Im Riesenreich der GutmenschenSeite 2/2

In Die Hethiter und ihr Reich lernt der Laie eine relativ friedfertige Weltmacht kennen, und mancher mag sich darüber ärgern, dass ihn der Geschichtslehrer früher auf Eroberungsfeldzüge und in historische Schlachten geführt hat, den pazifistischen Riesen dagegen fast gänzlich unterschlug.

Denn die Hethiter pflegten ihre Nachbarn nicht immer zu unterwerfen, sondern bauten auf Vertragswerke. Mit Partnerschaften brachten sie strategische Punkte wie die von Homer besungene Stadt an den Dardanellen, Troja respektive Wilusa, unter ihren Einfluss. Wie ein Schwamm sog das Reich die Umgebung auf, wobei die Toleranz so weit ging, dass fremde Gottheiten nicht getilgt, sondern kurzerhand in den eigenen Heiligenpark aufgenommen wurden und man heute vom "Volk der tausend Götter" spricht. Auch der Friedensvertrag mit Ramses ist Ausdruck modernster Ideen, wie die Altorientalistin Eva Cancik-Kirschbaum betont: "Die Idee der Koexistenz, die in diesem Vertrag zum Ausdruck kommt, ist neu." Eine "merkwürdige Mischung aus altem Orient und hochmodernen Ideen, zu denen wir keine Parallelen in der damaligen Zeit haben", mache das hethitische Reich aus.

Gern lässt man blutige Eroberungszüge (die es auch gab) und innerstaatlichen Zoff (der vermutlich den Niedergang einleitete) beiseite und suhlt sich in kühnen Deutungen über den von einer königlichen Sippe geführten Pazifistenstaat. Dabei agiert die Bonner Hethiter-Show trotz schönfärbender Tunke so unaufdringlich, dass der Besucher das Gefühl erhält, alle Erkenntnisse selbst recherchiert zu haben. Basaltreliefs mit Götterprofilen stehen brav in einer Reihe, großformatige Fotos von den Ausgrabungen erinnern an eine Werkschau, und fein gearbeitete Holzmodelle vermitteln dezent, dass es sich bei Hattusa um eine der größten Stadtanlagen des Altertums gehandelt habe.

Der Unterschied zu der in Bonn parallel gezeigten Troja-Ausstellung (verlängert bis 1. April) könnte kaum krasser sein. Troja, mit großem Getöse in die Medien getragen und virtuell wiederbelebt, wird ohne Charme und unübersichtlich präsentiert. Die Bildschirme über den Köpfen der Besucher, aus denen herab der Troja-Chefausgräber Manfred Korfmann dozierend die Größe seiner Wirkungsstätte zelebriert, wirken vor allem nervtötend. Die Hethiterschau dagegen kommt ohne Personenkult aus. Sie lässt den Gast in Ruhe. In welche Richtungen dieser sich auch bewegt, er verliert nie die Übersicht und darf selbst entdecken, was ihn an dieser rätselhaften Kultur faszinieren könnte.

Da wären zum Beispiel die Keramiken, die die These vom modernen, bronzezeitlichen Staat stützen. Die kultischen Trinkgefäße wurden von hethitischen Designern geformt, die sich auch in der Moderne nicht über mangelndes Auftragsvolumen beklagen müssten. Mit Witz und Sinn für Abstraktion bastelten die Tonmeister aus den Vorlagen Stier, Rebhuhn, Adler oder Eber bizarre "zoomorphe" Behälter, die heute als tierische Comicfiguren umgehend Karriere machen könnten. So haben die Hethiter, während über Trojas Bedeutung noch immer gestritten wird, das Zeug zum Kultvolk: ein Gutstaat der schönen Künste, in dem die Todestrafe fast abgeschafft war, Täter modern büßten, statt dass an ihnen Rache geübt wurde, die Königin mitregierte und Frauen sich problemlos scheiden lassen konnten. Jetzt soll bloß nicht, wie im Fall Troja, einer kommen, der es besser weiß.

Die Hethiter und ihr Reich: Kunst- und Ausstellungshallen der Bundesrepublik, Bonn, bis 28. April 2002

 
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