P O P Vergiftete Idyllen

Ex-Beach Boy Brian Wilson startet seine Europatournee

Es gibt Menschen, die wissen, wo Brian Wilson lebt, und manche haben ihn sogar dort besucht. Hoch in die Berge von Hollywood sind sie gepilgert, um ein paar Worte aus dem Mund des Meisters entgegenzunehmen. Zurückgekehrt, wussten sie vom Bett zu berichten, in dem er seine Tage verträumt, und vom Blick über den Pazifik, stets ein wenig raunend, als handle es sich um eine oft erzählte, aber nie ganz aufgeklärte Geschichte. Erstes Gebot des Fanwesens: Du sollst deine Mythen lieben wie dich selbst.

Viel Zeit für das Studium am lebenden Objekt bleibt nicht mehr. Zwei der vor bald vier Jahrzehnten um ein Brüdertrio herum gegründeten Beach Boys sind bereits tot, Carl an Krebs gestorben, Dennis ironischerweise beim Surfen ertrunken. Der dritte der Wilsons, das Kompositionsgenie mit dem allamerikanischen Namen Brian, trägt bis heute an der Bürde der Sechziger, in denen er mit seiner Band das Schicksal herausforderte und größer als die Beatles sein wollte. Bekanntlich sind auch Letztere nur noch zur Hälfte unter uns, das Goldene Zeitalter des Pop droht mit seinen Helden historisch zu werden. Umso mehr horcht die Gemeinde auf, wenn ein Monument wie Brian Wilson sich noch einmal in Bewegung setzt.

Warum er das Jahr 2002 für seine erste Europatournee gewählt hat, warum sie im verregneten Stockholm beginnen muss - god only knows. Seit langem schon fragt Brian nicht mehr nach gängigen Geschäftsregeln. Es gibt weder eine Position in den Charts zu verteidigen noch eine Platte zu promoten, vom Liebhaberstück Live at the Roxy, dem Dokument eines gloriosen Abends auf dem Sunset Strip, einmal abgesehen, es gibt bloß noch den Mann und sein Werk. Groß und linkisch betritt er pünktlich die Bühne des Globen Annexet Theaters und verschanzt sich hinter seinem Keyboard. Zum Glück ist er nicht allein. Eine zehnköpfige Band begleitet ihn durch ein Programm, das sich im ersten Teil vor allem den großen Strandepen der Beach Boys widmet. California Girls, Do It Again, Sail On, Sailor - eine Verklärung von Wind, Wellen und gutem, sauberem Leben nach der anderen, perfekt gespielt samt Falsettstimmen und bonbonsüßer Melodik. "It's good to be here in Stockholm", versucht ihr Erfinder sich an einer Art Rock-'n'-Roll-Moderation, während er hinter sich blickt, ob sie noch alle da sind. Den wahren Ton des Abends hat er gleich mit dem ersten Titel vorgegeben: 'Til I Die, eine Ode an die Vergänglichkeit: "I'm a leaf on a windy day, pretty soon I'll be blown away."

Einsam am Mischpult

Dass hinter dem Prospekt von Strandnixen und Fruchtsaftsonnenuntergängen ganz unpoppig der Tod hervorlugt - die paar tausend Schweden wundert das so wenig wie die Hand voll angereister Journalisten. Längst hat die Beach-Boys-Forschung der alten affirmativen Leseweise eine Pathogenese der Surferidylle zur Seite gestellt. Wilson-Fans wissen, dass ihr Held das Wasser in Wahrheit scheute und zu keinem Zeitpunkt dem Bild eines unbeschwerten Wellenreiters entsprach. Mit seiner Combo, die stets mehr von einer inzestuösen Bruder- und Vetternverbindung hatte als von einer frei gewählten Jugendgang, suchte er anfangs den Erfolg qua Ritt auf einer zeitgenössischen Mode, vorangepeitscht von einem Vater, der sich zum "Manager" erklärt hatte.

