E R K E N N T N I S : Wo Fenster keine Löcher sind

Eines der architektonisch einflussreichsten Wohnhäuser der Welt steht in Brünn. Mies van der Rohe baute die Villa Tugendhat 1928. Auch heute noch beeindruckt die tschechische Stadt als Ort der Moderne

Im Jahr 1928 fuhr der Herr Architekt zu Grete und Fritz Tugendhat nach Brünn - kam, sah und staunte: Die alte mährische Stadt entpuppte sich als Hauptstadt der architektonischen Avantgarde. Der Krieg und die Habsburger Herrschaft waren vorbei, das wohlhabende »Klein-Wien« - dessen blühender Textilindustrie auch die Tugendhats ihr Vermögen verdankten - war gepackt vom Enthusiasmus der jungen tschechischen Republik.

Manche kritisierten den Luxus

Eine solche Dichte funktionalistischer Bauten, so kann man heute in Architekturgeschichten lesen, gab es damals nur in Frankfurt, Rotterdam und Tel Aviv. Wohnsiedlungen für die Arbeiter, ein riesiges Messegelände, Villen, Hotels, Kinos, Cafés, Läden, Schwimmbäder, Tanzhallen, Bars, ganze Bauausstellungen - in der Burg Spielberg kann man seit drei Jahren die Fotos und Pläne der vielen Projekte bestaunen, die von einem ausgesprochen geselligen Leben zeugen.

Selbst die Toten ruhen repräsentativ in Brno - wie die Stadt auf Tschechisch heißt: Auf dem Zentralfriedhof entstanden moderne Meisterwerke wie das Krematorium von Arnoct Wiesner, Bohuslav Fuchs gestaltete das Grab des Komponisten Leoc Janácek- neben Gregor Mendel - der prominenteste Sohns der Stadt.

Und die jungen avantgardistischen Architekten Brünns luden sich die Crème de la Crème der Moderne zu Vorträgen ein: Walter Gropius und J. J. P. Oud, Le Corbusier, Amédée Ozenfant, den in Brünn geborenen Adolf Loos, Hannes Meyer und Mart Stam.

Berlin erscheint gegen Brünn konservativ. Das zeigt in der Hauptstadt gerade die große Ausstellung im Alten Museum, die Mies van der Rohes Berliner Jahre dokumentiert und auch der Villa Tugendhat ein Kapitel widmet. In Potsdam und Berlin blickte der Architekt eher zurück - auf Schinkel -, errichtete gutbürgerliche Villen im neoklassizistischen Stil; seine kühnen Entwürfe wie das Hochhaus an der Friedrichstraße blieben Papier. In Berlin wäre der Stahlskelettbau mit den riesigen Fensterscheiben vermutlich schon an den Bauvorschriften gescheitert.

Gegen die verstieß Mies zwar auch in Brünn, aber dort erteilten die Behörden ihm trotzdem zügig die Baugenehmigung: weil ihnen das Projekt so interessant und innovativ erschien. So wurde im hintersten Winkel der Tschechoslowakei aus der Vision des deutschen Architekten grandiose Wirklichkeit: ein Gesamtkunstwerk aus Möbeln, Haus und Garten, die Grenzen zwischen innen und außen, die gewohnte Trennung der Räume, sind zugunsten einer dynamischen Offenheit aufgehoben, die Fenster keine Löcher in der Mauer, sondern tragende Teile. Schon damals meinte Mies' Kollege Ludwig Hilberseimer, dass selbst die besten Fotos von diesem Haus keinen Eindruck vermitteln könnten: »Man muss sich in diesem Haus bewegen, sein Rhythmus ist wie Musik.«

Anzeige

Wandern, Radfahren und frische Wiesenluft

Starten Sie Ihren Urlaub in den Bergen

Reise starten