D E U T S C H L A N D R A D I O B E R L I N Tacheles - Das Streitgespräch am Freitagabend
Ein Gespräch mit Alice Schwarzer, Publizistin, Feministin, Herausgeberin, geführt von Christiane Grefe, die ZEIT, und Annette Riedel, DeutschlandRadio Berlin.
Schwarzer:
Ja, aber das ist natürlich ein großer Satz.
Hätte man mir vor 25 Jahren gesagt, dass ich in 25 Jahren
immer noch ‚Emma’ mache, ich wäre
vermutlich schreiend weggelaufen! Daran mag man ja auch gar nicht
denken. Andererseits, wenn ich mir das jetzt so überlege -
natürlich schafft man doch 4000 oder 5000 Jahre
Männerherrschaft nicht in zwanzig Jahren ab! Wir haben
enorme Schritte gemacht, aber das dauert schon noch ein paar
Generationen. Und insofern fürchte ich, dass die
‚Emma’ über mich hinaus nötig
sein wird und ich hoffe, dass es sie über mich hinaus
gibt.
Sie sagen ‚enorme Schritte’, wie hat sich denn die Funktion der ‚Emma’ verändert, wie würden Sie das beschreiben nach so langer Zeit?
Als die ‚Emma’ erstmals erschien, im Januar
1977, war es doch so, dass sehr viele Feststellungen und
Forderungen, die heute Selbstverständlichkeiten sind, mit
Hohn und Spott überschüttet wurden. Bedenken Sie
einmal, damals machte das erste Haus für geschlagene
Frauen und Kinder in Berlin auf, und sehr viele fanden das doch
sehr komisch, dass diese ‚durchgeknallten
Feministinnen’ behaupteten, so etwas wie Gewalt in der
Familie gäbe es; das gab es eben offiziell gar nicht.
Inzest, Missbrauch von Kindern – das war völlig
tabu! Ich erinnere mich, 1977 hat verdienstvoller Weise die
‚Emma’ das erste ein Dossier darüber
veröffentlicht und ich weiß noch mein Staunen,
dass nicht ein einziger Brief kam. Zu anderen Themen, die weit weg
waren, Klitorisbeschneidung beispielsweise und so weiter, da kamen
Waschkörbe voll. Darüber kam noch nicht einmal
eine Postkarte. Es ist die Funktion von ‚Emma’,
die Themen zu benennen, die woanders nicht stattfinden. In dem
Moment, wo es in ‚Brigitte’ oder
‚Stern’ oder ‚ZEIT’ steht, sind
wir uns zwar nicht zu fein dafür, aber dann läuft
es! Zu sagen, was ist da noch, was taucht Neues auf, was
müssen wir hinterfragen – das ist unsere
Aufgabe!
Aber sind Sie sich selbst in all diesen Jahren - denn Sie
machen ja schon länger feministische Politik als es
‚Emma’ gibt – zu viel geworden? Haben
Sie nicht auch zwischendurch einmal die Nase voll von dieser Rolle,
von dieser Aufgabe gehabt und gesagt: ‚nee, ich will nicht
mehr, will etwas anderes’?
Was heißt ‚etwas anderes’? Ich kann ja
mein Bewusstsein, das ich habe, nicht vergessen.
Natürlich, ich würde ganz gern weniger eingeengt
sein. Früher bin ich gefragt worden: Frau Schwarzer, wie
sieht es denn innenpolitisch aus in Frankreich und was meinen Sie
denn, wie geht das hier mit der Außenpolitik
weiter?’ Darüber kann ich genauso kompetent wie
vor 25 Jahren reden. Darüber redet aber kaum einer meiner
Kollegen.
Darüber werde ich Sie jetzt auch nicht befragen. Was
es heißt, eine Frau zu sein, würden wir gern
einmal an Hand einer Fall-Studie diskutieren - nämlich der
Fall-Studie Politik und dann ganz konkret der Fall-Studie
‚Angela Merkel’. Sie selber haben in Ihrem
Editorial der Jubiläumsausgabe von Emma geschrieben, dass
sie von ihrer eigenen Partei systematisch demontiert worden sei und
dass das ein klassisches Beispiel dafür sei, dass Frauen
– insbesondere in der Politik – noch immer nichts
zu sagen haben. Wäre das alles denn tatsächlich
einem ‚Herrn’ Merkel nicht
passiert?
