Anglistikprofessor Ian Watson sitzt an seinem Schreibpult in der Universität Bremen und flucht: "Du verdammtes weißes Blatt. Ich krieg dich voll!" Das Fluchen hat Methode. Zum Überwinden von Schreibblockaden sind alle Mittel recht, davon ist Watson überzeugt. Das erzählt er auch seinen Studenten, denen er Unterricht in kreativem Schreiben gibt. Drei "Creative Writing"-Seminare bietet die Bremer Universität im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft pro Semester an, eins für Germanistik- und zwei für Anglistikstudenten. "Das absolute Minimalprogramm", sagt Watson. Ein eigenes Zentrum für Kreatives Schreiben ist sein Traum, und wenn der 55-Jährige noch ein wenig weiter träumen darf, dann gäbe es eine solche Einrichtung bald nicht nur in Bremen, sondern an jeder Uni. Wie in den USA.

Dort sind akademische Schreibkurse seit mehr als einem halben Jahrhundert gang und gäbe, mancher Bestsellerroman wurde ursprünglich als Magisterarbeit verfasst, und Schriftsteller können ihren Lebensunterhalt als Dozenten verdienen. Eine solche professionelle Schreibkultur schien im stolzen Dichter- und Denker-Land lange Zeit unmöglich. Poeten haben demnach arm zu sein, und Schreiben, diesen einsamen schöpferischen Akt, kann man nicht lernen. Doch wenn künftige Komponisten auf Musikkonservatorien gehen und Maler Kunstakademien besuchen - warum sollte es keinen Unterricht für Schriftsteller geben?

Tim Ingold zweifelt nicht daran, dass das Schreiben gelernt sein will. "Wer ein Haus baut, muss auch zuallererst etwas von Statik verstehen", argumentiert der 27-Jährige, der in Bremen Germanistik und Anglistik studiert und sich nach einigen Veröffentlichungen bereits selbstbewusst als "freier Autor" vorstellt. "Und bevor jemand aus Worten Kunst machen kann, braucht er einen sicheren Ausdruck."

Ausdrucksfähigkeit, Stilsicherheit und dramaturgisches Gespür werden vor allem durch eines trainiert: selber schreiben - und das Ergebnis kritisieren lassen. "Ziel ist es, den eigenen Gedanken die bestmögliche Form zu geben und sich neuen Gedanken zu öffnen, indem man neue Formen lernt", erläutert Watson den Ansatz der Creative-Writing-Kurse. Manchmal geht es allerdings nur "mit sanftem Zwang zur Offenheit und zum Einfallsreichtum". So lässt Watson seine Studenten "Flash-Writing-Übungen" machen. Dann bringt er zum Beispiel einen angeschlagenen Backstein mit, und jeder muss binnen drei Minuten aufs Papier bringen, was ihm dazu einfällt. Auch Methoden, das Unbewusste anzuzapfen, sind erlernbar. Weiß Tim Ingold nicht, wie er anfangen soll, schreibt er erst mal: "Ich hasse ..." Dazu fällt ihm immer etwas ein, und schon fließen auch die anderen Gedanken. Obwohl sich mittlerweile auch in Deutschland kaum noch Gegner der Creative-Writing-Idee finden, gibt es nur wenige Versuche, den kreativen Schreibunterricht zu institutionalisieren. Am bekanntesten ist das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, das ein eigenes Diplom für Schriftsteller vergibt.

Quälerei mit Liebeserklärungen

In Hildesheim können sich Kultur- und Literaturwissenschaftler seit 1999 auf Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus spezialisieren. Doch Studenten, die das Schreiben nicht zum Beruf machen, ihre literarische Ader aber dennoch anzapfen wollen, müssen akribisch die Vorlesungsverzeichnisse durchforsten.

Wie in Bremen verstecken sich entsprechende Angebote meist im Veranstaltungsprogramm der sprach- oder literaturwissenschaftlichen Fakultäten, von echten interdisziplinären Projekten hört man nur selten. Eine Ausnahme ist das finanziell ständig ums Überleben bangende Modellprojekt Studio Literatur und Theater in Tübingen. Die Workshops werden von Schriftstellern und Theatermachern geleitet und sind für Studenten aller Fachbereiche offen. So quälen sich nicht nur Germanisten, sondern auch Physiker und Juristen freiwillig mit der Frage: "Wie kann ich heute noch sagen ,Ich liebe Dich'?" In Tübingen hat man die Erfahrung gemacht, dass solche Herausforderungen auch Naturwissenschaftlern gut tun. Weil in den angelsächsischen Ländern wissenschaftliche Arbeiten flott geschrieben sein müssen, steigen in der globalen Scientific Community auch die Ansprüche an Publikationen aus Deutschland.