B I O G R A F I E Für Hitler die Hundepeitsche

Ein roter Preuße blickt zurück auf Weimar: Die Erinnerungen Albert Grzesinskis von Heinrich August Winkler

Er war einer der bekanntesten Sozialdemokraten der Weimarer Republik, und doch ist sein schwer auszusprechender Name fast nur noch Experten geläufig: Albert Grzesinski, der vier Jahre lang, von 1926 bis 1930, preußischer Innenminister und zweimal, 1925/26 und von 1930 bis 1932, Polizeipräsident von Berlin war. Grzesinski war neben Otto Braun, dem langjährigen preußischen Ministerpräsidenten, und seinem Innenminister Carl Severing der Dritte im Bunde der "roten Preußen", die wesentlich dazu beitrugen, aus dem Staat der Hohenzollern ein Bollwerk der Weimarer Demokratie zu machen.

Severing war der populärere, Grzesinki der energischere der beiden sozialdemokratischen Innenminister. Zu seinen großen Leistungen gehören die Abschaffung der ostelbischen Gutsbezirke, eines Relikts der Feudalzeit, Ende 1927 und sein konsequenter Kampf gegen den aufsteigenden Nationalsozialismus. Anfang 1932 nannte er es in einer Rede in Leipzig blamabel, dass der "Ausländer Hitler" mit der Reichsregierung verhandeln und vor der internationalen Presse sprechen könne, "ohne daß man diesen Mann mit der Hundepeitsche davonjagt". Ein Jahr später musste Grzesinski emigrieren. Inzwischen war Hitler Reichskanzler, und das Wort von der "Hundepeitsche" hatte er nicht vergessen. Er zitierte es am 23. März 1933, als er im Reichstag auf die Rede des Sozialdemokraten Otto Wels antwortete, mit der dieser das Nein seiner Fraktion zum Ermächtigungsgesetz begründete.

Über Österreich und die Schweiz nach Frankreich gelangt, verfasste Grzesinski noch 1933 ein Manuskript, das halb Autobiografie, halb Geschichte der deutschen Sozialdemokratie im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik war. Es erschien in gekürzter Form zuerst auf Französisch, dann auch auf Englisch und Schwedisch. Das vollständige deutsche Original aber liegt erst jetzt gedruckt vor. Der emeritierte Kölner Historiker Eberhard Kolb, einer der besten Kenner der Geschichte der Weimarer Republik, hat die Darstellung eingeleitet und mit erläuternden Anmerkungen versehen.

Das Drama des 20. Juli 1932

Das Buch ist eine wichtige historische Quelle. Grzesinski konnte sich in breitem Umfang auf Tagebuchaufzeichnungen und persönliche Akten stützen, und das ist nicht der einzige Vorzug des Bandes. Der gelernte Metalldrücker aus Pommern, uneheliches Kind eines Dienstmädchens, verfügt über die Fähigkeit, anschaulich, ja spannend zu erzählen. Ob er über seinen eigenen Werdegang, eine sozialdemokratische Bilderbuchkarriere, berichtet, ob er die Volksstimmung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914, die Revolution von 1918/19 oder den Kapp-Lüttwitz-Putsch von 1920 schildert: Er lässt seine Leserinnen und Leser teilhaben an dramatischen Ereignissen, bei denen er selbst nie nur Zuschauer, sondern immer auch Akteur war.

Am 20. Juli 1932 endete die politische Karriere Grzesinskis. An diesem Tag, an dem Reichspräsident von Hindenburg durch eine Reichsexekution das nur noch geschäftsführend amtierende preußische Minderheitskabinett Otto Brauns absetzen ließ, verlor Grzesinski das Amt des Berliner Polizeipräsidenten. Die Abschnitte über den "Preußenschlag" sind die dichtesten des ganzen Buches. Grzesinski macht aus seiner Meinung keinen Hehl. Er kritisiert Versäumnisse der preußischen Regierung und vor allem von Innenminister Severing in den Wochen vor dem 20. Juli. Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass Massenwiderstand im Sommer 1932 keine Chance mehr hatte. Die Arbeiterschaft war politisch tief gespalten, ein Generalstreik angesichts von weit über 5 Millionen Arbeitslosen illusorisch und die preußische Polizei schon aufgrund ihrer Bewaffnung nicht in der Lage, den Kampf mit der Reichswehr aufzunehmen.

Die meisten Historiker sehen das seit langem ähnlich. In einem anderen Punkt werden sie Grzesinski vermutlich widersprechen. Der Memoirenautor meint nämlich rückblickend, es wäre besser gewesen, wenn die Sozialdemokratie im Herbst 1930 den Reichskanzler Heinrich Brüning, einen Politiker des katholischen Zentrums, nicht toleriert, sondern gestürzt hätte. Die Konsequenz wäre (und Grzesinski sagt das ausdrücklich) die Aufkündigung der Preußenkoalition, eines Kabinetts aus SPD, Zentrum und bürgerlichen Demokraten, durch die Partei Brünings, also das Ende der Regierung Otto Braun, gewesen. Kein verantwortlicher Sozialdemokrat hat damals so gedacht, auch Grzesinski nicht. Die Preisgabe der Bastion Preußen wäre als Katastrophenpolitik empfunden worden - und das zu Recht. Nichts spricht für Grzesinskis spätere Ansicht, durch einen sozialdemokratischen Abschied von der Macht und einen maßvollen Rechtsruck in Preußen hätte sich der weitere Aufstieg Hitlers aufhalten lassen. Aber Politikermemoiren ohne ein Element rückwärts gewandten Wunschdenkens sind eine Seltenheit.

Grzesinski, der das Ende des Zweiten Weltkriegs in seinem alten Beruf als Metalldrücker in New York erlebte, wäre gern so schnell wie möglich nach Deutschland zurückgekehrt, um sich dort am Wiederaufbau der Demokratie zu beteiligen. Doch er sollte seine Heimat nicht wiedersehen. Er starb Silvester 1947. Wahrscheinlich blieb dem Achtundsechzigjährigen damit eine schwere Enttäuschung erspart. Die emigrierten Führer der Weimarer Sozialdemokratie galten in Deutschland, und nicht zuletzt in den Reihen der eigenen Partei, als Versager. Das war ungerecht. Doch es sollten Jahrzehnte vergehen, bis sich diese Einsicht durchzusetzen begann.

Albert Grzesinski: Im Kampf um die deutsche Republik Erinnerung eines Sozialdemokraten; hrsg. von Eberhard Kolb; . Oldenbourg Verlag, München 2001; 384 S., 34,80 €

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