Das hatte Bayer-Chef Manfred Schneider gerade noch gefehlt: Kurz vor dem lang ersehnten Börsengang in Amerika in der nächsten Woche trommelte Staranwalt Michael Witti Journalisten zusammen, um seine Strategie bei einer Sammelklage gegen den Leverkusener Konzern zu erläutern. Zudem hat der bekannte US-Verbraucherschützer Ralph Nader Bayer in seine Liste der "zehn übelsten Unternehmen des Jahres 2001" aufgenommen. Wieder und wieder wird nun das Dreifachdebakel des vergangenen Jahres diskutiert: die Rücknahme des Cholesterinsenkers Lipobay, der mit dem Tod von 52 Patienten in Verbindung gebracht wird

der Patentzwist mit der US-Regierung um das Antibiotikum Ciprobay nach den Milzbrandattacken vom Oktober

der Produktionsstopp, den die US-Gesundheitsbehörde wegen Verunreinigungen in einem Bayer-Werk für Blutgerinnungsmittel verhängte. All dies hätte die Konzernspitze in Leverkusen gern vergessen gemacht. Allein - die Hoffnung war vergeblich.

An allen Ecken wird gebastelt

Kaum ein Börsenstart stand je unter schlechteren Vorzeichen - und selten hat er ein Unternehmen mehr auf Touren gebracht. Nur vier Monate - von September auf Januar - hatten die Leverkusener den Gang an die Wall Street verschoben, um in der Zwischenzeit für gute Nachrichten zu sorgen. Und in diesen vier Monaten ist bei Bayer tatsächlich mehr passiert als in vielen Jahren zuvor.

Lange wehrten sich die Vorstände gegen einen Konzernumbau, wie ihn andere in der Branche vormachten. Doch jetzt sind sie plötzlich mittendrin, an allen Ecken wird gebastelt. Folglich kann sich Bayer-Chef Schneider auch vor Spekulationen kaum retten, seit er angekündigt hat, für den angeschlagenen Pharma- und für den Chemiebereich Partner zu suchen.

Während die einen nur eine Zusammenlegung des Unternehmensteils Blutpräparate mit den Unternehmensteilen des Wettbewerbers Aventis erwarten, sehen andere die gesamte Gesundheitssparte vor der Ausgliederung. Ähnlich bei der Chemie: Dort wird darüber spekuliert, ob ein Wettbewerber aus dem benachbarten Düsseldorf den Bereich ganz oder teilweise verwerten könnte. Sein Name: Degussa. Zu Details wollen sich die Leverkusener - noch - nicht äußern. Doch eines ist klar: Der Traditionskonzern steht vor dem wichtigsten Einschnitt seit seiner Neugründung aus den Trümmern der I. G. Farben.