Die Vortänzerin von Shanghai

In ihrem ersten Leben war Jin Xing ein Mann, Oberst in der chinesischen Armee. Dann wurde er zur Frau, als Tänzerin umjubelt. Die Geschichte einer Verwandlung in einem sich wandelnden Reich

Nichts ist eindeutig in dieser Nacht, es ist seit einer Stunde Donnerstag, und sie ist noch immer nicht da. Die Stille schluckt jeden Laut, nur der Portier steppt gegen die verrinnende Zeit an. Man stellt sich die Diva vor, den Verführer, die Femme fatale, den glamourösen Zauberer, die Elfe, das zerbrechliche Wesen, und plötzlich, um kurz nach eins, aus dem Bauch des Molochs Shanghai, im verwehten Regen der Nacht, kommt ein lemongelber VW Beetle vor der goldfarbenen Drehtür des 24-stöckigen Lenshang-Hotels zum Stehen. Die Fahrertür öffnet sich, jemand steigt aus, schwingt sich herein in die spiegelblanke Marmorbodenlobby und trippelt direkt auf den einzigen Gast zu, der sich um diese Zeit noch hier aufhält, seit Stunden in einem Polstersessel versunken. Diese kleinen, schnellen Schritte und ihr Klacken auf den Fliesen, da, endlich, kommt der Goldene Stern, und er ist von einer unerhörten Laszivität. Um halb zwei, Donnerstagmorgen, beschließt die wahrscheinlich beste Tänzerin der Welt, gegen alle Zumutungen des kalten Lebens eine heiße Schokolade zu trinken. Die Art, wie sie sich aus der Hotellobbycouch erhebt, hat etwas unerhört Bourgeoises. Der künstliche Seufzer ist kaum zu vernehmen

nur so hat er Stil.

Am nächsten Morgen kommt sie ungeschminkt. Am Oberlippenrand die drei kurzen, horizontal gesetzten Narben

unter der Nase eine Narbenparallele, einen Zentimeter lang. Ober- wie Unterlippe besitzen die gleiche Form, der Mund wirkt rund und voll. Das Nasenbein setzt erst kurz vor der leicht abfallenden Spitze ein, die Jochbeine beginnen bald unter den Schläfen. Wo sich früher sein Adamsapfel wölbte, ist ein kleiner Schnitt. Ihre Hände sind aufmerksam gepflegt, geschmeidig. Es sind keine femininen Hände, dafür sind sie zu groß, und die Fingerglieder sind lang und ausgeprägt. Auf einem der Finger steckt ein breiter Bernstein, auf einem anderen ein lila Juwel. Ihre Haut ist bleich, man sieht manche Unebenheit und bei genauem Blick letzte Bartstoppel am Hals. Die Unterarme sind haar-, selbst flaumlos. Ihr Körper wirkt müde, an der linken Wade, unter der dünnen schwarzen Strumpfhose, fällt eine Mulde auf. "Augen", sagt sie, "Augen sind die Fenster zur Seele, dort sieht man ihre Tiefe und Kindlichkeit, ihre Reinheit und Wachheit." Jin Xings Iris ist schwarz, die Äpfel liegen flach in den engen Fassungen einer Mandel, und aus der Tiefe ihrer Blicke spricht die Poesie einer unerhörten Verlorenheit. Sie redet nicht. Sie lacht nicht. Sie isst das Gemüse lustlos. "Mein Leben ist Abschied", sagt sie plötzlich, "ein Abschied nach dem anderen. Ich bin mein Leben lang einsam und allein ... So ist das." Dann lacht sie laut und frei und ohne Notwendigkeit, eine Tonlage höher als ihr Reden, und man wird den Schatten dieses Lachens nicht mehr vergessen.

Jin Xing ist für viele das kulturelle Aushängeschild Shanghais, und Shanghai, heißt es, ist das Versuchslabor Chinas. Wenn sich etwas verändert in China, dann zuerst in Shanghai. Die Rolle der Frau etwa: Es gibt viele "neue Frauen" in China, aber Jin Xing ist eine Allegorie auf die Verwandlung

ihre Biografie ist die Biografie einer Unerschütterlichkeit, eine sichtbare Parabel auf Chinas Metamorphose. Früher war das Reich ein geschlossenes System, beherrscht von Politik und Ideologie

heute erscheint China als ein System, das sich, zulasten seiner Traditionsverhaftung, selbst geöffnet hat.

Man weiß nie, wie Shanghai aussehen, nie, welche Maske es aufziehen wird.

Nachts, wo das Zwielicht herrscht, blinken die Lichter seiner Türme wie rasende Funken, und am Morgen schon kann das alte, hölzerne, einstöckige Gassenhaus fehlen und mit ihm die Frau, die noch den gefüllten Nachttopf zur Sammelstelle trägt, und der schielende Greis an der Dreherbank mit dem blauen Kittel. Und übermorgen kann ein ganzes Wohnviertel fehlen, und in einem halben Jahr steht an jenem Platz, wo einst der Dreher saß, ein spiegelverglaster Turm mit 40 Stockwerken, darin eine weitere Shopping-Mall, eine Bank, ein Hotel aus der globalen Kette.

