enkeln und 17 Urenkeln bildete jeden Satz, den er sprach, im Voraus, lernte ihn auswendig. "Das Gehirn ist ein Muskel", pflegte er zu sagen, wenn er zum Lunch einkehrte, ein Sandwich und ein Glas fettfreie Milch am Tresen des People`s Drugstore bestellte. "Je mehr ich es benutze, desto stärker wird es."