Wenn ein Wesenszug der Sechziger in der Rebellion gegen Autoritäten besteht, dann waren die Beach Boys das Gegenteil einer Sixties-Kapelle: brave Jungs mit Seitenscheiteln, deren Bravster den Songschreiber und Hit-Esel des Unternehmens zu geben hatte. Erst mit dem Aufstieg der Gegenkulturen begann auch er, neuartige Stimmen in seinem Kopf zu hören - gerade er. Im Studio, seiner eigentlichen Heimat, infizierte Wilson die unschuldigen Lieder der Frühzeit mit Effekten aus der Echokammer, packte hier ein Waldhorn-Intro drauf und dort ein verzerrtes Mundharmonikasolo, trieb sie an die äußerste Grenze dessen, was im Pop bis dahin möglich schien. Ganz von der Idylle los kam er freilich nie, das macht seine Musik so gespenstisch.

Pet Sounds, so der Titel des Albums, ist das Dokument eines Emanzipationsversuchs, der nicht im Leben stattfand, sondern allein in der Kunst. Während die Konkurrenz von den Beatles heiter von Phase zu Phase stolperten, blieb Brian Wilson das einsame Genie am Mischpult, von dunklen Fantasien und Sehnsüchten geplagt. Irgendwann in diesen psychedelischen Tagen muss mit leisem Pling eine Saite in ihm gerissen sein.

Den Desintegrationsprozess vom boy next door zum fettleibigen Drogenmonster und zurück hat er in seiner Autobiografie Mein kalifornischer Alptraum aufs anschaulichste beschrieben. Heute sitzt ein gezeichneter Wilson auf der Bühne und feiert Pet Sounds als Opus magnum der Popgeschichte. Ton für Ton wird es im zweiten Teil der Show reproduziert, detailgetreu bis in die entlegensten Winkel seiner klaustrophobischen Strukturen. Wäre Wilsons brüchiger Bariton nicht, es könnten die Beach Boys selbst dort oben stehen. So bleibt der Held des Abends der größte Störfaktor dieser opulenten Gedenkfeier. Zum Steinerweichen seine Ankündigung des Schlusstitels Caroline No: "It's a very pretty song, but don't cry."

Aber hat es nicht etwas furchtbar Ödes, Hits von gestern originalgetreu nachzuspielen? Freude an der Improvisation sucht man bei der Wilson-Begleitband tatsächlich vergeblich, doch ums Improvisieren geht es auch nicht. Zum einen entspricht die werkgetreue Aufführung dem Stand der Popmusik, als das Studio selbst zum Instrument wurde - mit dem Unterschied, dass die komplexesten Werke der Epoche lange als unaufführbar galten. Zum Zweiten handelt es sich beim Phänomen Beach-Boys-Hit längst um ein Stück zweite Natur, das in seiner Perfektion erst einmal übertroffen sein will. Brian Wilson sieht sein Meisterwerk heute zu Recht als amerikanischen Weltklassiker, bei dessen Zelebrierung er nur noch wie zufällig anwesend ist. Das Publikum hat's offenbar genau so erwartet und gibt stehende Ovationen. Später werden Brian-Wilson-Hemden gekauft nebst Tourprogrammen, in denen der Mythos nachzulesen ist: "If I had to select one living genius of pop music, I would choose Brian Wilson", versichert Beatles-Produzent George Martin, der es wissen muss. "In its willingness to abandon formula in favour of structural innovation" sei Pet Sounds ein "instant classic", formuliert Philip Glass. Selbst die zahlreich erschienenen Jüngeren scheint die Sehnsucht nach epochalen Sound-Abenteuern und tragischer Größe umzutreiben.

Und doch ist es nur zum Teil Nostalgie, was durch den Saal geistert. Man meint, auch Trauer darüber zu spüren, dass solche Musik nicht mehr möglich ist. Die Pracht der Melodien, die Makellosigkeit der Arrangements, die fein ziselierten Oberflächen, unter denen das Unerfüllte drängt, das alles ist unwiederholbar, weil der Moment dafür passé ist. Heute fluktuieren die Persönlichkeiten freier und das Tragische ist aus der Mode gekommen. Längst sind die Dramen des Pop gänzlich andere - zum Glück, wenn man die persönlichen Opfer bedenkt, die die mühsam verklärte Teenager-Angst der Beach-Boys-Lieder begleitet haben. Einmal noch aber wollte hineingehorcht sein in diesen wohlklingenden Abgrund aus Einsamkeit, vergifteter Idyllik und versagter Revolte. Die Sechziger sind ein Albumblatt mit Eselsohren. Jetzt, wo wir Brian Wilson gesehen haben, lässt es sich leichter umblättern.

Weitere Konzerte: 1. und 25. 2. in Glasgow, 28.-30. 2. in London

 
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