Davon bin ich überzeugt! Was der ‚Mensch
Merkel’ auch immer alles richtig und falsch gemacht hat -
sie ist in einer sehr schwierigen Situation von der Basis ihrer
Partei hochgespielt worden. Sie hat diese Sache mit Anstand
gemanagt. Sie hat durchweg doch eine ziemlich passable Figur
gemacht, wenn nicht sogar eine gute und keine schlechtere als ihre
Kollegen. Und wenn die CDU einen Vorsitzenden gehabt hätte
dieses Kalibers, der männlich ist, hätte sie
einen Teufel getan, der kleinen CSU den Vortritt bei der
Kanzeler-Kandidaten-Kür zu lassen! Das hat sie noch nie
getan. Ich habe gerade wieder in einer Illustrierten gelesen, dass
Angela Merkel mit frommen Augenaufschlag immer noch sagt:
‚das hat nichts damit zu tun, dass sie eine Frau
ist’. Ich weiß nicht, ob sie das wirklich
glaubt. Das wäre fatal. Vielleicht sagt sie es auch nur
aus Stolz, und das würde ich verstehen, weil es ihre
Würde verletzt hat...
...aber was hätte sie denn qualifiziert,
außer dass sie ehrlich ist und unverbraucht und
ungekünstelt und was die Dinge sind, die man ihr dann
gerne angeheftet hat, was hat sie politisch qualifiziert?
Eine Frau, die seit über zehn Jahren in der Parteipolitik
ist, die auch – das finde ich für einen deutschen
Politiker heute kostbar – aus dem Osten kommt, diese
gelebte Erfahrung mitbringt. Wir sind ja ein wiedervereinigtes
Land. Es wäre schön, wenn das einmal auch
zusammenkommt und sich ausdrückt in den Spitzenposten. Sie
hat die verschiedensten Funktionen ausgefüllt, ohne dass
Klagen kamen. Sie war Frauenministerin – auch darum glaube
ich ihr diese Blauäugigkeit in Sachen Frauen nicht
– in dieser Eigenschaft hat sie sich sehr schnell
sozusagen das feministische Konzentrat der Erkenntnis angeeignet;
sie war Umweltministerin; sie ist Naturwissenschaftlerin. Mir kann
niemand erzählen, dass diese Person schlechter ist als die
männlichen Kandidaten! Den Jungs hat das einfach nicht
gefallen! Ich könnte aus meiner Sicht auch eine Menge
Kritisches über Frau Merkel sagen. Sie wäre nicht
meine Traum-Kandidatin gewesen. Ich hätte es trotzdem sehr
interessant gefunden, die Wahl zu haben, für einen
weiblichen Kandidaten mein Kreuzchen machen zu können.
Was hätten die Frauen von einem weiblichen Kandidaten
gehabt - oder hätten wir als Frauen
überhaupt etwas von einem weiblichen
Kandidaten?
In der Sache vermutlich wenig - aber noch weniger als zur Zeit
geht ja kaum. Frauenpolitik gibt es ja nicht mehr, es gibt ja nur
noch Familienpolitik....
...aber es wurde doch faktisch viel Frauenpolitik gemacht in
den letzten Jahren, oder? Eine Menge legislative Entwicklungen
haben gesellschaftliche Entwicklungen nachvollzogen...
Ja, vielleicht, aber in den letzten drei Jahren ist doch nicht so
furchtbar viel passiert, und ich glaube, nichts ist in der
‚Berliner Republik’ tödlicher
für eine Frau als sich für Frauenpolitik zu
engagieren! Und die aktuelle Familienpolitik zögert immer
noch, z.B. das Ehegatten-Splitting abzuschaffen...
Wie ist es mit der Aufwertung von nichtehelichen
Lebensgemeinschaften - jenseits auch der Frage, wer mit wem
zusammen ist?
Das ist natürlich ein enormer gesellschaftlicher Schritt!
Ich hätte nie gedacht, dass das wirklich einmal kommt.