Shanghai, sagen seine Planer, sei die Stadt des 21. Jahrhunderts, die Weltstadt der Zukunft. Shanghai ist total urban, Stadt schlechthin. Gärten gibt es kaum, Parks wenige und Bäume nur, wenn, wie kürzlich, Gipfeltreffen stattfinden und Präsidenten kommen und das klinische Arrangement die Bewohner verstört, die sich alltäglich weiße Masken vor die Münder spannen, wenn sie mit den Rädern den Smog durchpflügen. Shanghai, spricht sein Mythos, ist die Geburtsstätte des modernen China. Anfang der neunziger Jahre gab es 20 Hochhäuser in Shanghai, heute sind es 3000 Wolkenkratzer. 30 Millionen Quadratmeter alte Wohnfläche wurden abgerissen, 100 Million neue geschaffen

1000 Straßen wurden gebaut, ein Flughafen in Form einer abhebenden Möwe geschaffen und ein doppeletagiges Verkehrssystem aus hingewuchteten Tangenten, Hochbahnen, Brücken und Schleifen gegen unendlich.

Am 13. August 1967, im Sternbild des Drachen, wurde in der Mandschurei ein Kind in einen falschen Körper geboren, und man gab ihm den Namen Jin Xing, Goldener Stern. Die Mutter war sükoreanischer, der Vater nordkoreanischer Herkunft. Die Familie Xing gehörte zur koreanischen Minderheit in Shenyang, einer armen, lärmenden Industriestadt von zweifelhafter Attraktivität im Nordosten Chinas. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Nachrichtenoffizier in der chinesischen Armee. Darauf war die kleine Familie stolz, ein Armeerang bedeutete gesellschaftliche Achtung, Koreaner in China waren Fremde und ungeliebt. Und jetzt war der Sohn da

einen Sohn zu bekommen war zu jener Zeit mehr wert als zwei Mädchen, und die Xings hatten schon eine dreijährige Tochter.

Der Bub mit dem runden Mund und den mandelförmigen Augen hatte schnell die höchste Freude an den kleinen und zarten Dingen des Lebens, an der Anmut geschickter Bewegungen, an schönem Duft, an schönem Gesang. Er liebte Märchen und spielte mit den Puppen der burschikosen Schwester. Viel hielt er auf Ordnung und Sauberkeit, und eines Nachmittags besuchte seine Schwester mit ihm das Kino, ein Tanzfilm lief, und die Schwester schlief ein. Wieder zu Hause, räumte Jin sein Zimmer aus und imitierte die gesehenen Bewegungen. Der Goldene Stern war vier, als er spürte, dass die Bühne sein Leben sein würde, die Drehung, die Nacktheit, der Ausdruck. Und es begann ein Leben voller Träume, Passionen und Obsessionen, voller Brüche und Verwandlungen. Er wollte eine Königin werden. Man sagt, sie sei es geworden.

Charmant, vielleicht gespielt, vielleicht narzisstisch, vielleicht mit kühlem Kalkül, höchst amüsant in jedem Fall, wie die sonnenbebrillte Diva hereintrippelt, mit kleinen, festen Schritten, wenn die Absätze der schwarzen Schuhe auf den blank polierten Fliesen irgendeines Geschäftsturms schlagen und ihr bourgeoises Lächeln auf den Gesichtern der Parkwächter und Portiere Wirkung hinterlässt. Bei den rauen, gern richtungweisenden Männern ist Verstörung zu erkennen, man ahnt, dass niemand von ihnen dieser Frau einen Wunsch abschlagen könnte. Hier, im Trade-Center an der New Century Plaza, besorgt sie Visa für ihre Tänzer, treibt auf dem Gang telefonierend und mit einem einzigen Satz ein Auftrittshonorar in die Höhe, sagt Anfragen ab, freut sich über die Zusage eines Sponsors, und während der Fahrt zur Hongkong Plaza singt sie eine Arie ihres geliebten Puccini. Vor allem aber fragt sie so viel, wie sie antwortet, die Grundmelodie ihres Fragens ist die Verzweiflung

am meisten interessiert sie, wann man von einem geglückten Leben sprechen würde.

Sie gebar sich selbst, als er 28 war. An einem kalten Pekinger Vorfrühlingstag ließ sich der Goldene Stern die Barthaarwurzeln durch eine Reihe kleiner Schnitte entfernen und die Reste mit einem Laser veröden. Er ließ sich bei örtlicher Betäubung und vollem Bewusstsein den Kehlkopfknorpel abschleifen und sprach dabei ohne Unterlass, damit eine Verletzung der Stimmbänder sofort bemerkt worden wäre. Sechs Wochen später wurden dem Goldenen Stern zwei Brüste aus kostengünstigem chinesischem Silikon implantiert. Bei der dritten und letzten Operation wurde aus der Haut des Penis das Schamlippenpaar geformt und die Eichel zur Klitoris verkleinert.

