Die meisten Konferenzteilnehmer dösten. Referenten lasen neueste Details über festigkeitsrelevante Analysen am Motorblock vom Blatt. Doch als ein ordentlicher Professor aus Magdeburg ans Pult trat und zu sprechen begann, waren die Ingenieure in den Reihen plötzlich hellwach. Dabei tat Sándor Vajna nichts anderes als seine Vorredner bei der Automobiltechnischen Konferenz in Wiesbaden: Er zeigte Kurven, präsentierte Zahlen und Tabellen. Bloß, ihm ging es um höchst flüchtige Stoffe: Wissen und Geld. Vajnas Kurven beschrieben, wo zwischen Produktentwicklung und Vertrieb Kosten entstehen und wo sie festgelegt werden. Und dass entscheidende Informationen über Produkte, Prozesse, Märkte oft erst dann verfügbar sind, wenn es zu spät ist - nachdem die kostenträchtigen Entscheidungen längst gefallen sind.

Sein Forschungsgebiet Wissensmanagement versuche, dieses Wissen zu organisieren und rechtzeitig bereitzustellen, verkündete Vajna. Das traf den Nerv des Auditoriums: Wie fällt man Entscheidungen in einer frühen Entwicklungsphase, eines neuen Fahrzeugmodells beispielsweise, wenn man noch gar nicht viel weiß? Vajnas Antwort: Man muss wissen, wo man findet, was man eigentlich doch schon weiß.

"Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß" - das Motto ist nur scheinbar paradox. Siemens beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Frage, wie das im Konzern weltweit gesammelte Wissen verfügbar gemacht werden kann.

Wissensmanagement ist in kürzester Zeit zum Modethema geworden. Schlagartig haben Industrie und Dienstleistungsgewerbe erkannt, dass das in einem Unternehmen vorhandene Wissen eine bislang vernachlässigte Ressource ist.

Wissensmanagement, so das Versprechen, kann diesen Schatz heben.

Die großen Softwarehäuser bieten für viel Geld einschlägige Tools an, Organisationsberater loben diese Managementsysteme in höchsten Tönen.

Allerdings ist Wissensmanagement bis heute eigentlich nur "ein Schlagwort in den Stäben", wiegelt Christian Kurtzke ab, dessen Firma Agilience bei Siemens Schatzsuche betreibt. Andere sind noch deutlicher. "Es gibt kein fertiges System für das Wissensmanagement", bremst auch Sándor Vajna, Professor für Maschinenbauinformatik in Magdeburg, die Softwaregläubigen.