Reichlich merkwürdig sei die jüngste Schöpfung der Natur ausgefallen, urteilten die versammelten Experten. In nur 3000 Generationen, gleichsam ein Lidschlag der Evolution, sei der Bestand der neuen Spezies von wenigen tausend Exemplaren zur globalen Plage angeschwollen - so schnell, dass sich kaum Genveränderungen ins Erbgut der seltsamen Rasse einschleichen konnten.

"Eigentlich", spottete der Genetiker Craig Venter, "haben wir es mit sechs Milliarden eineiigen Zwillingen zu tun."

Die Verwunderung der Wissenschaftler galt ihresgleichen: Wie konnte der Mensch so rasch zur herrschenden Spezies aufsteigen?, grübelten die Gelehrten jüngst auf einer Tagung in Stockholm. Warum glückte ihm der Sprung zum Kulturwesen? Erst vor 90 000 Jahren, das zeigen neue Genanalysen, trat ein Trupp afrikanischer Gründerväter seinen planetaren Siegeszug an. Nur um 10 000 Köpfe zählten die Ahnen der heutigen Weltbevölkerung. Doch steckten in den Steinzeitpilgern bereits der schöpferische Geist des Menschen, seine komplexe Sprachbegabung und sein Eroberungsdrang? Und wenn ja, wer waren die rätselhaften Pioniere?

Einige von ihnen saßen einst in den Klippen beim Strand, in einer Höhle, 35 Meter über dem Indischen Ozean. Am Herdfeuer knackten sie Muscheln und Schalentiere, daneben filetierten sie Frischfisch. Während seine Kumpane noch urzeitliches Seafood und Sashimi mampften, saß einer abseits. Sorgsam glättete er ein Stück Ocker, bis die Oberfläche plan war - und zeichnete.

Fast 80 000 Jahre nach dem Paläoschmaus stieß Christopher Henshilwoods Grabungsteam in der heute Blombos Cave genannten Höhle in der südafrikanischen Kap-Provinz auf das Zeichenbrett - und ahnte nicht, welchen Schatz man geborgen hatte. "Wir haben nichts bemerkt", gesteht Henshilwood, "wir haben das Stück ins Labor getragen und fotografiert, aber zuerst die Unterseite. Doch als wir es umdrehten, sahen wir die Gravur. Ein unglaublicher Moment." Sieben mit Ornamenten versehene, fingerlange Ockersteine barg die Crew des Museums von Kapstadt aus der vorzeitlichen Behausung. Schon zuvor waren sie in den Höhlensedimenten auf Essensreste gestoßen, berichten die Forscher - Muschelschalen, Fischgräten und Tierknochen.

Flugs revidierten die Wissenschaftler vom Kap auch die Bewertung ihres ersten Fundes in der Blombos-Höhle. Bereits 1992, bei Grabungsbeginn, hatten sie dort einen bearbeiteten Säugetierknochen entdeckt. Nun, nach erneuter Untersuchung, glauben die Forscher, auch in den Knochen seien mit Bedacht abstrakte Muster gefräst worden. Inzwischen haben sie weitere 28 Knochenwerkzeuge entdeckt, "einige davon besonders kunstvoll bearbeitet", schwärmt Henshilwood. Ebenso wie die Ockersteine seien auch die Knochen vor über 70 000 Jahren von Vorzeitkünstlern bearbeitet worden.

Trifft Henshilwoods Interpretation zu, wäre ein jahrzehntelanger Fachdisput entschieden. Ohne handfeste Belege, aber mit umso mehr Inbrunst stritten die Gelehrten, wie viel Geistesmacht dem Menschen in seiner Geburtsstunde zu Gebote stand. Zwar besteht weithin Konsens, dass die ersten Menschen mit heutiger Anatomie bereits vor über 120 000 Jahren durch Afrika pirschten.