In Amerika beginnen viele Geschichten mit einem Pokerspiel und einer Herde Rinder. Zum Beispiel die vom legendären Sam Maverick, einem Nachfahren holländischer Einwanderer, der sich vor 150 Jahren von Neuengland aus in den Westen aufmachte, um dort sein Glück zu suchen. Als Viehzüchter ließ er sich in San Antonio, Texas, nieder, und beim Pokern war er besser als alle anderen. Einmal gewann er in einer einzigen Nacht eine ganze Herde Rinder.

Weil der alte Querkopf Sam aber seine eigenen Vorstellungen von Freiheit hatte, verzichtete er darauf, den Tieren ein Brandzeichen zu verpassen. Er ließ sie frei laufen, wohin sie wollten. Und bald wurden die Rinder respektvoll mavericks genannt. Der Name existiert in Amerika bis heute, als eine Art Ehrentitel für die Außenseiter: Mavericks - das sind die Ungebundenen in der Prärie des Lebens

die Helden, die sich ihren eigenen Weg suchen

die Unbeirrbaren, die keine Grenzzäune kennen.

Der 84-jährige Komponist Lou Harrison ist so ein American maverick. Weißes langes Haar, wilder Vollbart. Harrison schreibt Musik, aber er ist auch Lyriker und Maler und ein Meister der japanischen Kalligrafie, er beherrscht die Gebärdensprache der Taubstummen und spricht fließend Esperanto. Beim Klangexperimentator Henry Cowell hat er in seinen frühen Jahren studiert, John Cage gehörte zu seinen Weggefährten, in New York schrieb er Musikkritiken für die Herald Tribune. Bis er sich 1954 in die kalifornische Einsamkeit verabschiedete und seitdem, in einem kleinen Haus am Pazifik, ein zurückgezogenes, streng ökologisches Künstlerleben führt.

Lou, der Eigenbrötler: Von den abendländischen Komponiertraditionen hat er sich abgekoppelt, westliche Harmonik und Mehrstimmigkeit interessieren ihn nicht. Sein Ohr ist viel eher über den Ozean nach Asien gerichtet, hin zur indonesischen, koreanischen und chinesischen Musik. Ganz unakademisch, beinahe naiv klingen seine Kompositionen, sparsam im Satz und großzügig im Umgang mit der Zeit. Über asiatischen, asymmetrisch pulsierenden Rhythmen mäandern modale oder pentatonische Melodiefloskeln, nicht selten in der Kombination aus westlichen Streichinstrumenten und eigentümlich scheppernden Gamel-Anklängen. Musik wie eine Sprache, deren Klang man zu kennen glaubt - und die doch ein Rätsel bleibt. Seit einiger Zeit plant er - wenn er nicht am Komponiertisch sitzt - ein Haus, das er nach indianischem Vorbild ausschließlich aus dicken Strohballen errichten will, mitten in der Mojave-Wüste. Auch so eine maverick-Idee.

Oder Henry Dreyfuss Brant, der Kauz aus Santa Barbara: Er gehört ebenfalls zu den mavericks der amerikanischen zeitgenössischen Musik. Ein kleines drahtiges Männchen von 88 Jahren mit wachen Augen hinter dicken Brillengläsern, einer tiefen, porösen Stimme und einem die Konsonanten extrabreit verschleifenden Akzent. Unter seiner Schirmmütze, die er auch im Konzert nie abnimmt, müssen Erinnerungen an ein ganzes Musikjahrhundert schlummern. Brant hat Edgar Varèse, George Antheil, Aaron Copland und viele andere Komponistengrößen gekannt. Kein musikalischer Stil ist ihm fremd. In den dreißiger Jahren, während der großen Depression, schlug er sich in Nachtclubs mit Jazz durch. Er hat für die Hollywoodstudios in Los Angeles Filmmusiken orchestriert und an der New Yorker Juillard School unterrichtet.