Nach drei Monaten war der Irrtum der Natur korrigiert, die äußere Umwandlung erfolgreich vollzogen

eine innere musste es nicht geben. "Endlich", hatte der Vater gesagt, "wir haben es immer geahnt." Der Goldene Stern maß ein Meter achtundsechzig, und immer wieder hatte er sich dasselbe gefragt: Willst du mit 50 ein kleiner Mann sein oder eine große Frau?

Jin Xings Geburt kostete 3700 Dollar. Es war die erste öffentlich bekannte und offiziell geduldete Geschlechtsumwandlung in China. Es war das erste Mal, dass ein Mann zu einer Frau wurde, die im Männerreich der Mitte mit der Kühnheit ihrer Hingabe für ihr neues Leben einstand, die nicht in der Anonymität verschwand oder sich umbrachte. Es war der Beginn einer neuen Industrie in China, der privatwirtschaftlich organisierten Geschlechtsoperationen, die chinesische Chirurgen im Internet anboten.

Hunderte beriefen sich auf Jin Xing, bewunderten sie für den Mut, die Kraft, die Obsession, Hunderte bekamen das Geld nicht zusammen und verzweifelten. Es interessiert Jin Xing nicht, was andere sagen. Sie glaubt an nichts außer sich. Sie glaubt an keinen Gott. Sie schätzt den buddhistischen Gedanken des Zirkulären, alles kehre wieder in verwandelter Gestalt

aber woran sie wirklich glaubt, ist der Körper, die Musik.

Es war Anfang der siebziger Jahre, und die einzige Möglichkeit eines Jungen mit schöner Seele, der Tristesse Shenyangs zu entkommen, war das Soldatentum.

Soldat zu sein bringt Ehre und Achtung mit sich, Härte, Drill, Disziplin, die Quellen jeder guten Ausbildung. Wer Soldat war, galt etwas. Das Soldatsein war dem Jungen egal. Er wollte Tänzer werden, ein großer und berühmter und umschwärmter: mit dem Körper die Seele ausdrücken. Mit neun ging Jin Xing in die Armee, weil sein Körper einen Ausdruck suchte und weil sie bei der Armee die besten Balletttrainer hatten. "Niemals, du bist viel zu jung", sagte die Mutter, und der Vater nickte. Der Goldene Stern trat in den Hungerstreik.

Nach drei Tagen gaben die Eltern nach, und Jin Xing wurde in die Tanzkompanie des Militärs in Shenyang, Provinz Liaonung, Nordost, aufgenommen, was nur eine Hand voll schafft jedes Jahr. Nach drei Jahren stand der Goldene Stern weinend vor der Tür seiner Eltern, erzählte von den Lehrern und den Schlägen mit den Bambusstöcken bei jedem Fehler. Jin war Bettnässer geworden. Die Mutter sagte: "Du hast dich entschieden, und du wirst durchhalten. Es ist dein Leben." Und der Vater nickte. Wie liebt sie ihre Eltern noch heute dafür. Wie lieben ihre Eltern sie trotz allem, was sie ihnen angetan hat.

Frau Yang war 56, respektiertes Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas, Pionierin plastischer Chirurgie und die erste Medizinprofessorin des Landes.

Sie hatte mit Hermaphroditen zu tun und mit beinahe todbringenden Geschlechtsverstümmelungen. Sie hatte manches Leben gerettet, nicht aber die dazugehörige Seele. Frau Yang hatte sich in den Achtzigern längere Zeit in den USA aufgehalten, um die Technik der Brustimplantation und der Schönheitschirurgie zu studieren. In China war sie eine Spezialistin, eine Koryphäe, Ende 1994 traf sie sich mit Jin Xing: Es war so weit, der Goldene Stern wollte endlich geboren werden, er wollte die endgültige Verwandlung, das Ganze. Und weil das Ganze in China weitaus preiswerter und er ein abergläubischer Mensch war, hatte er nach Stipendien, Engagements und vier erfüllten Jahren Europa den Rücken gekehrt, um in Peking Frau Yang aufzusuchen. "Ich wollte in China wiedergeboren werden, ich bin eine Chinesin." Nein, beschied Frau Yang ruhig, noch nie habe sie ein Geschlecht umgewandelt, in ganz China habe es das noch nicht gegeben, es sei auch nicht wirklich erlaubt, sie könne nicht helfen, es tue ihr leid, es gehe nicht.

Die Behörden waren überfordert

Jin Xing hatte nach seinem Aufenthalt in Rom eine Weile in Brüssel gelebt und sich dort von den besten belgischen Chirurgen ein Dossier über seine eigene Transformation zusammenstellen lassen

jeden Schritt hatte er bedacht, jedes Detail aufgeführt. Eine Woche lang saßen Frau Yang und Jin Xing schließlich zusammen und studierten die Pläne der europäischen Chirurgen. Jin erklärte, was er wollte und wie, und dann baten der beste Tänzer Chinas und die renommierte Medizinprofessorin die Behörden um Erlaubnis, die ihnen zunächst verweigert wurde.

Als Colonel Jin Xing, hoher Rang der chinesischen Armee, höher noch als der seines Vaters, die Kader aufsuchte, war es das Letzte, was er als Soldat tat, denn eine Frau kann kein Colonel mehr sein. Er redete und argumentierte und überzeugte sie, dass es klüger wäre, klüger im Sinne des Landes, im Sinne Chinas, ließe man ihn gewähren, man wisse doch um seinen internationalen Ruf.

