Vernichtung eines Unpolitischen

Der Physiker Werner Hartmann unternahm in der DDR bahnbrechende Forschungen. Obwohl er nichts wollte als arbeiten, geriet er in die Mühlen des Regimes. Seine Witwe kämpfte vergeblich um Rehabilitation von 

Gegen Abend, als der Reporter abzureisen hatte, fuhr sie ihn zum Bahnhof.

Am Parkplatz schmuste ein Punkerpärchen. Sie machte eine abschätzige Bemerkung. Da ihn das ärgerte, begütigte sie: Das ist wohl einfach der Generationsunterschied. Es war mehr - Statusgebaren, ihr unüberhörbarer Bürgerstolz.

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Zwei Geschichten müssen wir erzählen: Wie ein Staat einen Mann zerbricht. Und wie die Frau des Manns um dessen Andenken ringt. Am Anfang war ein Brief.

Ich bin die Witwe des sogenannten Vaters der Mikroelektronik in der DDR, schrieb Renée Gertrud Hartmann. 50 Stasi-Akten über die Vernichtung ihres Mannes habe sie gelesen. Ich bin ein Chaos von Erinnerungen, ich könnte wahnsinnig viel erzählen, aber die Kraft zum Aufschreiben habe ich nicht mehr.

Hartmanns Laufbahn begann im Goldenen Zeitalter der Physik

Sind Sie Dresdner? fragt der Reporter die Passanten auf der Prager Straße.

Nunu.

Sagt Ihnen der Name Werner Hartmann etwas?

Also, so ganz direkt jetzt erst mal weniger.

Hartmann, Hartmann ... War das ä Arzt?

Der hat doch bei Dynamo gespielt gleich nach der Wende, so 'n Wessi von drüben.

Werner Hartmann, sagt der Reporter, war Physiker und zählt laut Liste der Dresdner Neuesten Nachrichten zu den 100 bedeutendsten Dresdnern des 20.

Jahrhunderts, wie Gerhart Hauptmann, Helmut Schön, Viktor Klemperer, Manfred von Ardenne ...

Ardenne kenn ich natürlich.

Und der Hartmann war so was wie Ardennes Forscherzwilling, aber weil er sich der Parteiideologie verweigerte, hat ihn das SED-Regime vernichtet.

Ach so? Na, mir war's och keen Zuckerschlecken bei den Kommunisten, jetzt erzähl ich Ihn' mal, hamse 'n bissl Zeit ...

Dies ist Werner Hartmanns Tragödie - auch die der DDR. Geboren wurde Hartmann vor genau 90 Jahren, am 30. Januar 1912, als Sohn eines Berliner Malermeisters. Ab 1930 studiert er Physik an der Technischen Hochschule Charlottenburg. Zu Hartmanns Lehrern zählen Walter Schottky und Gustav Hertz.

Es ist das Goldene Zeitalter der Physik. Hartmann hört auch Planck, Delbrück, Heisenberg

Einstein ist schon emigriert. Hertz, als Vierteljude an der TH immer mehr behindert, wechselt zu Siemens. Hartmann folgt ihm und forscht an Halbleiter- und Sperrschichtproblemen. 1937 wechselt er zur Fernseh GmbH. Auf der Berliner Funkausstellung 1938 kann er bereits ein 1000-Zeilen-Fernsehbild vorstellen.

Werner Hartmanns Forschung war kriegsrelevant, deshalb blieb ihm die Wehrmacht erspart. Es ist bezeugt, dass er sein Geschick nach 1945 als Wiedergutmachung deutscher Schuld begriff. Wie die Amerikaner bedienten sich auch die sowjetischen Sieger am Wissenschaftspersonal des geschlagenen Deutschland. Am 13. Juni 1945 fliegt Hartmanns Forschergruppe nach Moskau. Am 6. und 9. August fallen die US-Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Die Deutschen bekommen Order, in Agudseri bei Suchumi am Schwarzen Meer ein Kernforschungsinstitut aufzubauen.

