Sollte es in ein paar Jahrhunderten noch Menschen geben, werden sie wohl die Weltmacht namens Sowjetunion noch kennen - auch wenn dann die Sprachen andere, die alten Festplatten längst nicht mehr lesbar und die Videobänder mit den Aufzeichnungen vom Kalten Krieg zerbröselt sind. Von den Hethitern dagegen fehlte Jahrtausende lang fast jede Spur. Ihre Supermacht, die sich vom 17. Jahrhundert vor Christus an über große Teile der heutigen Türkei und Syriens, vom Euphrat bis an die ägäische Küste erstreckt hatte, löste sich ab 1200 Jahre vor Christus praktisch ins Nichts auf. Der Staat, der sich erfolgreich dem zweiten Weltmächtigen der damaligen Zeit, dem ägyptischen Pharao Ramses II., entgegengestellt hatte, verschwand nicht nur von der Bildfläche, sondern auch fast ganz aus dem Gedächtnis der Menschheit.

Zwar blieb der Name Hethiter erhalten, weil einige Kleinstaaten nach dem Zusammenbruch der frühen Weltmacht hethitische Traditionen pflegten. Und die Bibelschreiber retteten die Vokabel in die Neuzeit hinüber, indem sie diese 20-mal erwähnten. So ließ etwa König David den Hethiter Urias umbringen, weil er es auf dessen Frau Bathseba abgesehen hatte, und König Salomo liebte "viele ausländische Frauen", zum Beispiel "Hethiterinnen". Aber in den biblischen Erzählungen fehlte jeglicher Hinweis, dass es sich bei den Hethitern um die Bewohner eines früheren Großreichs gehandelt hatte.

Die einzige antike Überlieferung zu einem hethitischen Monument stammt von Herodot - doch ausgerechnet dem Altmeister der Chronisten unterlief dabei ein böser Fehler. Beim Betrachten des Felsreliefs von Karabel glaubte er, das Profil des ägyptischen Pharaos Sesostris III. vor sich zu haben. Auch als das Relief 1839 wiederentdeckt wurde, glaubten die Gelehrten an einen "ägyptischen" Ursprung. In Wahrheit handelt es sich um Tarkasnawa von MirÆ, verewigt in hethitischer Bildtradition.

Erst 3000 Jahre nach ihrem Untergang kam die Kultur der Hethiter wieder zum Vorschein. Im 19. und 20. Jahrhundert stießen Anatolienreisende auf schmucke Hieroglyphen und Felsreliefs, dann entdeckte man 150 Kilometer östlich von Ankara die Ruinen der hethitischen Hauptstadt Hattusa und kratzte Vertragsentwürfe und Briefe aus der Erde - darunter den ersten internationalen Friedensvertrag der Weltgeschichte. Abgeschlossen im Anschluss an die Schlacht von Kadesch (1285 vor Christus) zwischen Ramses II.

und dem hethitischen König Hattusili III. Eine Kopie des Schriftstücks hängt heute in der Eingangshalle der Vereinten Nationen in New York.

30 000 hethitische Keilschrifttafeln haben der Zeit getrotzt. Seit 50 Jahren kann man sie entziffern, und die Akteure des jungen Forschungszweigs der Hethitologie haben seither viel über die Größe des hethitischen Einflussgebiets und die Besonderheiten der Staatsform in Erfahrung gebracht.

Ihre Ergebnisse sind jetzt in einer Ausstellung in Bonn zu bewundern, die nicht nur eine wissenschaftliche Leistungsschau, sondern auch eine Respektbezeugung an die einstige Weltmacht ist.