"Ich sagte ihnen: Ich habe kein Gesetz gebrochen. Was wollen Sie tun? Wollen Sie mich umbringen?" Die Beamten der zuständigen Polizeibehörde waren überfordert. Ein ausdrückliches Verbot gab es nicht, die Norm der Keuschheit erodierte seit Jahren ohnehin. Besser, das Problem vom Hals zu haben, also änderten sie in den amtlichen Papieren Jins Geschlecht, sodass der Goldene Stern in seinem Reisepass zur Frau wurde, als er körperlich noch ein Mann war.

Als Mutter Xing ihren Sohn zum letzten Mal sah, als sie bei seiner Abfahrt weinend den Kopf an die Hauswand schlug, verzweifelt klagend "Warum wir?", richtete sich ein befreundeter Dokumentarfilmer auf einen halbjährigen Krankenhausaufenthalt in Peking ein: Er sollte die erste Geschlechtsumwandlung Chinas auf Video festhalten, veröffentlichen und den vielen Frauen in ihren männlichen Körpern Hoffnung geben. Ausgestrahlt wurde der Film nie. Im Februar 1995 setzte das Skalpell von Professorin Yang den ersten Schnitt über Jin Xings Oberlippe.

Der Moloch wird wach im Dunst. Wenn die Sonne aufgeht und die Strenge des Tages wiederkehrt, gibt es zum Schutz nur die Musik und den Körper. An diesem Morgen trägt Jin Xing ein schwarzes Kostüm: Hose, Jackett, elegant, schick, Businesswoman. "China braucht eine neue Kulturelite", sagt sie mit schneidendem Dünkel, der so kalt ist wie Shanghais Arroganz, blickt seltsam ungerührt in den Rückspiegel und justiert mit gebührender Eitelkeit ihren Pony. "Und es muss eine starke, seriöse Frau geben, die dieses neue China repräsentiert, eine eigene Klasse." Aus den Lautsprechern des Autos ertönt ein weiteres Mal Kim Juns Shadow of your smile, die Ballade des koreanischen Sinatra. Wer könnte diese Frau sein, der sie alle nacheifern? Wer könnte in einem Land mit 1,2 Milliarden Einwohnern diese Passion zur Größe haben? Die Frage beantwortet sich zum Teil am Eingang des erlesenen Restaurants Xinjishi, als die blasierten Besitzer sich aufgeregt verneigen, das mondäne Publikum zu tuscheln beginnt und Jin Xing erst einmal stilsicher die Serviette ablegt, ehe sie Krebsfleisch, Garnelen und Schwein à la shanghaiienne bestellt und einen schweren Rotwein aus Frankreich. Sie liebt den Luxus und den Reichtum und den klassischen Stil, und sie träumt von einem legendären Club mit Namen China white, er soll der Salon des zweiten Goldenen Zeitalters sein.

Im ersten Goldenen Zeitalter in den dreißiger Jahren beherbergte Shanghai die Dekadenz, die Mondänen und Gauner, die Bohemiens, die Lebenslustigen, die Swingenden, Luder und Frivolen. Die koloniale Perle, das "Paris des Orients", hatte die elegantesten Boulevards, die luxuriösesten Hotels, verraucht-verruchte Bars und sündenvolle Clubs, die Metropole kokettierte mit Art-déco-Ästhetik und frönte dem Freigeist des L'art pour l'art

sie imponierte dem Landesrest mit Kuppeln, Säulen, Türmen an Banken, Handelshäusern und Villen, sie gönnte sich die Gesten generöser Verschwendung, genoss das pompöse, überschäumende Leben. Die Gangstercity lebte vom Opiumhandel, wurde beherrscht von der Viererbande und finanzierte sich durch die hohe Kunst der Korruption. Shanghai war Freihafen der Engländer, Franzosen, Deutschen, Japaner und Russen, die sich Konzessionen schufen.

Für seinen imperialistischen Hochmut musste Shanghai büßen. Kommunisten und Kulturrevolutionäre pressten die Stadt von 1949 an erst programmatisch, dann finanziell aus, kassierten Steuern und ließen "die Hure des Kapitalismus" rechts liegen. 1992, nach Jahren ohne Zukunft, bedauerte der damalige Staatspräsident Deng Xiaoping die ideologische Ignoranz, räumte den historischen Fehler ein und erklärte das marode Shanghai mit seinen heute 14 Millionen Einwohnern und drei Millionen Pendlern zur Sonderwirtschaftszone, zum Aushängeschi ld der chinesischen Reformpolitik, zum Versuchslabor eines neuen China. Shanghai sollte blühen, Shanghai sollte wachsen. Und Shanghai brach aus sich heraus und über sich herein. Die Stadt wurde Gebärmutter ihrer eigenen Transformation, und heute ist Shanghai Ying und Yang, Mann und Frau, Licht und Schatten. Shanghai ist der Goldene Stern.

