Das Schöneberger Rathaus ist der Öffentlichkeit aus Zeiten der Wende bekannt. Auf seinem Balkon standen Kohl, Genscher, Brandt und Momper am 10.

November 1989 vor einer tausendköpfigen Menschenmenge. Als die Herren sehr ergriffen und sehr falsch die Nationalhymne sangen, wurden sie ausgepfiffen.

"Nie wieder Deutschland"-Plakate waren zu sehen, vor dem "Vierten Reich" wurde gewarnt. Die Schallplatte mit dem schiefen Gesang der Schöneberger Sängerknaben war ein Hit in linken Kreisen, als satirisches Antidot gegen den vermeintlichen "neuen Nationalismus". Am letzten Wochenende war das Schöneberger Rathaus wieder einmal Schauplatz eines historischen Akts: Die PDS hatte es sich nicht nehmen lassen, genau hier ihren ersten Parteitag als Berliner Regierungspartei zu feiern. Die PDS nahm einen hoch symbolischen Ort des alten West-Berlin ein, ohne nennenswerte Gegenwehr: Das Schöneberger Rathaus, die Wirkungsstätte Willy Brandts als Berliner Bürgermeister im Kalten Krieg, die Bühne für Kennedys berühmten "Ich bin ein Berliner"-Auftritt, ist jetzt Teil der PDS-Parteigeschichte.

Gysi und die oberen Parteigenossen sind sich solcher Symbolik bewusst. Der designierte Wirtschaftssenator liebt es, die großen geschichtspolitischen Linien zu ziehen. Die rot-rote Koalition will er als historische Aufhebung der schändlichen Zwangsvereinigung von KPD und SPD inszenieren. Der Handschlag von Gysi und Wowereit, mit dem die Koalition besiegelt wird, soll jenen von Pieck und Grotewohl vergessen machen. Gysi verkauft den rot-roten Krisensenat tatsächlich als historische Erfüllung der Geschichte der Linken in Deutschland. Das ist Chuzpe.

Der kommende Kultursenator der Hauptstadt, Thomas Flierl, hat zwischen zahlreichen Interviews kaum Zeit, sich Grundsatzreden anzuhören. Er hütet sich auch davor, in Gysis Manier seinen Karrieresprung als List des Weltgeistes auszugeben. Jedermann weiß, dass er als Senator erst ins Spiel gekommen war, als die erste Riege, Gregor Gysi und Lothar Bisky, schon abgewunken hatte. Wer einen Ruf zu verlieren hat, scheut dieses Amt, das in den letzten zwei Jahren drei Hoffnungsträger - Christa Thoben, Christoph Stölzl, Adrienne Goehler - verschliss. Flierls Ruf ist ohnehin ruiniert - da regiert es sich womöglich ganz ungeniert, auch mit einem entgegen allen Wahlkampfversprechen abermals dramatisch geschrumpften Etat. Als Baustadtrat des Bezirks Mitte (von 1998 bis 2000) hat sich Flierl bereits den zweifelhaften Titel des "Verhinderers" erworben, den er freilich wie einen Verdienstorden trägt. Er hat gegen die Telekom-Werbung am Brandenburger Tor und gegen die Riesenposter am Potsdamer Platz gestritten und die Aufstellung von Wirtshaustischen auf den Bürgersteigen nachmessen lassen, auf dass die Freiluftgastlichkeit sich in den neuen Szenevierteln nicht allzu übermütig ausbreite. Unvergessen ist auch sein Widerstand gegen den bunten Sat.1-Fesselballon am Potsdamer Platz, überhaupt gegen jede Form der Festivalisierung des öffentlichen Raumes, sei es durch die Love Parade oder die üblichen Silvesterspektakel.

Als Don Quichotte im Kampf mit den Windmühlen der Event-Industrie wurde Flierl zur Hassfigur der Boulevardpresse, erwarb sich aber im Gegenzug auch Sympathien weit über den Osten hinaus in jenen Bürgerzirkeln, denen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes ein Dorn im Auge ist. Man trifft sich in der Verachtung des gemeinen Schultheiß-Berliners, dessen grobe Gelüste die historische Mitte mit Würstchenbuden, Glühweinständen und Biergärten überziehen.

Flierl, geboren 1957, ist der Sohn des prominenten Architekturkritikers Bruno Flierl, des Cheftheoretikers der ostmodernen Baukunst mit ihren riesigen Freiflächen, Aufmarschschneisen und Turmbauten. Der junge Flierl hatte es schon in der DDR weit gebracht. Wer wie er 1976 - im krisenhaften Jahr der Ausbürgerung Biermanns - in die Partei eintrat, dem wurde es lange nicht vergessen. Nach der Promotion zum Doktor der Philosophie an der Humboldt-Universität arbeitete er bis zur Wende im Kulturministerium. Die PDS machte ihn zum Kulturamtsleiter im Prenzlauer Berg, bevor er zum Baustadtrat Mitte aufrückte. Nun also wird er Senator für Kultur und Wissenschaft, und anders als viele Kommentatoren scheint ihn das kaum zu erstaunen. So viele Türen sind ihm schon geöffnet worden, warum dann nicht auch diese? In seinen besseren Momenten ist Thomas Flierl durchaus in der Lage, sich selbst vor dem Hintergrund seiner ganz besonderen Klassenlage zu beobachten: Die DDR, meint er dann - nicht ohne Lächeln -, sei natürlich auch eine Gesellschaft mit feinen Unterschieden gewesen. Er habe keine Berührungsängste mit dem "bürgerlichen Erbe" und dem Begriff der Repräsentation. "Berlin muss den intellektuellen Diskurs des Landes repräsentieren", sagt er. Es sei ein Missverständnis, wenn man ihn als bloßen Kiez-Politiker und Exponenten der Soziokultur hinstelle.