Als sie ihren Fuß auf die Erde der Neuen Welt setzten, so die Legende, begann für die Männer aus dem verlorenen Paradies jenseits des Atlantiks der lange Marsch ins Gelobte Land. Die Waffe in der einen, das Gesetz in der anderen Hand, folgten die Gottsucher dem Lauf der Sonne. Je weiter sie vordrangen, umso größer wurde die Zahl der aus den getöteten Rothäuten gefahrenen bösen Geister, die sie verfolgten. Und als sie das goldene Licht des Westens erreichten, war es nur der endzeitliche Widerschein des Sonnenuntergangs auf den Wellen eines neuen Ozeans. Aus dem einen an Land gespült worden wie Odysseus, geboren als amerikanischer Adam, erreichten sie am Pazifik die Wasser des Todes. Unerlöst, wurden sie am Ende des Weges zum Weiterwandern verurteilt.

"I tramp a perpetual journey", schrieb Walt Whitman. Auf dieser ewigen Suche nach dem Beyond verharrte ein ganzes Genre der amerikanischen Literatur, ob West Coast crime novel oder Californian noir writing, an dem Ufer, wo der Traum des Vagabunden zum frei flottierenden Albtraum wurde - dem Ort, "wo Legenden sterben". Diesen (indianischen) Namen hat jedenfalls Kem Nunn in seinem jüngsten Roman The Dogs of Winter dem nordkalifornischen Schauplatz gegeben, der als "verlorene Küste" bekannt ist. Die Namen, mit denen der Autor selbst in Verbindung gebracht wird, sind ihrerseits legendär und so zahlreich, dass man in der Bewunderung die Hilflosigkeit erkennt: von Dickens bis Chandler, von DeLillo bis Hemingway. Wollte man dieser Liste einen weiteren Namen hinzufügen, so müsste es der von Denis Johnson sein, dessen im selben Jahr (1997) erschienener Roman Already Dead nur knapp 200 Meilen entfernt in einer verdunkelten Pazifiklandschaft spielt, im kalten, nebelverhangenen Norden von San Francisco.

Es sind die gleichen Marihuanafelder, die gleichen Trailersiedlungen, die gleichen Redwoodwälder, die gleichen "schrecklichen Geschichten", die, so Johnson, der Ozean zu uns spült und die "an der Küste nur die Wracks und die Toten hinterlassen". A California Gothic hatte Johnson dies Buch genannt, in dem ein Selbstmörder aus dem Ozean sein Unwesen treibt

Kem Nunn geht einen Schritt weiter, wenn er von einer gnostic fable spricht, genauer: einer gnostic surf fable. Denn sein Held Drew Harmon geht den umgekehrten Weg: Der Surfer schreibt sein Testament auf die "wässrige Oberfläche der Welt" und versinkt in dem Element, dem Johnsons okkulter Wiedergänger Ness entsteigt.

Der Ozean, ein Analogon amerikanischer Sehnsucht, ist bei Nunn nicht nur Widersacher, sondern Heimat, und die Wellen, auf denen der Surfer seinen Todestanz aufführt, sind "Variationen von Gottes fehlgeleiteter Weisheit".

Gewaltkult und Unterwerfungssucht

Mit Drew Harmon stirbt eine Legende - "der alte Löwe, der heilige Geist des professionellen Surfens". Ob er aber wirklich der Held ist, ist eine andere Frage. Wer nämlich überlebt, ist der Zeuge, der die Legende überliefert. Der Fotograf Jack Fletcher hat, wie Harmon, seine heroischen Tage hinter sich.