Der japanische UN-Botschafter Yukio Satoh zählt gleich zwei Vereinte Nationen, "die Kofi-UN und die klassische Version, dort wo 189 Nationen die übliche Interessenpolitik betreiben". Und was macht "Kofi", wie sie ihn alle hier in New York nennen? Seit seinem Amtsantritt 1997 trägt UN-Generalsekretär Annan sein Motto wie ein Plakat vor sich her: Er will statt der klassischen "Kultur des Reagierens" eine "Kultur der Verhütung".

Übersetzt: Er will nicht bloß Generalsekretär der jeweiligen Mehrheit oder des kleinsten gemeinsamen Nenners sein, sondern Anstoßer und Inspirator - die Feuer nicht nur austreten, sondern verhindern.

Zu diesem Zweck hat er sich eine "Strategische Planungsgruppe" zugelegt, die am Wochenende im leeren UN-Glaspalast ihr erstes Brainstorming abhielt - mit 30 Sozialwissenschaftlern, NGO-Menschen und sogar Publizisten aus aller Welt.

Sein "Kabinett", ein halbes Dutzend Undersecretaries, musste fleißig zuhören und mitschreiben. Verschärftes Nachdenken, zumindest aber Pragmatismus, so die Vorgabe, sollten Vorrang vor Gutmenschentum und Allgemeinplätzen haben - zumal, wie "Kofi" seine Gäste im Namen des Realismus ermahnte, die "UN nur die Summe ihrer Mitgliedsstaaten sind".

"Democracy and development", Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung, "sind die beste Konfliktverhütung", fügte er hinzu. Nicht ganz, erwiderte Harvard-Professor Joseph Nye, denn demokratische Staaten seien manchmal so aggressiv und kriegsbereit wie die autoritären. Wahr aber sei, dass bislang noch keine Demokratie Krieg gegen eine andere geführt habe, so sie denn beide auch liberal verfasst seien. Entwicklungshilfe? Das allein reiche nicht aus, monierte ein Europäer, reduziere es die Begünstigten doch häufig zu permanenten Wohlfahrtsempfängern. "Richtig", anwortete Annan, der anders als seine Vorgänger keiner Debatte ausweicht

natürlich müssten solche Grundbedingungen wie Eigentumsrechte oder eine unabhängige Gerichtsbarkeit gesichert sein, eben jene Eigenschaften eines liberal-demokratischen Systems, die auch kriegerische Impulse dämpfen.

Immer wieder kehrte die Diskussion zum Topos des failed state zurück, des Staates, der nicht mehr funktioniert (etwa Somalia oder Afghanistan). Was die UN oder die Staatengemeinschaft tun könnte? Vorbild sei das Eingreifen in Mazedonien gewesen - eben bevor es zum Binnenkrieg kam, bevor der Staat kollabierte. Zumal wenn man bedenkt, dass die Intervention in Bosnien sechs Milliarden, das "präventive Engagement" in Mazedonien nur 65 Millionen Dollar gekostet hat.