Um fünf Uhr morgens standen sie auf, müde und frierend, 30 Jungen und Mädchen, um 5.10 Uhr war das Bett gemacht, um 5.20 Uhr kam der Appell. Der älteste war 17, das "Baby" neun. Das "Baby" war Jin Xing, ein jüngeres Militärmitglied hatte es noch nie gegeben, und die Älteren gaben auf ihr "Baby" Acht. Es folgte der Morgenlauf, zehn Kilometer im Kreis des Kasernenkomplexes im Militärquartier Shenyang, um 6.30 Uhr ging es ins Studio. Jedes Kind stand an einer Säule, jedes Bein wurde jeweils zehn Minuten hochgebunden - zur Seite, nach vorne, nach hinten. Nach fünf Minuten begannen die Qualen, es gab Geschrei, Geheule, Erste gaben auf. Dann kam der Bambusstock. Nach zehn Minuten musste jedes Bein 100-mal nach oben geschlagen werden. Um 7.30 Uhr gab es Frühstück, Brot und Gemüse. Von acht bis halb zehn folgte russisches Balletttraining, um drei viertel zehn Unterricht in klassischem chinesischem Volkstanz. Nach dem Mittagessen um zwölf war Schlafpflicht bis zwei, danach Akrobatik und Kulturerziehung, von 18.30 Uhr an eine Stunde Privates, ab halb acht abends zwei Stunden Ausmerzen der kleinen Fehler. Um halb zehn Körperpflege, schließlich Schlaf. Der Sonntag war trainings- und übungsfrei, aber es war verboten, nach Hause zu gehen.

Manche spielten Fußball oder gingen zum Teich. Regelmäßig hatten sie Schießtraining, stehend, kniend, liegend, dem kleinen Jin fiel das Gewehr aus der Hand, so schwer war es. Das MG war zehn Zentimeter größer als er, und er musste es innerhalb einer Minute in der Dunkelheit auseinander nehmen und in der nächsten wieder zusammensetzen. Sie übten, Haftminen unter Brücken und an Gebäuden anzubringen, sie mussten TNT-Bomben zünden, und einmal vergaß "Baby" Jin vor Angst, davonzulaufen, bis ihn ein Freund gerade noch rettete.

Sie mussten auf Gepäckmärsche und wurden jedes Jahr acht Wochen zu einem simulierten Notfalleinsatz in eine andere Kompanie des Landes geschickt. Die kleinste Militärhose reichte dem Goldenen Stern bis zum Brustbein, aber er liebte die Macht, die die Uniform ausübte, und seine Mutter schneiderte ihm die Hose zurecht. Als er 14 war, ging seine Trainerin nach Peking und setzte alles daran, dass ihr Liebling ihr folgen konnte, was der nach einigem bürokratischen Aufwand schließlich durfte. Mit 17, nach acht Jahren Drill, wurde Jin Xing zum besten Tänzer Chinas gekürt. Er habe, hieß es, die bestmögliche Technik gehabt, strenge, formvollendet-filigrane, russische Ballettkunst, die Raffinesse des Schritts, die Zartheit und Perfektion der Drehungen, die absolute Beherrschung des Körpers.

Wer Jin Xing heute für eine Einzelvorstellung buchen will, zahlt über 5000 Dollar. Ihre Honorarsätze zählen zu den höchsten der Welt, wenn sie choreografiert, verlangt sie 1200 Dollar die Minute. Ach, wie sie das Aushandeln hasst! "Ich bin an zwei Dingen gar nicht interessiert: an Politik und Geschäft." Es sei, sagt sie, ein Wunder, dass sie überlebe

Koketterie gehört zu ihrem Wesen wie ihre Art von fast rhetorischem Lachen. Lacht sie über sich, wenn sie lacht, oder ist es im Gegenteil nett verpackter Größenwahn? Ist ihr Augenzwinkern eine Form spielerischen Charmes oder bereits spitze Waffe im Kampf ums Überleben? Sie erhalte, schwört sie, keinen Yuan staatliche Subvention, stell dir vor! "So ist das Leben." Sie ist immer voller Pläne, aber was sie als Nächstes macht? Sie weiß es nicht, sie hängt von den Stimmungen ab, die sie erfährt, reflektiert und choreografisch ausdeutet. In Halfdream begann es 1993, als er 26 war, und sie führte es fort im Shanghai Tango und in der Carmina Burana, und sicher wird sie das zerbrechliche Leben immer wieder festtanzen, mit jedem Stück, das kommt und die 1800 Zuschauer im Grand Theatre zu Ovationen veranlasst und zu Tränen.

Der Goldene Stern sollte leuchten für ein neues Shanghai. Jin Xing aber tanzt nicht für China, nicht für den Staat, nicht für die Partei. Sie tanzt für sich und ihre unbehauste Seele.

