Die Anti-Hitler-Koalition zwischen Russland, Amerika und ihren Verbündeten überdauerte vier Jahre. Die Antiterrorallianz vom 11. September hält gerade erst vier Monate. Wie einst mit Roosevelt und Stalin gegen Hitler hat der Krieg gegen Al-Qaida eine schillernde Riege von Bundesgenossen zusammengefügt. Nebst Amerika und Europa sind mit von der Partie: der einstige "Schurkenstaat" Iran, das rehabilitierte "Reich des Bösen", Russland, der lange verschmähte Partner des Westens, das autoritär regierte Pakistan. Diese Allianz hat mehr erreicht, als ihr die Stirnrunzler weltweit zugetraut haben. In Kabul sitzt eine neue Regierung an der Macht, Al-Qaidas Kampfgruppen sind teils zerstört, teils zerstreut, Pakistan räumt mit den selbst herangezogenen extremen Islamisten auf. Dennoch - schon heute sieht das Antiterrorbündnis brüchig aus.

Iranische und amerikanische Politiker sind bereits in die scharfe Diktion des Vorseptembers zurückgefallen. George W. Bush hat die Iraner gewarnt, "Al-Qaida-Mördern keinen Unterschlupf zu gewähren". Und Teheran solle im Nachbarland Afghanistan, bitte schön, nicht die Regierung destabilisieren.

Empört gab Haschemi Rafsandschani, Chefberater des geistlichen Führers im Iran, zurück: "Wie kann Herr Bush es wagen, in solch grobem Ton mit uns zu sprechen?" Der US-Präsident sorgt sich um den Einfluss der Regionalmacht Iran in Kabul. Teheran wiederum fürchtet, die Amerikaner könnten den Iran mit Stützpunkten im Nahen Osten und in Zentralasien einkreisen. Beide Sorgen sind berechtigt.

Während Teheran mit ihm verbündete Clans in Afghanistan weiterhin fördert, baut Washington in Kirgistan eine Luftwaffenbasis für seine Kampfflugzeuge aus. Der usbekische Potentat Islam Karimow gestattete den Amerikanern, den einst sowjetischen Stützpunkt Chanabad zu nutzen. Washington entschloss sich im Gegenzug, Usbekistans bedürftiger Wirtschaft mit 100 Millionen Dollar aufzuhelfen. Auch das ist eine strategische Investition, die nicht nur Iran missfällt.

Russische Geopolitiker protestieren. Davor hatten sie seit Jahren gewarnt: "Amerika gräbt sich in Zentralasien ein!" So klang es auch auf einer Reise des russischen Parlamentspräsidenten Gennadij Selesnjow nach Kasachstan. In Moskau granteln Eisenbeißer im Generalsrang, Präsident Putin lasse sich von George W. Bush erst vertrauensvoll in die Augen schauen und dann vertrauensselig über den Tisch ziehen. Es steht viel auf dem Spiel: Kirgistan, strategisch wichtige Landzunge zwischen China und Russland, Usbekistan als Tor nach Südasien, die heikle Balance im afghanischen Frieden, die Rohstoffe am Kaspischen Meer.

In dem Landkartenpoker prallen amerikanische und russische Interessen aufeinander. Auch Iran und China mischen mit. Kein Zweifel: Der gemeinsame Antiterrorkampf diente als Stoßdämpfer zwischen den Mächten - aber er wirkt bereits abgenutzt. Die US-Regierung scheint nach ihrem Erfolg in Afghanistan von allzu viel Zugeständnissen wenig zu halten. Nicht nur in Zentralasien.

Ein präsidialer Bericht zur Atomstrategie schlägt vor, nukleare Gefechtsköpfe, die Amerika im Gleichschritt mit Russland abrüstet, doch nicht zu verschrotten, sondern nur zwischenzulagern. Das verstimmt die neuen Freunde in Moskau: "Wo bleibt die AntiTerror-Dividende?", fragen sie.