Für manchen beginnt der amerikanische Traum in der Garage von Brian Menzies. Menzies hat 1996 in Altamonte Springs im Bundesstaat Florida eine Stiftung für Familien in Not gegründet. Er verteilt dort aber kein Geld und auch keine warme Suppe - sondern sammelt bei Unternehmen und Privatleuten alte Autos ein, richtet sie her und stellt sie "benachteiligten Familien auf ihrem Weg von der Abhängigkeit in die Selbstversorgung" zur Verfügung. Im vergangenen Jahr waren es immerhin 500. "Den Leuten gibt das neue Hoffnung", schwärmt der Präsident der Charity Cars von seinen Wohlfahrtskarren. Sie machten den "simplen Traum von einem Auto wahr, das dabei hilft, einen Job zu finden und eine Familie zu versorgen". Einen Haken gibt es allerdings: Wer binnen 30 Tagen keine Arbeit hat, muss das Auto zurückgeben.

Wohltaten, verbunden mit einem kleinen Tritt: So wie Menzies stellen sich viele Amerikaner die ideale Sozialhilfe vor. Auch die Politiker. In den neunziger Jahren wurde das Konzept von Zuckerbrot und Peitsche konsequent in Politik gegossen, zunächst von den Bundesstaaten, dann auch vom ganzen Land: Das republikanisch regierte Wisconsin drangsalierte Sozialhilfeempfänger schon Anfang der letzten Dekade mit harschen Vorschriften und verdonnerte sie zur Arbeit - bot zugleich aber allerlei staatliche Hilfen bei der Jobsuche an. In New York lief die Sozialhilfekommissarin Barbara Sabol inkognito durch die Sozialämter, in Jeans und Perücke, und rief hinterher einen Skandal aus: "Keiner wollte mir Arbeit beschaffen." 1996 schrieb sich schließlich Bill Clinton das alles auf die Fahne und verkündete "das Ende der Sozialhilfe, wie wir sie kennen". Scharfe neue Sozialgesetze wurden verabschiedet.

Ausgerechnet von einem demokratischen Präsidenten, unkten etliche Parteifreunde.

Nur ein Schönwettersystem?

Und jetzt, fünf Jahre später? "Dieses Land erlebt gerade ein böses Erwachen", sagt Mark Levitan vom Wohlfahrtsverband Community Service Society of New York. "Wir sehen Rekordschlangen vor den Suppenküchen, die Obdachlosenheime sind belegt wie nie", poltert er - und der Sozialexperte steht nicht allein mit seiner Meinung, es gebe "derzeit eine klare Verbindung zwischen den Wohlfahrtsreformen der Clinton-Ära und Hunger im Land". Levitan: "Die Wohlfahrtsreformen sind ein gescheitertes Schönwettersystem."

Ohne Zweifel: Mit dem schönen Wetter ist es vorbei. Seit einem knappen Jahr steckt die US-Konjunktur in der Rezession, und die Zahl der Arbeitslosen steigt so schnell wie seit 1980 nicht mehr. Die Arbeitslosenquote schnellte von ihrem Tiefpunkt im Oktober 2000 (3,9 Prozent) auf zuletzt 5,8 Prozent empor, und nach den meisten Schätzungen wird sie bald deutlich über sechs Prozent liegen. Die Terroranschläge vom 11. September haben dem Arbeitsmarkt den Rest gegeben: Das kalifornische Milken Institute schätzt, dass 2002 allein wegen der Terrorangst noch mal 1,6 Millionen Jobs verloren gehen. "Wir können davon ausgehen, dass die Zahl der Arbeitslosen noch einige Zeit weiter steigen wird", sagte auch US-Notenbankchef Alan Greenspan am Wochenende.

Es trifft die Amerikaner aller Schichten. Tausende entlassener Banker an der Wall Street, Zehntausende bei den Autofirmen, 30 000 bei Boeing - die Zeitungen sind voll davon. 2699 Fälle von "Massenentlassungen" - Rauswürfe von mindestens 50 Personen in einem Unternehmen - zählte das Amt für Arbeitsstatistik allein im November. Im Oktober schon wurde Charles Legendy auf die Straße gesetzt. Der Elektroingenieur aus New York hatte erst vor ein paar Jahren auf Computer umgeschult und arbeitete bei einem großen Konzern als Datenbankverwalter. Bis Ende April kann Legendy jetzt noch von seiner mageren Arbeitslosenversicherung leben (405 Dollar pro Woche), für seine teure Krankenversicherung und die Studiengebühren der Söhne muss das Ersparte herhalten. Sozialhilfe könnte Legendy erst dann in Anspruch nehmen, wenn sein Vermögen so gut wie aufgezehrt wäre - aber "so weit bin ich noch nicht", sagt er. "Wenn die Rezession länger dauert als der Sommer, wird es eng." Legendy weitet seine Jobsuche daher jetzt landesweit aus: Notfalls wird er sich irgendwo ein Zimmer mieten und für einige Zeit getrennt von seiner Familie Geld verdienen.