1985 hat die ‚Emma’ erstmals mit der Homo-Ehe
getitelt, und ich erinnere mich, dass ich ein Editorial geschrieben
habe, in dem ich gesagt habe, dass das ja vielleicht ein bisschen
eigenartig sein mag, dass eine Feministin, die an und für
sich gegen die Ehe ist, dafür plädiert! Mein
Argument war eben, wenn die Liebe das entscheidende Kriterium ist,
dann soll jeder heiraten können - unabhängig
davon, ob das jetzt eine gleichgeschlechtliche oder eine
hetero-sexuelle Verbindung ist. Dass das wirklich eingetreten ist,
das finde ich schon ganz erstaunlich, muss ich sagen, und das kann
die rot-grüne Regierung sich auf die Fahne schreiben! Aber
das ist nun nicht direkt Frauenpolitik. Ich glaube nicht, dass
Kanzlerin Merkel sehr viel mehr im Bereich der Frauenpolitik
gemacht hätte. Ich glaube ganz im Gegenteil – das
sehen wir ja auch – dass sie versucht hätte, sich
davon zu distanzieren und sich davon zu befreien als Frau rezipiert
zu werden. Aber die Tatsache, dass eine Frau an der Spitze steht,
hat natürlich eine enorme Wirkung. Sie wäre ein
‚role-model’ gewesen. Als Frau Thatcher noch dran
war, bin ich von angeblich fortschrittlichen Menschen immer so
gefragt worden: ‚Na, Frau Schwarzer, was sagen Sie denn
jetzt? Sind Sie für Frau Thatcher?’ (Klammer auf:
‚Da haben Sie den Salat! Das haben Sie von Ihrer
Emanzipation!’). Ich habe immer strahlend gesagt:
‚Wenn ich die Wahl habe zwischen Herrn Thatcher und
Frau Thatcher, ziehe ich Frau Thatcher vor’.
Sie sprachen von der Abschaffung des Ehegatten-Splitting. Da
gibt es in der Bundesregierung durchaus Ideen - noch ein bisschen
vorsichtig und zögerlich; da könnte man
schließlich den einen oder anderen ja jetzt auch im
Wahljahr vergrätzen...
...ja, worauf wird gewartet? Wen vergrätzt man?
Na, z.B. viele Verheiratete!
Ja, aber wen? Die Politiker vor allem, die ihre Ehefrauen zu Hause
haben, die ihnen zuarbeiten. Ich glaube, dass man das der
Bevölkerung bestens vermitteln könnte, dass der
Staat auf 42 Milliarden Mark im Jahr verzichtet und dass das nichts
mit Kindern zu tun hat, sondern dass das mit bestverdienenden
Männern zu tun hat, die ihr Gehalt vor der Versteuerung
halbieren dürfen, wenn sie eine Hausfrau zu Hause
haben!
Gut, aber darüber hinaus -
gleichstellungsgesetzgeberisch ist ja eigentlich durchaus Einiges
passiert. Was ist denn die Mängelliste, die Sie jetzt auf
den Tisch legen würden - jenseits der Tatsache, ob das
Ding nun Frauenpolitik oder Familienpolitik heißt? Was
fehlt Ihnen?
Eine gerechte Rente müsste her. Es müsste durch
Subventionspolitik und so weiter ein größerer
Druck ausgeübt werden für gleichen Lohn. Und: es
ist schon einiges passiert, aber es muss noch mehr passieren in
bezug auf Schutz vor sexueller Gewalt, Prävention. Dann
das sehr große Problem, das bisher völlig
unterschätzt worden ist in Deutschland, des
religiösen Fundamentalismus, an der Spitze momentan der
islamische! Wie kann es sein, dass mitten in Deutschland
Koranschulen den Geschlechterhass predigen – die sind in
der Türkei verboten! – wie kann man das
hinnehmen, dass man die Mädchen dem ausliefert, dieser
Hasspropaganda? Da gibt es eine ganze Menge an
Mängeln.
Ist es nicht sogar ein bisschen Ihr eigener Fehler oder der
Fehler des spezifisch deutschen Feminismus, dass die
Familienpolitik jetzt die Frauenpolitik an vielen Stellen mehr oder
weniger ersetzt, weil die Feministinnen sozusagen die
mütterliche Seite der Frau nicht nur komplett ignoriert,
sondern eigentlich sogar mit Hohn und Spott immer
übergossen haben, mit
‚Mutterkreuz-Vorwürfen’ und
ähnlichen Attacken?
Ich muss immer staunen. Ich halte das für eines der
hartnäckigsten Klischees. Sehen Sie einmal, als ich mein
zweites 1973 in Deutschland gemacht habe, ging es darin um Arbeit.
Mich hat die Frage interessiert, wie ist das überhaupt mit
der Realität und der Identität von Frauen-,
Familienarbeit, Berufsarbeit, was ist eigentlich los? Die Zahl
stand noch nie irgendwo vorher, dass eben 52 Milliarden
Arbeitsstunden im Jahr in Westdeutschland gratis waren -
nämlich Kinderarbeit und Familienarbeit. Von dieser
Kinderarbeit und Familienarbeit hat vor der neuen Frauenbewegung
kein Mensch geredet! Das war ‚Neger-Arbeit’! Die
gab es gar nicht! Das heißt also ganz im Gegenteil: es
ist ausschließlich der neuen Frauenbewegung zu verdanken,
dass wir inzwischen ein Bewusstsein dafür haben was es
real heißt, Mutter zu sein.