Im zukunftsgierigen Shanghai scheint das Laisser-faire der dreißiger Jahre wieder zu erwachen, die Renaissance des Freigeistes jener Zeit. Man sieht es an Details: die Lampen in den Cafés, die Vasen der Hotels, das einem Lesbenpaar gehörende Restaurant 1931 mit Ming-Möbeln und knisternden Billie-Holiday-Aufnahmen, What I want is love, Postkarten und Poster chinesischer Mesdames und Messieurs in freizügigen Kleidern und weißen Anzügen. Nur noch selten ist zu sehen, dass nasse blaue Kleidung an quer gelegten Bambusstangen vor den einstöckigen Holzhäusern hängt. "China und vor allem Shanghai haben sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert", sagt Frau Hung aus Peking, die als Verlegerin zwei Frauenmagazine herausgibt, eine der meinungsmächtigen "neuen" Frauen Chinas. "Der Lebensstandard und die Konsummöglichkeiten haben sich enorm verbessert, und was immer in China als Ganzem geschieht, in Shanghai wurde es lange vorher erprobt und ausgelebt."

Seit Mitte der neunziger Jahre erfahre das Reich eine Wandlung seiner Parameter: Privateigentum und der stetig wachsende Zwang zur selbstverantwortlichen Entscheidung gewährten den Bürgern neue Freizügigkeit, erschütterten zugleich aber das Grundgefühl der Sicherheit, der Gemeinschaft, des Schutzes durch den Staat. Man lebt den globalen Lifestyle, der erkennbar westlich ist, Kosmetik, Karriere, Konsum.

Der kommunistische Zensor im mächtigen Shanghaier Kulturbüro war zugleich stellvertretender Geschäftsführer einer staatlichen Großreederei. Sein Name ist Cheng Banko und sein Verhängnis die Liebe zum Tanz. Als Jin Xing noch in Peking lebte und begonnen hatte, mit der Darstellung des hingebungszarten Körpers auf der Bühne die moralische Prüderie aufzubrechen, bat Banko, in der Hoffnung, die kulturelle Metamorphose seiner Stadt durch die Metamorphose der Kunst zu betreiben, den Goldenen Stern nach Shanghai. Jin Xing sollte die Avantgarde des Aufbruchs werden. Banko sponserte ihre Programme, applaudierte selbst den laszivsten Teilen im Shanghai Tango und den derbsten in der Carmina Burana, deren okzidentale Mönchsfreuden Jin Xing orientalisch interpretierte: Sie konfrontierte die chinesische Puristik und die Tradition der Gemeinschaftlichkeit mit dem westlichen Individualismus und verschmolz beides mit ihrer Passion. Anzüglichkeit ist traditionell chinesisches Tabu und der Tanz des Goldenen Sterns voll erotischer Sinnlichkeit, voller Freiheitslust. Wie würde das kommunistische Kulturbüro darauf reagieren? Man sagt, der Shanghaier Bürgermeister und der Sekretär der KP seien die gesamten Premierenvorstellungen über im Theater geblieben und hätten sich am Ende begeistert erhoben, wären in den 20minütigen Applaus des gerührten Publikums eingestimmt, und sie hätten sich mit dem Satz vernehmen lassen: Shanghai braucht diese Frau!

Verliebt in einen Cowboy

Nach dem Triumph der Kunst über die Moral hat Jin Xing keinen Versuch einer Zensur erlebt, obwohl Banko vor acht Monaten ins Gefängnis wanderte, niemand kennt den Grund für die Verhaftung

China bleibt unberechenbar. Jin Xing wird nach neuen Sponsoren suchen müssen. Als sie künstlerische Leiterin der von ihr gegründeten halb staatlichen Beijing Modern Dance Company war, stellte die Regierung noch das Studio und gewährte die Auftrittserlaubnis, mit entsprechenden Wünschen. In Shanghai zahlt sie 100 Dollar täglich für ihr eigenes Studio im Grand Theatre und lässt sich ihre Aufführungserlaubnis von einer privaten Agentur beschaffen. Ihr Unternehmen, sagt Jin Xing, sei die erste rein private Dance-Company Chinas. Sie ist nach Shanghai gekommen, weil sie begriff, dass hier das Kapital ist, ohne das die Kultur des Neuen Zeitalter nicht mehr existieren kann. Gerade haben, eine Woche lang, acht der 15 Tänzer ihrer Jin Xing Dance Theatre Company auf dem Shanghaier Autosalon für Audi viermal täglich 50 Minuten nach der Choreografie der Meisterin zu HipHop und Klassik getanzt und so der Company 40 000 Dollar eingebracht. "Sie ist das Symbol vom Ende des Kommunismus, sie ist das Ende von allem Alten, mit ihr beginnt etwas Neues in China", sagt die weltgewandte Frau des französischen Botschafters am Rande einer Charity-Vernissage über Jin Xing.

"Die Regierungstechnokraten lassen sie alles machen, sie haben keine Kraft, etwas gegen sie zu tun. Durch Jin Xing haben die Kader dem Volk den kleinen Finger gereicht, und mit ihr hat das Volk die Hand genommen."

