Diesmal geht alles gut. Diesmal gibt es keine Geschöpfe, die das Schicksal oder gesellschaftliche Zwangsläufigkeiten gewaltig zusammengestaucht haben, keine Familien, die vor lauter Lügen und mit viel Getöse zerbrechen. Und es wird auch nicht aufs tragischste und sinnloseste gestorben. Mit Italienisch für Anfänger, dem ersten Dogma-Beitrag der dänischen Regisseurin Lone Scherfig, zieht das Anheimelnde ein in das unwirtliche Reich von Lars von Trier, Thomas Vinterberg und all den anderen Jüngern, die mit ihrem Keuschheitsgelübde Kinotricks entsagt und sich einer vermeintlichen Wahrhaftigkeit verpflichtet haben.

Mit dem Manifest, das Lars von Trier 1995 im Pariser Odéon verteilte, sollte das Kino im Jahr seines 100. Geburtstags zurück zur Bescheidenheit gepfiffen werden. Thesengewitter und gehämmerte Verzichtserklärungen von damals haben vor allem zu einem geführt: einem ästhetischen Trend. Das Regelwerk für Technik, Dramaturgie und Selbstverständnis ist längst vom Massenbetrieb "Kino" absorbiert. Die Rebellion hat sich über ihren "Look" etabliert. Der Novizenschwur, fortan nicht länger ein Künstler zu sein, klang von Anfang an eher nach reinem Dezisionismus als nach einem folgenschweren Sabotageakt an bürgerlichen Kulturbetrieben oder am Warenwert des Kinos. Der Dogmatiker gelobte zwar, nicht mehr auf ein "Werk", sondern lediglich auf einen "Moment" hinzuarbeiten, lief aber nie ernsthaft Gefahr, im Zweifel als mieser Häretiker den Orden verlassen zu müssen. Kein Postulat ohne genussvolle Verletzung. Ob sich hinter dem Manifest nun ein Haufen Dekadenter oder eine Gruppe verbirgt, die einfach nur mehr Selbstironie und Sinn fürs Geschäft hat, als von vielen Fans wie Kritikern angenommen, bleibt nebensächlich.

Interessanter ist jetzt die zarte "Konterrevolution" in den eigenen Reihen.

Denn in Italienisch für Anfänger hat Lone Scherfig das Wahrhaftige durchaus in die Schminkstuben des Standardkinos geschickt. Das Unkontrollierbare, der Zufall, wird nicht länger mühsam mit der Handkamera gesucht, sondern steht als dramaturgischer Weichensteller parat, um die Figuren im passenden Moment in neue Bahnen zu lenken. Italienisch für Anfänger erzählt vom Glück im tristen Alltag und von Paradiesen für Pauschalreisende. Ein hübscher, kleiner Film - ein bisschen zu hübsch vielleicht, und das nicht nur für einen Dogma-Film.

Hier wimmelt es von zarten Liebesgeschichten, von denen man kaum sagen kann, wie sie entstehen, und an die man doch glauben soll, weil schon bei einem Blickwechsel all die Traurigkeit und Scheu aus den Gesichtern weicht. Ob damit Platz geschaffen wird für das große Gefühl oder nur für die kleine Sehnsucht, ist jedenfalls das einzige Geheimnis, das diesen Figuren aus einem Kopenhagener Vorort bis zum Schluss bleibt. Und wie jedes Geheimnis, das etwas auf sich hält, muss es selbst seinem Träger ein wenig fremd bleiben.

Hier im Norden stammt es aus dem Süden, aus Italien - dorther, wo alle Männer beim Espressokochen stets Verdi-Opern singen, ihre Muttis bis zum Wahnsinn verehren und sich die Zumutungen des Lebens mit der Pomade angestrengter Fröhlichkeit aus der Stirn streichen. Ein Italienischkurs wird für Scherfigs Personal zur Unterweisung in Heiterkeit und Koketterie. Wer allein ist und das ändern möchte, nimmt teil und zieht noch einmal die Lippen oder den Scheitel nach, bevor er (oder sie) den Klassenraum betritt. Die Brötchenverkäuferin Olympia, die regelmäßig Backbleche und Rumkugeln fallen lässt, die Friseuse Karen, der die alkoholkranke Mutter wie ein Fluch im Nacken sitzt, der Aushilfspfarrer Andreas, dem die richtige Performance zur Predigt noch nicht gelingen will, oder der pflichteifrige Hotelangestellte Jórgen, der den Kopf zu devot geneigt hält, um die leuchtenden Augen von Giulia, der italienischen Küchenhilfe, zu bemerken. Um auch diese Kommunikationsprobleme abzubauen, besucht selbst die Muttersprachlerin den Anfängerkurs. Bis auch Jórgen das Klassenziel erreicht hat und endlich "Si" sagen kann.

Lone Scherfig erzählt dies alles wie einen Reigen, zwar eher spröde als leichtfüßig, dabei jedoch so akkurat und diszipliniert, dass bloß keine von ihren vielen Pointen vermasselt wird. Die Einstellungen der Handkamera sind ruhiger und genauer als gewohnt. Hier scheint sich jemand wirklich Sorgen zu machen, seine Figuren könnten aus dem Bildausschnitt und ihre Bedeutung der Technik zum Opfer fallen. Wird das Leben in Italienisch für Anfänger auch mal zur Last, langfristig deprimieren darf es jedenfalls nicht. Nicht in einem Film, in den sogar der Tod irgendwie sinnstiftend eingebaut wird.