Gandhi AG wäre ein seltsamer Name für einen Rüstungskonzern, und ein Unterhaltungsprogramm im Privatfernsehen würde man kaum den Kafka-Kanal taufen. Ähnlich paradox steht es mit dem Verhältnis von Wesen und Bezeichnung bei der Firma Plato Kommunikation in Berlin. Plato ist ein Ableger der angesehenen Werbeagentur Scholz & Friends, und Platos Metier ist die "politische Kommunikation" - was zum Beispiel heißen mag, dass man der deutschen Öffentlichkeit im Auftrag des Familienministeriums ein neues Väterbild vermittelt oder Staatssekretär Mosdorf zum Thema "Zukunftsbranche Mobilfunk - Wachstumschancen und Herausforderungen" sprechen lässt. Mehr salonhafte Veranstaltungen wie das "Plato Dinner" (ein "politisches Abendessen mit Unternehmerinnen und Unternehmern sowie einem Exklusivgast aus der Landes-, Bundes- oder Europapolitik") dienen dem Austausch und der Beziehungspflege im Hauptstadtmilieu.

Man versteht schon, wie die Unternehmensgründer auf ihren Namenspatron verfallen sind

Platon (so heißt er auf Griechisch) hat seine Philosophie bekanntlich in Dialogen niedergelegt, den Staatsangelegenheiten war er auch zugewandt, und so mochte er zum Maskottchen der "politischen Kommunikation" geeignet scheinen. In Wirklichkeit aber ist Platon ein Gewährsmann von ganz anderer Tendenz für das politische Werbe- und Beratungswesen, für die Welt der PR-Experten, spin doctors und Kampagnenplaner, die neuerdings zwischen Wählern und Gewählten, zwischen Interessenten und "Entscheidern" ihren vielfältigen Vermittlungsgeschäften nachgehen. Ein solches Mischphänomen von Macht, Geld und Wissen hat es nämlich auch im antiken Griechenland schon gegeben, und Platon war es, der diese Erscheinung besonders einprägsam beschrieben - und unnachsichtig gegeißelt hat. Die Rede ist von der Sophistik.

Der Auftritt des Prunkredners

Die Sophisten traten gegen Ende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts auf, als Wanderlehrer, die mit großer Publicity von Stadt zu Stadt zogen, um für viel Geld ihren Unterricht anzubieten, in Dichterinterpretation, Grammatik oder Naturkunde. Vor allem aber brachten sie politisch ehrgeizigen jungen Männern Rhetorik bei - in einer Gesellschaft der Mündlichkeit und des Live-Auftritts vor einer überschaubaren Bürgerschaft war die Redekunst, was heute die Fernsehtauglichkeit ist, und der Sophist eine Art Media-Consultant und TV-Trainer des klassischen Altertums. Politikberater war er von Zeit zu Zeit auch. So hat der berühmte Protagoras von Abdera für den athenischen Staatsmann Perikles die Verfassung der Stadt Thurioi entworfen, einer auf dem Reißbrett konstruierten Kolonie und Mustersiedlung in Süditalien.

Mit ihrer neuartigen Kombination von Show und Expertise warfen die Sophisten das hergebrachte politische Leben durcheinander, machten sich in den Augen von Traditionalisten als Verderber der Jugend verdächtig und erreichten in der panhellenischen Öffentlichkeit Star- und Kultstatus. In Platons Dialog Protagoras begegnen wir einem Jüngling, der am Abend von der Ankunft des großen Mannes in Athen erfahren hat, die Nacht über kaum schlafen kann und schon im Morgengrauen seinen Freund Sokrates mit der aufgeregten Frage aus dem Bett holt, wie man um Himmels willen Protagoras-Schüler wird. "Es gebricht der modernen Welt an genau zutreffenden Parallelen", meinte der Altphilologe und Philosophiehistoriker Theodor Gomperz 1909 in seinen Griechischen Denkern, und wählte dann den Vergleich: "Halb Professor und halb Journalist - durch diese Formel lässt sich der Sophist des fünften Jahrhunderts unserem Verständnis vielleicht am nächsten bringen." Heute mag man sagen: Mit der Sophistik fing die Mediengesellschaft an.

Denn die Medien sind das Reich der Vermittlung, des Indirekten, auch von Täuschung und Illusion, und die Entdeckung dieser Welt des Scheins war die eigentliche Großtat der Sophisten. "Der Mensch ist das Maß aller Dinge", lautet der bekannteste Satz des Protagoras, und daher galt für ihn: "Wie alles mir erscheint, so ist es für mich, wie dir, so ist es für dich." Die Wirklichkeit ist nicht einfach gegeben, sondern eine Frage der Perspektive