Vielleicht begann dieses Ende von allem Alten bereits im Jahr 1988, als im Rahmen eines amerikanisch-chinesischen Kulturaustauschprogramms auf das Angebot der Modern Dance Company New York für einen einzigen Stipendiumsplatz die Wahl auf Jin Xing fiel. Er sei, soll der amerikanische Sichter gesagt haben, der beste Tänzer, den er je gesehen habe. Bei seiner Abreise wusste Jin Xing nicht, was Modern Dance bedeutete, aber er wollte raus aus China. In New York verlief er sich anfangs, irrte durch die Schluchten, er fühlte sich fremd und verloren, er sprach ja nicht ein Wort Englisch. In New York war der beste Tänzer Chinas ein Niemand unter vielen. In New York galten russische Technik und Pekingoperstil nichts. Technik macht keinen Tänzer. Ein Tänzer ist keine Maschine. Er ist Seele. Passion. Obsession.

Was Trainer Murry Louise, ein Schüler Martha Grahams, von Jin wollte, war Ganzheit: körperlicher Ausdruck der gesamten Persönlichkeit, das Drama des Lebens auf dem Gesicht, das Lachen, das Weinen, die gesammelten Abgründe. "Er sagte mir, ich sollte Gefühl in Bewegung umsetzen." Und Jin Xing legte die Rührung eines Verzweifelten in seinen Tanz, die Empörung des Betrogenen, das Leid, die Trauer, das Verhängnis der vertauschten Geschlechtlichkeit. Nach zwei Wochen Training mit den 19 besten schwarzen Modern-Dance-Tänzern der USA unterbrach Murry das Training, zitierte Jin zu sich und gestand: Nein, er könne das nicht glauben, dass ein Asiate nach nur zwei Wochen die Kunst der getanzten Emotion besser beherrsche als die besten Schwarzen eines Landes. Im gleichen Jahr wurde Jin Xing auf einem amerikanischen Tanzfestival zum besten Tänzer und Choreografen gewählt, und auf einer der folgenden Galaveranstaltungen verliebte er sich unsterblich in den texanischen Cowboy Clay, einen hünenhaften Mann mit Brille, Jeans und Stiefeln, "verrückt, nicht wahr?".

Noch heute mag Jin Xing große Männer mit schönen Händen und tiefen Augen. Sie sucht die Sicherheit, die groß gewachsene Männer versprechen. Im Angesicht einer Zukunft mit der großen Liebe gab er das Tanzen auf, zog in die texanische Prärie und brachte Clay das Frühstück an den Fluss. Nach einem Jahr aber schickte der Cowboy den Künstler nach New York zurück, und Clays furchtbarer Realismus brach dem Goldenen Stern das Herz.

Am 4. Juni 1989 geschah das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, und Präsident Bush senior stellte den chinesischen Elitestudenten eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und die Arbeitserlaubnis aus und eröffnete manchen eine noch größere Aussicht: vier Jahre Tanz für die Vereinigten Staaten, und Jin Xing sollte die von allen ersehnte Green Card bekommen. Er entschied sich für die europäische Kultur, nahm 1991 ein Angebot als Lehrer in einem Zentrum für Ausdruckstanz in Rom an und arbeitete dort auch für das Fernsehen. In der "schönsten aller Städte" lernte er italienisches Pathos kennen und lieben, die mediterrane Kulinarik und einen groß gewachsenen Psychiater, der bereits seine Familie zu verlassen im Begriff war, als Jin ihm eines Tages erklärte: "Du bist schwul, und ich bin eine Frau. Wir müssen uns trennen."

Sie liegt auf dem Opiumbett im Salon des edlen Restaurants Face, das früher das Haus von Song Meiling war, der Frau des Diktatorgenerals Chiang Kai-sheks, und nach dem Weltkrieg das Büro der südostchinesischen KP. Ihr Körper ist auf viele kleine Kissen gebettet, die seidenbezogen sind, orange, rot, gelb. Das erste Dämmerlicht der nahenden Nacht fällt durch die Fenster, ein scheuer Westwind geht, draußen lassen sich vier Hochzeitspaare auf den Boden legen und lächeln dabei erfroren in den Kamerakasten. Sie trägt das Qi Pao, das chinesische Traditionskleid, eng anliegend, Silberseide, blumenbestickt, die Zehen sind abgewinkelt, die Füße stecken in einer beigefarbenen Strumpfhose. Sie trinkt Mangotee und isst einen Käsekuchen. Im Opiumbett des Face hat Jin Xing Vorrecht, es ist eine Art Zuhause, in dem sie Träume verhandelt und Projekte mit Kunden. So luzide ihr Äußeres ist, so verdunkelt wirkt jetzt ihr Wesen

mit enigmatischem Eifer choreografiert sie die neue Inszenierung, und wer das kleine Spiel um Audienzdünkel und Hofstaatsromantik erkennt, wird hören, welchen Traum die Königin Shanghais als Nächstes verwirklicht, als spräche man später davon einmal als einer großartigen Anekdote des neuen, Goldenen Zeitalters in Shanghai ...

