Die Vortänzerin von ShanghaiSeite 10/10

April 1995, Tag der Reinheit, Tag der Klarheit, wurde Jin Xing auf den gynäkologischen Stuhl gelegt. Es dauerte 16 Stunden, bis der Mann aus dem Männerkörper verschwunden und die Frau nach seinem Bilde geformt war. 16 Stunden lang lag Jin Xings linke Wade schief in der Halterung des Stuhls.

Niemand hatte es bemerkt. Als der Goldene Stern wieder aufwachte, war er eine lädierte Frau. 16 Stunden wurde die Wade nicht durchblutet, Nerven und Muskeln waren abgestorben. Frau Yang, die Chirurgin, brach in Tränen aus.

Innerhalb von fünf Tagen verlor sie fünf Kilo und bekam graue Haare. Frau Yang sprach von Amputation, das linke Bein sei verloren. Ein aufmerksamer Besucher hielt den Goldenen Stern vom Sprung aus dem Fenster ab. Mutter Xing hasste Professorin Yang. Freunde prüften juristische Schritte. Drei Monate saß Jin Xing im Rollstuhl. Nach verzweifelten Wochen aber merkte der Goldene Stern plötzlich, dass sich der mittlere Zeh des linken Fußes bewegte. Nach einem halben Jahr fiel nur noch Freunden auf, dass Jin Xing nicht mehr so hoch sprang wie früher. Es folgten Auslandsauftritte, Vorführungen, Ehrungen.

Nach drei Jahren kehrte das Gefühl in die Wade zurück, und sie wurde ein Star.

Wo immer Jin Xing im Shanghai dieser Tage auftaucht, lehnen sie sich von ihren Fahrrädern auf die Motorhaube des lemonfarbenen VW Beetle, sie stecken die Köpfe zusammen, sie können nicht fassen, den Star aus den Zeitungen, Magazinen und Talkshows leibhaftig zu sehen

Jin Xings Alltag ist ein unaufhörliches Ereignis. Aus Bussen und den VW Santanas wandern Augenpaare auf sie zu, aller Köpfe drehen sich, als sei diese Frau ein Magnet, und sie genießt die Verblüffung, die erotische Verzauberung des anderen Geschlechts, die Blicke, die ihrer Weiblichkeit gelten, nie aber blickt sie zurück, die schwarzglasige Sonnenbrille muss auch bei Regen vor der Eindringlichkeit ungebetener Blicke schützen.

Im Licht der untergehenden Sonne fährt der lemongelbe VW Beetle auf die große Hängebrücke über den Huan, unten schleicht ein Tanker ozeanwärts auf dem langen Fluss ohne Wiederkehr. Die wahrscheinlich beste Tänzerin der Welt tanzt ihr eigenes Schicksal. Sie tanzt um ihr zerbrechliches Leben. Sie choreografiert die Magie der Momente. Dann ist der Abschied geschehen. Im Himmel Shanghais verweht ihr Lachen.

 
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