Gut, aber hätte da nicht auf der
‚Hit-Liste’ ihrer Forderungen an die Politik, die
Sie eben nannten, ganz, ganz oben stehen müssen:
Ganztags-Schulen?
Ja, sehen Sie, es ist wunderbar, was Sie mir für
Bällchen zuspielen. ‚Emma’ hat nun im
Frühjahr als Erste – wie so oft – oder
ein bisschen früher, im vorvergangenen Jahr, eine Kampagne
gestartet für Ganztags-Schulen. Ich sage Ihnen was: ich
rede mir den Mund fusselig! Ich habe ja auch so einen netten Kreis
mit engagierten Politikerinnen, mit dem ich mich ab und zu treffe,
den ich initiiert habe - als Außenstehende geht das
manchmal leichter. Dazu gehören Spitzenpolitikerinnen aus
allen Parteien. Ich trage hinter diesen Politikerinnen seit Jahren
die Ganztags-Schulen her und sage: die brauchen wir! Die
müssen wir fordern, und die können wir auch
fordern, denn inzwischen sind die ideologischen Barrieren niedriger
geworden. Es ist eine reine Frage des Geldes. Natürlich
gibt es zu wenig Geld - das heißt, wir müssen
Druck machen. Na klar, Ganztags-Schulen! Das ist ja ein Drama in
Deutschland für die Frauen! Und glauben Sie mir, ich habe
genug Frauen in meiner Nähe, Freundinnen, wo ich das aus
der Nähe sehe, was das bedeutet.
Aber wenn Sie da nicht genug Gehör finden bei den
Politikerinnen aller Parteien, dann ist doch wirklich die Frage,
warum Sie sich so zögerlich, ja auch kokettierend geben,
wenn es darum geht: ‚Frauenpartei’ ja oder nein?
Wenn man einer Allensbach-Umfrage in der jüngsten
‚Emma’-Ausgabe glauben darf, gibt es ja so ein
ungeheures Wählerpotential - 20 Prozent aller
Wähler, 29 Prozent der Wählerinnen
könnten es sich danach vorstellen, einer solchen Partei
ihre Stimme zu geben. Ja, was zögern Sie da noch? Da
wären Sie auf Anhieb die dritte Kraft im Lande!
Nein, ich zögere gar nicht. Sehen Sie einmal, ich ganz
persönlich, ich glaube auch -wenn ich das sagen darf, ohne
vermessen zu klingen – wenn ich jetzt meinen Namen
hergeben würde und eine kleine Truppe zusammenscharren
würde und würde eine Partei gründen,
würden wir erst einmal ganz sicherlich weit über
fünf Prozent einfahren und wären erst einmal eine
ernst zu nehmende Kraft. Und das ist natürlich eine
Sprache, die die Männer beherrschenden Parteien bestens
verstehen: Die Sprache der Macht. Was mich ganz persönlich
angeht: ich bin Journalistin. Ich liebe meinen Beruf. Eine Partei
zu gründen, ist nicht mein Job. Ich bin eine politische
Journalistin; ich überschreite oft das reine Informieren;
ich initiiere Aktionen, Kampagnen – aber die Politik ist
nicht mein Platz. Wenn es eine ernst zu nehmende Frauenpartei
gäbe, das heißt wirklich, Politikerinnen mit
Erfahrung und Charisma, die nach draußen gehen
können, bin ich die Erste, die das publizistisch
begleitet!
Sie reden über Emanzipation. Mittlerweile wird jedes
80. Kind in Deutschland bereits auf künstlichem Wege
gezeugt, kommt auf künstlichem Wege zustande - in der
Petrischale, wie das dann immer so schön heißt.
Die Tendenz ist zunehmen; die Techniken werden immer ausgefuchster
und raffinierter. Ist die Tatsache, dass man als Frau auf diese Art
und Weise noch mehr als nur mit der Pille den Zeitpunkt bestimmen
kann, wann Nachwuchs kommt - ist das Emanzipation? Ist das noch ein
größerer Schritt zu mehr Selbstbestimmung
für Frauen?
Ich denke, dass alles, was nicht auf Kosten anderer geht, den
Menschen zur Verfügung stehen sollte. Ich ganz
persönlich weiß nicht, ob man um jeden Preis ein
eigenes Kind haben muss, aber ich möchte diese Frage
für niemanden beantworten. Und wenn wir einen
medizinischen Fortschritt haben, der es den Frauen möglich
macht, länger Mutter zu werden als früher und es
sie interessiert, dann sei ihnen das herzlich gegönnt! Ich
bin überhaupt etwas beunruhigt über die
Entwicklung, dass in diesem ganzen Bereich plötzlich
wieder Glaubenssätze zu staatlichen Gesetzen werden
sollen. Ich finde, wir sollten sauberst unterscheiden zwischen der
Moral des Individuums und christlicher Moral und staatlichen
Gesetzen!
