Für Jürgen Altmann ist die Frist abgelaufen. Nächstes Jahr ist für den Physiker und Abrüstungsexperten Schluss - wenn man das neue Hochschulrahmengesetz (HRG) von Forschungsministerin Edelgard Bulmahn ganz genau nimmt. Es befristet den Aufenthalt an einer Hochschule nach Beendigung des Studiums auf 12 Jahre. Altmann beforscht die militärische Weltraumnutzung und Mikrosystemtechnik allerdings schon seit 17 Jahren. Dabei wechselte er mehrfach Projekte und die Universität, wie das in Deutschland üblich ist für Wissenschaftler, die noch nicht zum Professor berufen worden sind. Seine Karriere könnte ein jähes Ende haben, wenn die neueste Änderung des Hochschulrahmengesetzes in diesem Frühjahr in Kraft tritt.

Bedrohte Forscherkarrieren wie jene des 52jährigen Altmann sorgten in der vergangenen Woche für Schlagzeilen. Ulrich Herbert, Mitglied des Wissenschaftsrats und Professor für Geschichte an der Universität Freiburg, warnte in der Süddeutschen Zeitung vor Massenentlassungen. Einige tausend Forscher seien von Dauerarbeitslosigkeit bedroht, "ein historisch präzedenzloser Plan". Mitglieder von Initiativen (wie wissenschaftlichernachwuchs.de) warnten eindringlich, die Generation der über 35-jährigen Forscher sei verloren, eine lost generation, die entweder ins Ausland oder aber aus der Wissenschaft hinausgetrieben würde.

Gemäß der neuen Fristenregelung dürfen Nachwuchswissenschaftler künftig nach dem Diplom nur in begründeten Fällen länger als zwölf Jahre an der Universität bleiben, Promotionsdauer inklusive. Wer bis dahin keinen Ruf auf eine Professur erhalten hat, muss gehen. Früher waren bis zur Promotion fünf, nach der Promotion elf Jahre möglich und mit einigen Tricks noch mehr.

Geht es nach den Langzeitstudenten nun auch den Langzeitforschern an den Kragen? Beabsichtigt ist durchaus, die Professorenriege zu verjüngen, der Nachwuchs soll schneller eine Chance haben. Die kürzeren Fristen begründet das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit einer "typisierten Qualifikationsphase", einer Art Normkarriere, die das Durchschnittsalter von Professoren bei ihrer Erstberufung von derzeit 42 Jahren um einige Jahre senken soll.

Dahinter verbirgt sich eine alte Diskussion: Wohin mit den guten Wissenschaftlern, die keine Professur bekommen? Angebot und Nachfrage klaffen weit auseinander. An den Universitäten habilitieren sich jedes Jahr rund 2000 Forscher, und längst nicht alle werden Professor. Bei den Historikern kommen auf eine freie Professur etwa sieben Anwärter, sagt Thomas Mergel, Historiker und Sprecher von wissenschaftlichernachwuchs.de. In den meisten anderen Geisteswissenschaften verhält es sich ähnlich.

Seine Initiative fordert unter anderem mehr Dauerstellen unterhalb der Professorenebene, im so genannten Mittelbau - auch um dem Nachwuchs genug Zeit und Raum zur Qualifikation zu bieten. "Eine Fabrik kann nicht nur mit Direktoren und Lehrlingen betrieben werden, und für die Forschung gilt dasselbe", sagt auch die Atmosphärenchemikerin Christiane Textor von der Initiative Perspektive Forschung.

Arbeitsverträge mit Verfallsdatum gab es an den Universitäten und öffentlichen Forschungsinstituten schon immer. Sie sollen die permanente Selbsterneuerung der Wissenschaft garantieren und für den jüngsten Nachwuchs Posten freimachen. Die wissenschaftlichen Stellen an den Hochschulen sind zu mehr als zwei Dritteln befristet, bei der Max-Planck-Gesellschaft ist es rund die Hälfte. Doch wer sein Zeitbudget ausgeschöpft hatte, konnte nach altem Recht einfach an eine andere Universität oder öffentliche Forschungseinrichtung wechseln und sein Zeitkonto wieder auf null setzen. Die Hochschulen hatten gegen diese Praxis nichts einzuwenden, solange Wissenschaftler wie Jürgen Altmann erfolgreich Forschungsmittel an Land zogen, so genannte Drittmittel, und auf diese Weise für ihr eigenes Gehalt sorgten. Nach fünf Jahren Friedensforschung in Bochum wechselte Altmann an die Universität Duisburg und später nach Dortmund.