Auf schiefer Ebene
Vor der Bundestagsdebatte: Ein Gespräch mit Jürgen Habermas über Gefahren der Gentechnik und neue Menschenbilder
die zeit: Herr Habermas, in der nächsten Woche will der Bundestag entscheiden, ob deutsche Forscher an menschlichen embryonalen Stammzellen aus dem Ausland forschen dürfen und wie der Import geregelt wird. Ist das ein Dammbruch?
Jürgen Habermas: Diese Dämme sind längst gebrochen - in anderen europäischen Ländern, den USA und der übrigen Welt. Wir leben nicht mehr auf nationalen Inseln. Statt "Dammbruch" würde ich auch lieber das weniger scharfe Bild der "schiefen Ebene" verwenden, auf der man ins Rutschen kommt, weil kein Halten mehr ist.
zeit: Worin liegen die Gefahren der Gentechnik für Sie: im Heraufkommen einer liberalen Eugenik - oder in den Plänen von posthumanistischen Menschenzüchtern, die den Nachwuchs durch eine konservative Elite programmieren lassen wollen?
Habermas: Die so genannten Posthumanisten beziehen ja aus dem evolutionsbiologischen Jargon eher die Reizworte für grandiose gattungsgeschichtliche Spekulationen. Die sind nicht besser als die geschichtsphilosophischen, von denen sie sich gerade verabschiedet haben. Wer die Gentechnik als Mittel zur Selbstoptimierung der "Gattung" empfiehlt, hantiert mit einem Kollektivsingular, vor dem die Einzelnen zu instrumentalisierbaren Gattungsexemplaren verblassen. Eine eugenische Praxis dieser Art müsste sich über das Selbstbestimmungsrecht der Individuen und über die intersubjektive Verfassung demokratischer Willensbildungsprozesse hinwegsetzen. Deshalb brauchen wir diese narzisstischen Größenfantasien, einstweilen jedenfalls, nicht ernst zu nehmen.
zeit: Was aber sollte man ernst nehmen?
Habermas: Ernst nehmen muss man heute schon Handlungsmöglichkeiten, die uns die Fortschritte der Biogenetik und der Gentechnologie in nicht zu ferner Zukunft bescheren könnten. In dem Maße, wie uns diese Entwicklung verheißungsvolle Chancen eröffnet, bisher unheilbare Krankheiten zu behandeln, bietet sie uns vermutlich auch die zweifelhaften Optionen einer verbessernden Eugenik. Im Rahmen liberaler Gesellschaften würden solche Verfahren der genetischen Merkmalsveränderung über den Markt den individuellen Wahlakten der Eltern in die Hände gespielt. Shopping in the genetic supermarket ist ein Zukunftsszenario, mit dem sich die einschlägigen bioethischen Diskussionen in den Vereinigten Staaten längst beschäftigen.
Wenn wir Zweifel haben, ob wir diese individualisierte Spielart der Eugenik wirklich wollen, sollten wir aufpassen, was die Praktiken, um die es heute geht, zu dieser Entwicklung beitragen.
- Datum 24.01.2002 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 05/2002
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren