Die Vortänzerin von Shanghai

In ihrem ersten Leben war Jin Xing ein Mann, Oberst in der chinesischen Armee. Dann wurde er zur Frau, als Tänzerin umjubelt. Die Geschichte einer Verwandlung in einem sich wandelnden Reich von Christian Schuele

Nichts ist eindeutig in dieser Nacht, es ist seit einer Stunde Donnerstag, und sie ist noch immer nicht da. Die Stille schluckt jeden Laut, nur der Portier steppt gegen die verrinnende Zeit an. Man stellt sich die Diva vor, den Verführer, die Femme fatale, den glamourösen Zauberer, die Elfe, das zerbrechliche Wesen, und plötzlich, um kurz nach eins, aus dem Bauch des Molochs Shanghai, im verwehten Regen der Nacht, kommt ein lemongelber VW Beetle vor der goldfarbenen Drehtür des 24-stöckigen Lenshang-Hotels zum Stehen. Die Fahrertür öffnet sich, jemand steigt aus, schwingt sich herein in die spiegelblanke Marmorbodenlobby und trippelt direkt auf den einzigen Gast zu, der sich um diese Zeit noch hier aufhält, seit Stunden in einem Polstersessel versunken. Diese kleinen, schnellen Schritte und ihr Klacken auf den Fliesen, da, endlich, kommt der Goldene Stern, und er ist von einer unerhörten Laszivität. Um halb zwei, Donnerstagmorgen, beschließt die wahrscheinlich beste Tänzerin der Welt, gegen alle Zumutungen des kalten Lebens eine heiße Schokolade zu trinken. Die Art, wie sie sich aus der Hotellobbycouch erhebt, hat etwas unerhört Bourgeoises. Der künstliche Seufzer ist kaum zu vernehmen

nur so hat er Stil.

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Am nächsten Morgen kommt sie ungeschminkt. Am Oberlippenrand die drei kurzen, horizontal gesetzten Narben

unter der Nase eine Narbenparallele, einen Zentimeter lang. Ober- wie Unterlippe besitzen die gleiche Form, der Mund wirkt rund und voll. Das Nasenbein setzt erst kurz vor der leicht abfallenden Spitze ein, die Jochbeine beginnen bald unter den Schläfen. Wo sich früher sein Adamsapfel wölbte, ist ein kleiner Schnitt. Ihre Hände sind aufmerksam gepflegt, geschmeidig. Es sind keine femininen Hände, dafür sind sie zu groß, und die Fingerglieder sind lang und ausgeprägt. Auf einem der Finger steckt ein breiter Bernstein, auf einem anderen ein lila Juwel. Ihre Haut ist bleich, man sieht manche Unebenheit und bei genauem Blick letzte Bartstoppel am Hals. Die Unterarme sind haar-, selbst flaumlos. Ihr Körper wirkt müde, an der linken Wade, unter der dünnen schwarzen Strumpfhose, fällt eine Mulde auf. "Augen", sagt sie, "Augen sind die Fenster zur Seele, dort sieht man ihre Tiefe und Kindlichkeit, ihre Reinheit und Wachheit." Jin Xings Iris ist schwarz, die Äpfel liegen flach in den engen Fassungen einer Mandel, und aus der Tiefe ihrer Blicke spricht die Poesie einer unerhörten Verlorenheit. Sie redet nicht. Sie lacht nicht. Sie isst das Gemüse lustlos. "Mein Leben ist Abschied", sagt sie plötzlich, "ein Abschied nach dem anderen. Ich bin mein Leben lang einsam und allein ... So ist das." Dann lacht sie laut und frei und ohne Notwendigkeit, eine Tonlage höher als ihr Reden, und man wird den Schatten dieses Lachens nicht mehr vergessen.

Jin Xing ist für viele das kulturelle Aushängeschild Shanghais, und Shanghai, heißt es, ist das Versuchslabor Chinas. Wenn sich etwas verändert in China, dann zuerst in Shanghai. Die Rolle der Frau etwa: Es gibt viele "neue Frauen" in China, aber Jin Xing ist eine Allegorie auf die Verwandlung

ihre Biografie ist die Biografie einer Unerschütterlichkeit, eine sichtbare Parabel auf Chinas Metamorphose. Früher war das Reich ein geschlossenes System, beherrscht von Politik und Ideologie

heute erscheint China als ein System, das sich, zulasten seiner Traditionsverhaftung, selbst geöffnet hat.

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