Aber haben Sie nicht unter Umständen auch die
Befürchtung, dass diese neuen Freiheiten, den Zeitpunkt
besser bestimmen zu können, auch zu neuen Zwängen
führt?
Alle Freiheiten können missbraucht werden! Als ich Anfang
der 70er anfing, mich für das Recht einzusetzen, ohne
Lebensgefahr und ohne Demütigung abzutreiben –
Frauen haben ja immer abgetrieben, unter allen Umständen,
wenn sie kein Kind haben wollten – für das Recht
abzutreiben, eingesetzt habe, habe ich in dem Moment schon gewusst,
dass es sein kann, dass manche Männer sagen:
‚schwanger macht doch nichts, kannst doch
abtreiben!’ Das heißt, neue Freiheiten
müssen immer verbunden sein mit der Kraft der
Eigenverantwortung und der Selbstbestimmung.
Alte Mütter à la Annie Leibovitz - die
berühmte Fotografin, die jetzt mit 52 ihr Kind bekommen
hat - die schon ein gewissermaßen
‚biblisches’ Alter hat, wenn das Kind irgendwann
in die Volljährigkeit tritt - sagen Sie da nur: das haben
Männer schon immer gemacht, warum nicht wir Frauen
auch?’
Ach wissen Sie, erstens, ich lese Jubel-Berichte über
80jährige Männer, die Vater werden. In der Tat -
Sie haben schon einen richtigen Punkt berührt -
lächele ich und sage mir ‚ach schön,
Mädels, da holt ihr jetzt auf’. Ich tät
es mir nicht an, aber Frau Leibovitz muss wissen, was sie tut. Was
das Alter angeht: Ich bin bei Großeltern aufgewachsen,
die waren ein bisschen jünger als Frau Leibovitz. Die
waren vielleicht Mitte vierzig, als ich auf die Welt kam. Das hat
mir sehr gut getan. Es kann durchaus sein, dass, wenn man ein
bisschen älter ist, man etwas gelassener ist und wirklich
weiß, was man tut!
Alice Schwarzer: Alice Schwarzer wurde am 3. Dez. 1942 in
Wuppertal-Elberfeld geboren. Die Tochter einer ledigen Mutter wuchs
bei den Großeltern. Sch. schloss eine Handelsschule ab und begann
1959 eine kaufmännische Lehre. 1964/65 studierte sie in Paris
Sprachen an der Alliance Française und an der Sorbonne, später
(1970-1974) noch Psychologie und Soziologie an der Pariser
Universität Vincennes. Ein journalistisches Volontariat machte sie
1966-1968 bei den ‚Düsseldorfer Nachrichten’. 1969
arbeitete Sch. als Reporterin bei der Zeitschrift
‚Pardon’, und 1970-1974 als freie politische
Korrespondentin in Paris für Funk, Fernsehen und Printmedien. Ab
1970 engagierte sich Sch. in der Pariser Frauenbewegung. Dem
Vorbild der französischen Frauen folgend, initiierte sie 1971 einen
vielbeachteten Stern-Artikel, in dem sich 374 Frauen der Abtreibung
bezichtigten. Diese Veröffentlichung löste nach Sch.s Einschätzung
die neue Frauenbewegung in der Bundesrepublik aus und führte zu
einer breiten Kampagne gegen den § 218. Als Buchautorin machte sich
A. Sch. ab 1971 mit heftig und kontrovers diskutierten Bestsellern
einen Namen. Verstärkt arbeitete sie nunmehr auch im Fernsehen.
1974 löste sie mit einer ‚Panorama’-Sendung über Ärzte,
die bereit waren, nach der Absaugmethode abzutreiben, einen
Zensurskandal in der ARD aus. 1974/75 lehrte Sch. an der
Universität Münster im Fachbereich Soziologie. 1977 brachte A. Sch.
als Herausgeberin in einer Startauflage von 200.000 Stück
‚Emma’ auf den Markt. Diese ‚Zeitschrift von
Frauen für Frauen’ ist heute weltweit die letzte autonome
feministische Publikumszeitschrift. Sie erscheint seit Jan. 1993 im
doppelten Umfang und Zwei-Monats-Rhythmus.
© 2001 Deutschlandradio Berlin
Das Tacheles-Archiv beim Deutschlandradio
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




