Die 44 im Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) organisierten Pharmafirmen haben Ende vergangenen Jahres dem Bundeskanzler persönlich zugesagt: Wenn seine Regierung den Plan aufgebe, die Medikamentenpreise per Ukas um vier Prozent zu senken, dann bekämen die Krankenkassen 200 Millionen Euro als Kompensation von der Industrie. Gerhard Schröder schlug ein und pfiff seine Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zurück. Wenn der Bundesrat am 1. Februar über das Arzneimittel-Ausgaben-Begrenzungsgesetz (AABG) abstimmt, dann ist der ursprünglich vorgesehene, staatlich verordnete Preisabschlag darin gestrichen und durch die Zahlung eines "Solidarbeitrags" der Industrie ersetzt. Am 4. Februar soll das Geld auf dem SEB-Konto sein. Wenn nicht, kann man auch nichts machen: Exakt beziffert nämlich ist die Höhe der Ablasszahlung im Gesetzestext nicht.

Dass die rot-grüne Bundesregierung sich so von einem Interessenverband vorführen lässt, ist der vorläufige Höhepunkt der langen deutschen Erfolgsgeschichte des Pharmalobbyismus. Vor allem seit der erst 1993 gegründete VFA den medizinisch-industriellen Komplex dominiert, ist sein politischer Einfluss zu besonderer Blüte gelangt.

Der Verband vertritt Firmen, die für sich in Anspruch nehmen, innovativ zu sein und hohen Forschungsaufwand zu treiben. Binnen kurzem hatte er dem behäbigen Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) den Rang abgelaufen - allein weil er die größten Firmen mit zwei Dritteln des Branchenumsatzes vertritt. Während der BPI in der Ära Kohl noch im Bewusstsein agierte, Deutschlands Pharmaindustrie sei die "Apotheke der Welt", ist der VFA ein Kind der Globalisierung. Wolfgang Kaesbach, Leiter des Arzneimittelbereichs beim BKK: "Von den 44 VFA-Firmen sind nur noch drei oder vier originär deutsch, der Rest ist von ausländischen Müttern beherrscht. Die interessiert die deutsche Kostendämpfungspolitik natürlich überhaupt nicht. Sie drücken die industriepolitischen Vorstellungen internationaler Konzerne durch. Wenn denen etwa durch Arzneifestbeträge Einbußen drohen, setzen sie den amerikanischen Botschafter zum Wirtschaftsminister in Bewegung."

Cornelia Yzer sieht sich nicht so sehr als Lobbyistin, die Anliegen durchsetzen will. Die Hauptgeschäftsführerin des VFA ist eine Interessenvertreterin neuen Typs. Mit schätzungsweise 120 Pfund Lebendgewicht sieht sie nicht aus wie eine, die kalorienreiche Lunches in Hinterzimmern veranstaltet, um politische Entscheider zu bearbeiten. Sie versteht sich als Chefin einer Dienstleistungsmaschinerie, die ihre Mitgliedsfirmen mit den geschäftlichen Konsequenzen politischer Entscheidungen vertraut macht. Schätzungsweise drei Viertel ihrer Arbeit hätten mit aktiver Politik und Einflussnahme nichts zu tun, sagt sie. Natürlich würde man auch Daten und Argumente in den politischen Prozess einspeisen. Sie stapelt tief: "Wir sind erfolgreich, wenn es uns gelingt, unsere Anliegen bekannt zu machen, nicht erst, wenn wir sie durchsetzen."

Rund 150 000 Broschüren verschickt der VFA jährlich an Interessenten. Er produziert Gutachten und Umfragen, bietet im Internet umfassende statistische Daten an. In Berlin befehligt Cornelia Yzer 50 Leute. Gegen die paar Mitarbeiter, die ein Abgeordneter zur Verfügung habe, sei das eine Übermacht, sagt Yzer selbst. Sie weiß, wovon sie redet. Ehe sie 1997 zum VFA ging, war sie sieben Jahre lang Bundestagsabgeordnete der CDU, davon drei Jahre lang Parlamentarische Staatssekretärin im Ministerium für Bildung und Wissenschaft. Die Politiker, sagt Cornelia Yzer, seien auf die Informationen derjenigen angewiesen, die von ihrer Politik betroffen sind.

Dass Akteure im Feld der Gesundheitspolitik die Seiten wechseln, so wie Yzer, ist nicht selten. Edwin Smigielski, der Leiter der Abteilung 2 im Bundesgesundheitsministerium, etwa stand zuvor im Dienst eben desselben VFA - er ging, weil er mit der jungen Chefin Yzer nicht auskam. Der Hauptgeschäftsführer des BPI, Hans Sendler, war früher Beamter im nordrhein-westfälischen Sozialministerium. Einer der ehemals schärfsten Industriekritiker beim Bundesverband der Ortskrankenkassen kümmert sich heute um Pharmapolitik - auf der payroll der Bayer AG.

Der Informationsaustausch zwischen Industrie, Verbänden und Politik ist legitim. Der Gesetzgebungsprozess sieht Anhörungen der Interessenten im Parlament und in den Ministerien ausdrücklich vor. In der Praxis allerdings warten die Lobbyisten nicht auf die offizielle Einladung. Sie greifen selbst zum Telefon und bieten schon beim ersten Referentenentwurf Formulierungshilfe an.