Der Sommer kommt in Fahrt, die Sonne scheint ins Herz, und der Autoverkäufer ist nett. Ob man nicht statt eines neuen Volvo jenes Cabrio dort kaufen wolle? Gleicher Preis. Der Himmel über Long Island ist blau, sanft zerrt der Verkäufer am Hemd. Wer würde sich da nicht entscheiden wie Axel Meyer, damals in den USA? Aber vor vier Jahren ist Meyer nach Deutschland zurückgekehrt. Und jetzt hat er mit seinem Cabrio ein Problem, das er vielleicht nicht hätte, wenn er kein Evolutionsbiologe wäre.

Denn der Evolutionsbiologe hat es im Leben so schwer wie der Philosoph. Er kommt nicht aus dem Denken, Grübeln, Interpretieren heraus. Die Welt ist voller Signale. Teenager balzen, Rudelführer brüllen, Hunde balgen sich im Park. Wohin er auch tritt, was er auch sieht - jede Beobachtung wirft im Hirn des Forschers ein Programm an. Fingernägel, Fettpolster, Männchen machen - was hat sich im Laufe der Evolution nicht alles als vorteilhaft erwiesen!

Jede Regung der Spezies Mensch, die Physiognomie, eine Sitzgruppe im Wohnzimmer und der Haarfestiger im Badezimmer erhalten besondere Bedeutung, wenn der Beobachter ein Evolutionsbiologe ist.

Wer rundherum die Gene plaudern hört, führt kein einfaches Gedankenleben.

Insbesondere, wenn das Cabrio, das man aus Long Island nach Konstanz geschleppt hat, ein BMW ist. Erst hier hat Axel Meyer die ganze Macht der Symbole erkennen müssen. Der Autohändler auf Long Island hatte ihm nicht bloß einen Untersatz, sondern eine Signalrakete angedreht. Ein BMW-Cabriolet kann man drehen und wenden, so lange man will, es bleibt eine Aufschneiderkarosse, eine Botschaft ans Weib - wie das Horngewächs auf dem Elchkopf oder die bunten Schuppen der Barsche, die Meyer in seinem Labor erforscht. "Über das Auto müssen Sie ja nicht schreiben", sagt der Forscher zum Journalisten. Seit Jahren untersucht Meyer Evolutionsmechanismen anhand der genetischen Stammbäume von Buntbarschen. Am Beispiel dieser Meister der Anpassung konnte er zeigen, wie sich kaum verwandte Fische in gleichen ökologischen Nischen immer ähnlicher werden. Umgekehrt stieß er auf einstige Brüder und Schwestern, die sich in wenigen hundert Jahren so weit auseinander lebten, dass einzig die DNA-Analyse die Blutsnähe noch entschlüsseln kann.

Mehr Freiheit, besseres Futter

Wie soll einer, der Tag für Tag evolutionären Meisterleistungen wie dem doppelten Kiefer des Buntbarsches Cichlasoma citrinellum hinterherforscht, der über schwangere Seepferdchenmännchen publiziert und der sogar beim Flirt an der Bar von Gedanken über die Damenwahl in der nicaraguanischen Unterwasserwelt gestreift wird - wie soll ein solch passionierter Beobachter abschalten können, wenn er feststellt, dass er unbedacht falsche Signale an die Außenwelt sendet? In Sachen Fortbewegungsmittel möchte Meyer nämlich lieber Gleichgültigkeit signalisieren. "Schreiben Sie wenigstens, dass das Cabrio eine Beule hat", sagt er, als er bemerkt, dass auch des Journalisten Gedanken noch immer das Auto umkreisen. "Und schmutzig ist es auch."