Runen, Bratwurst, Rüssel-Skins
Wo Rechtssein Spaß macht: Neonazis erobern weite Teile der Jugendszene. Sie werben für die Mythen von vorgestern - mit Oi-Musik und Internet. DieNPD spielt dabei nur eine Nebenrolle
Der Euro ist scheiße und Landser eine coole Band. Politiker sind Abzocker, machen den Sprit teurer und lassen immer mehr Asylanten ins Land.
Vati motzt abends über die billigen Bauarbeiter aus Polen. Warum darf man eigentlich als Deutscher nicht stolz sein? Obwohl, seit den Wikingern ist die germanische Rasse ja ganz schön runtergekommen. So reden sie, so denken sie, die jungen Neonazis.
"Fast unbemerkt wird in den Städten und Dörfern zwischen Ostsee und Erzgebirge ein Kulturkampf geführt, der nationalistisch motiviert ist", schreibt die NPD-Parteizeitung Deutsche Stimme triumphierend. Dieser "Kulturkampf" läuft auch zwischen Sylt und Bodensee, aber in Ostdeutschland ist er besonders weit fortgeschritten. Dort gibt es in praktisch jedem Landkreis mindestens eine militante Neonazikameradschaft, etliche davon mit Anbindung an die NPD. Um sie herum haben sich rechte Jugendcliquen etabliert, sie haben Schulen fest in der Hand, fordern von ihren Bürgermeistern eigene Jugendzentren, und wenn sie ihre rechtsextremistischen Ansichten nicht mehr ungestört verbreiten dürfen, organisieren sie eine Demonstration für Meinungsfreiheit.
Rechts heißt nicht mehr automatisch Springerstiefel, Glatze und Bomberjacke
man trägt genauso Turnschuhe und Plateausohlen, Scheitel und blondierte Strähnen, enge Jeans und Schlaghosen. Die rechte Jugendkultur ist ein Patchwork aus Musik und Sprache, aus Kleidung, Runen und Germanenmystik. Ein ganzer Kosmos rechten Lifestyles hat sich entwickelt, aus dem sich jeder herauspicken kann, was ihm gefällt. Nazis sind Pop, lautet der treffende Titel eines Buches von Burkhard Schröder. Die Elemente dieser Popkultur sind frei kombinierbar mit fast allen anderen Mode- und Musikstilen, die Ideologie kann dann schleichend folgen. Auf dem flachen Land im Osten sind die Rechten die dominierende Jugendkultur. Selten stellen sie die Mehrheit, aber sie geben den Ton an.
Hakenkreuz im Unterricht
Ein Dorf in der Oberlausitz im hintersten Sachsen, nur ein paar Kilometer sind es von hier bis Polen und Tschechien. Der Direktor der Mittelschule versichert, in seinem Haus sei "in Bezug auf Rechtsextremismus noch nichts aufgetreten, was meldepflichtig ist". Große Pause auf dem Schulhof. Hier kennen alle die Geschichte von Dennis aus der 10. Klasse, der im Unterricht ein Hakenkreuz hochgehalten und den Lehrer als Juden beschimpft hat. Hinter der Turnhalle stehen sechs Jungen aus der 9. Klasse und saugen an ihren Zigaretten. Keiner sieht aus, wie man sich Nazis sonst vorstellt. Einer hat einen Bundesadler auf schwarzrot-goldenem Hintergrund als Aufnäher an seinen Rucksack gepappt, zwei tragen Bomberjacken, die sie liebevoll "B-Jacken" nennen, ein Dritter läuft in New-Balance-Turnschuhen, die wegen des großen "N" an manchen Orten Erkennungszeichen der "nationalen" Jugend sind. "Was hört ihr denn so für Musik?" - "Oi!", grölen sie, harten Nazi-Rock. Der Einzige, der HipHop mag, gibt sich erst auf zweimalige Nachfrage leise zu erkennen. Prompt ziehen ihn die anderen wegen seines "antideutschen" Geschmacks auf.
- Datum 31.01.2002 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06/2002
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