Die Union hat die K-Frage beantwortet. Mit Edmund Stoiber hat sie den aussichtsreichsten Kandidaten für das Spitzenamt nominiert. Die Umfragen jedenfalls sind blendend. Das hilft fürs Erste auch der CDU darüber hinweg, dass sie zum zweiten Mal seit Franz Josef Strauß einem Anwärter aus der CSU den Vortritt lassen musste. Schließlich sah es für die größere Unionspartei bis vor kurzem noch so aus, als könne es im Wahljahr nur darum gehen, ein allzu niederschmetterndes Ergebnis zu vermeiden - eines, das ihrem inneren Zustand entspräche. Nun sind solch kleinlaute Überlegungen passé. Erstmals seit dem Bonner Machtverlust verspürt die Union Siegeszuversicht. Es ist noch ein bisschen früh, aber es ist ein schönes, in der Partei Helmut Kohls fast schon vergessenes Gefühl.

Die Verunsicherung bleibt

Die CDU hat ihre Krise erst einmal vertagt. Gelöst ist sie nicht. Denn in der Tatsache, dass die Partei - lange vor ihrer Vorsitzenden - den "selbstverständlichen Anspruch" (Merkel) auf die Kanzlerkandidatur aufgegeben hatte, steckt nicht nur ein Urteil über die bisherige Amtszeit von Angela Merkel, sondern über die Lage der Partei insgesamt. Die CDU konnte die K-Frage nicht für sich entscheiden, weil niemand seit dem Bonner Machtverlust in der Lage war, das Vakuum zu füllen, das Helmut Kohl hinterlassen hat. Zwar wurde der Generationswechsel durch die Niederlage 1998 und die Spendenkrise erzwungen, doch die personelle und inhaltliche Führungsfrage wurde damit nicht beantwortet. Sie blieb für die Partei eine Quelle dauernder Verunsicherung. Nicht zuletzt Edmund Stoiber verspürte lange Zeit Fluchtreflexe bei der Vorstellung, nun solle er sein politisches Schicksal von der Unterstützung durch die desolate Schwesterpartei abhängig machen.

Immerhin ist Angela Merkel der Rückzug in letzter Minute gelungen. Sie hat einen Kampf der Vorsitzenden ohne Rücksicht auf Verluste am Ende vermieden.

Noch im Angesicht der Niederlage hat sie kühl ihre letzte Option erkannt. Mit ihrer Wolfratshausener Frühstückswende hat sich Angela Merkel als Handelnde präsentiert, als es nichts mehr zu handeln gab - außer die Modalitäten des Verzichts selbst zu bestimmen. Sie hat damit die offene Revolte ihrer Führungskollegen in der CDU verhindert und Stoiber die undankbare Rolle erspart, als umstrittener Kampfkandidat gegen sie anzutreten. Mit der Gestaltung ihrer Niederlage hat sie ihr Amt vorerst gerettet. Sie bleibt Vorsitzende im Wahljahr, sie kann von Stoibers etwaigem Erfolg profitieren, und eine Niederlage würde wohl am wenigsten diejenige beschädigen, die selbst gern angetreten wäre. Das ist für Angela Merkel eine weit bessere Ausgangsposition als alle ungedeckten Kompensationsversprechen, über die im Vorfeld ihres Verzichts spekuliert worden war.

Ob die Vorsitzende ihren neu gewonnenen Spielraum nutzen kann, wird sich zeigen. Zum Beispiel daran, ob sie die Verletzungen der vergangenen Wochen wegstecken und Stoiber loyal und unzweideutig unterstützen kann. Und ob sie jetzt endlich damit beginnt, das Defizit auszugleichen, das sie am Ende so allein dastehen ließ. Entlastet durch die Kandidatur des Konkurrenten und vorerst sicher im Amt der Vorsitzenden, muss sie nun Bündnispartner suchen und pflegen. Denn die jetzt umlaufende Legende, Angela Merkel, von den eigenen Führungskollegen demontiert, habe an Stoiber übergeben müssen, ist ja nicht einmal die halbe Wahrheit. Vielmehr hat sie sich zuerst selbst isoliert, bevor sie von ihren Parteifreunden allein gelassen wurde.

Das gilt etwa für ihren Stellvertreter Christian Wulff, aber auch für den saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller. Beide wären einer Vorsitzenden gefolgt, die entschlossen versucht hätte, ihren Erneuerungsparolen auch Taten folgen zu lassen. Beide gehörten anfangs zu den entschiedenen Merkel-Befürwortern. Aber beide haben im Laufe ihrer Amtszeit die Erfahrung gemacht, dass die Vorsitzende lieber allein entscheidet. Und dass sie ein feines Gespür für Konkurrenz hat und im Zweifel wenig Toleranz aufbringt. Gesundes Misstrauen ist für eine Frau an der Spitze der CDU die unabdingbare Voraussetzung, um ihre Stellung zu behaupten. Doch ergreift das Misstrauen alles und jeden, wird es schnell zum Nachteil.