Drei Monate saß sie im Rollstuhl

Als er sechs war, hatte Jin Xing einen folgenschweren Traum. Strahlen aus dem Kosmos schlugen auf ihn nieder und bohrten sich in die Haut seiner Unterarme, sie zerstörten die Zellen und die Haare und die Y-Chromosomen, und seine Haut wurde glatt und rein. Als Jin Xing aufwachte, wusste er, dass er weiblich ist. Seine Mutter ging zu einer blinden Wahrsagerin in Shenyang. Mit 23, orakelte die Greisin, werde das Kind verheiratet sein

und es stimmte: Jin Xing heiratete die Freundin eines Freundes pro forma und verschaffte dem Paar die Green Card in New York. Mit 24 werde das Kind ein Hoch erfahren

Jin Xing wurde 1991 als bester Choreograf in den USA ausgezeichnet. Mit 28 werde das Kind einen großen Unfall oder etwas Einschneidendes erleben

mit 28 wurde Jin Xing eine Frau. Mit 38 werde das Kind wieder heiraten, mit 45 auf dem Höhepunkt seines Ruhms sein, mit 96 sterben, und mit 33 werde das Kind ein eigenes Kind bekommen. Und das kam so: Kurz vor ihrem 33. Geburtstag besuchte Jin Xings Mutter eine Freundin im Krankenhaus in Peking und wurde zufällige Zeugin einer mittleren Tragödie im Nebenzimmer: Eine junge Soldatin hatte einen Sohn geboren, aber statt zu lachen, weinte sie. Frau Xing ging hinüber.

Sie sei, klagte die Soldatin, von einem General geschwängert worden, sie könne das Kind unmöglich behalten. Meine Tochter, erwiderte Frau Xing, kann keine Kinder kriegen, aber sie würde gern eines haben. Zwei Tage nach ihrem 34. Geburtstag wurde Jin Xing Mutter. Sie nannte das Kind Leo und ruft ihn Dudu. Sie sieht in ihm ihren Engel. Sie engagierte eine Nanny vom Land, die 24 Stunden kocht, wickelt und den Haushalt im Appartement führt und mit der kleinen Familie in Kürze in die neu gekaufte Villa im alten Zentrum Shanghais ziehen wird. Noch in diesem Jahr soll Dudu ein Schwesterchen bekommen, und mit 13, im Jahre 2013, wird Leo Xing im englischen Eliteinternat Eton antreten, wo ihn der Goldene Stern vor kurzem angemeldet hat.

Bei der dritten und letzten Operation am bewusst gewählten Qing-Ming-Tag, 5.

April 1995, Tag der Reinheit, Tag der Klarheit, wurde Jin Xing auf den gynäkologischen Stuhl gelegt. Es dauerte 16 Stunden, bis der Mann aus dem Männerkörper verschwunden und die Frau nach seinem Bilde geformt war. 16 Stunden lang lag Jin Xings linke Wade schief in der Halterung des Stuhls.

Niemand hatte es bemerkt. Als der Goldene Stern wieder aufwachte, war er eine lädierte Frau. 16 Stunden wurde die Wade nicht durchblutet, Nerven und Muskeln waren abgestorben. Frau Yang, die Chirurgin, brach in Tränen aus.

Innerhalb von fünf Tagen verlor sie fünf Kilo und bekam graue Haare. Frau Yang sprach von Amputation, das linke Bein sei verloren. Ein aufmerksamer Besucher hielt den Goldenen Stern vom Sprung aus dem Fenster ab. Mutter Xing hasste Professorin Yang. Freunde prüften juristische Schritte. Drei Monate saß Jin Xing im Rollstuhl. Nach verzweifelten Wochen aber merkte der Goldene Stern plötzlich, dass sich der mittlere Zeh des linken Fußes bewegte. Nach einem halben Jahr fiel nur noch Freunden auf, dass Jin Xing nicht mehr so hoch sprang wie früher. Es folgten Auslandsauftritte, Vorführungen, Ehrungen.

Nach drei Jahren kehrte das Gefühl in die Wade zurück, und sie wurde ein Star.

Wo immer Jin Xing im Shanghai dieser Tage auftaucht, lehnen sie sich von ihren Fahrrädern auf die Motorhaube des lemonfarbenen VW Beetle, sie stecken die Köpfe zusammen, sie können nicht fassen, den Star aus den Zeitungen, Magazinen und Talkshows leibhaftig zu sehen

Jin Xings Alltag ist ein unaufhörliches Ereignis. Aus Bussen und den VW Santanas wandern Augenpaare auf sie zu, aller Köpfe drehen sich, als sei diese Frau ein Magnet, und sie genießt die Verblüffung, die erotische Verzauberung des anderen Geschlechts, die Blicke, die ihrer Weiblichkeit gelten, nie aber blickt sie zurück, die schwarzglasige Sonnenbrille muss auch bei Regen vor der Eindringlichkeit ungebetener Blicke schützen.

Im Licht der untergehenden Sonne fährt der lemongelbe VW Beetle auf die große Hängebrücke über den Huan, unten schleicht ein Tanker ozeanwärts auf dem langen Fluss ohne Wiederkehr. Die wahrscheinlich beste Tänzerin der Welt tanzt ihr eigenes Schicksal. Sie tanzt um ihr zerbrechliches Leben. Sie choreografiert die Magie der Momente. Dann ist der Abschied geschehen. Im Himmel Shanghais verweht ihr Lachen.

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    • Von Christian Schuele
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 04/2002
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