U-Bahn-Fahren? Für Jan-Niklas und Till kein Problem. "Kinderfilm" heißt das Zauberwort für die beiden Hamburger Jungen. Denn ihre U-Bahn hat einen Fernseher, und auf diesem Fernseher laufen nicht nur Werbefilme, Fahrgastinformationen und Nachrichten, sondern auch alle paar Minuten ein Zeichentrickfilmchen mit den lustigen Knollenmännchen aus dem Hause Mordillo.

Die Kinder sind begeistert, und nicht nur sie. In Berlin beispielsweise beurteilten kürzlich bei einer Umfrage des forsa-Instituts 82 Prozent aller befragten Fahrgäste das dortige U-Bahn-TV als "gut bis sehr gut".

Im Zug sitzen und gleichzeitig fernsehen - dies können in Deutschland schon heute neben den Hamburgern und den Berlinern die Hannoveraner, die Leipziger und demnächst auch die Münchner. Längst noch nicht alle auf allen Linien, aber immer mehr. Am weitesten fortgeschritten ist die Entwicklung in Berlin: 2000 Doppelbildschirme hat das Berliner Fenster, eine 100-prozentige Tochter der Berliner Verkehrsbetriebe, in den Waggons installiert. Spätestens in drei Jahren sollen die Fahrgäste auf allen Linien in den Genuss dieses Serviceangebots kommen.

Allerdings: Noch seien die Kosten des neuen Werbemediums "zu hoch", sagt Stefan Kuhlow. Der 34-Jährige muss es wissen. Seit zwei Jahren ist er Geschäftsführer der Münchner Firma Infoscreen, des Unternehmens, das weltweit als erstes Fahrgast-TV einführte und heute Marktführer im Bereich der digitalen Außenwerbung ist. 1262 Bildschirme installierte die Firma in Hamburg im Rahmen einer Kooperation mit der Hamburger Hochbahn. Kosten: neun Millionen Euro. Und damit ist nur die Hardware bezahlt. Jeder Bildschirm muss mit regional abgestimmten Informationen bespielt werden. Von den 80 Infoscreen-Mitarbeitern arbeiten allein 15 in Hamburg. Das alles, so Stefan Kuhlow, rechne sich noch nicht.

Kostengünstiger als das Fahrgast-TV sind die so genannten Hintergleisanlagen (Station-Infoscreens). 91 Stück betreibt Infoscreen davon in neun deutschen Städten. Die acht Quadratmeter großen Bildschirme werden von einem Beamer vom Gleis aus angespielt und vertreiben den Fahrgästen die Wartezeit. Kommt der Zug eingefahren, gibt es auf dem Bildschirm eine kurze Nachricht. Das Patent für diese Technik, ein Fühler auf den Gleisen wenige Meter vor der Stationseinfahrt, hat sich Infoscreen weltweit sichern lassen.

Auch die Deutsche Eisenbahn-Reklame, eine Tochter der Deutschen Bahn, hat längst erkannt, welche Chancen darin liegen, wartenden Reisenden die Zeit zu vertreiben. Auf den 30 größten deutschen Bahnhöfen wurden bereits Bildschirm-Tower installiert. Am 11. September standen in Frankfurt, München oder Hamburg-Altona Tausende von Menschen vor den Riesenfernsehern und verfolgten die schrecklichen Nachrichten live, in Bild und Ton. Noch nutzt die Eisenbahn-Reklame die Schirme vor allem für eigens produzierte Nachrichtensendungen oder Events. So wurde beispielsweise in den Wochen vor Weihnachten eine große Werbetour des Schweizer Verkehrsverbandes auf dem Münchner Bahnhof gezeigt. Langfristig jedoch plant auch die Bahn die Installation von Hintergleisanlagen, die dann vor allem durch Werbung finanziert werden sollen.

Deutschland vorn