Abermals war der politische Abstinenzler Werner Hartmann in einen Rüstungswettlauf eingespannt. Lohn und Lebensbedingungen scheinen, abgesehen von der völligen Isolation, passabel gewesen zu sein. Die meisten Forscher wurden von ihren Familien begleitet. Hartmanns erste Ehe zerbrach in dieser Zeit. Etliche Schicksalsgefährten nahmen sich das Leben, auch aus Ungewissheit, ob sie je wieder nach Deutschland dürften. Werner Hartmann hat Ende der vierziger Jahre sein mitgeführtes Säckchen Heimaterde resigniert verstreut.

Ansonsten blieb er Preuße: Mann der Pflicht. Unverzüglich lernte er Russisch und wurde Sprecher der deutschen Wissenschaftskolonie. Als solcher bekam er des Öfteren mit Stalins Geheimdienstchef zu tun, erzählt Renée Hartmann, seit 1970 seine - dritte - Frau. Gelegentlich einer Rubelumstellung, die Lohneinbußen bedeutet hätte, habe Hartmann bei Berija protestiert, in selbstmörderischer Form. Damals war er noch jung, sagt Renée Hartmann, da haute er dem Berija mit der Faust auf den Schreibtisch, dass die Tintenkugeln sprangen. Eisige Stille. Alle im Raum wussten: Jetzt wird erschossen. Berija stand auf. Er kam hinterm Schreibtisch vor, schlug meinem Mann auf die Schulter und rief: Das ist deutsch! Und dann gab's Schnaps, und die Deutschen kriegten den alten Lohn.

Dann bahnt sich die Heimkehr an. Im März 1955 darf Hartmanns Gruppe zurück nach Deutschland. Warum wählt Hartmann die DDR? - Es war Kalter Krieg. Der Westen beargwöhnte Sowjetspezialisten, und hätten sie ihr erworbenes Vermögen in die BRD transferieren dürfen? Die DDR schien Hartmann die bessere deutsche Variante, sagt sein früherer Mitarbeiter Hans W. Becker. Hartmanns Exilkollegen Richter, einem Halbjapaner, war im Nazireich die Eheschließung von ebenjenem Globke verweigert worden, der jetzt unter Adenauer als Staatssekretär amtierte.

Das DDR-Regime behandelte die Rückkehrer als Leistungsadel

Von der DDR sah sich Hartmann umworben. Sein Traum war eine Doppelkarriere: Forschung und Lehre. Als Mann der praktischen Physik wünschte er etwas aufzubauen, und Ulbricht versprach. Der DDR-Regent behandelte die Rückkehrer als Leistungsadel. Er gab Wohnungen, Studienplätze für die Kinder, hoch dotierte Einzelverträge. Der Wissenschaftselite wurde jener bürgerliche Status zugestanden, mit dem die meisten ihrer Repräsentanten groß geworden waren. Die Hertz, Hartmann, Steenbeck, Barwich, von Ardenne waren Ulbricht wichtiger, als die Doktrin des Arbeiter-und-Bauern-Staates flächendeckend durchzusetzen.

1955 gründet Hartmann den Dresdner VEB Vakutronik, 1956 wird er Professor für Kernphysikalische Elektronik an der TH Dresden. Der Betrieb fertigt kernphysikalische Geräte und Ausrüstungen zur Strahlungsmesstechnik. Er prosperiert, zeugt Filialen, wächst auf 1500 Mitarbeiter. 1958 erhält Werner Hartmann den Nationalpreis.

Der Staat propagierte Staudamm, Walzwerk und Kolchose

Sein großer Förderer ist Erich Apel, Ulbrichts Planungschef. Apel unterstützt Hartmanns Konzept des wissenschaftlichen Industriebetriebs, der Forschung, Produktentwicklung und Nachwuchsqualifikation verbinden soll. Zur Nazizeit hatte Apel in Peenemünde unter dem Raketenforscher Wernher von Braun eine Forschungsabteilung geleitet und ist an der Entwicklung von Hitlers Wunderwaffe V2 beteiligt gewesen. Auch Apel verschlug es dann in die Sowjetunion. 1952 kam er als Kommunist zurück und machte Karriere, zunächst als Bergbauminister, obwohl er erst 1957 das SED-Parteibuch erhielt. Im selben Jahr erschoss sich Gerhard Ziller, der Wirtschaftsverantwortliche des Politbüros. Apel trat Zillers Nachfolge an - unerhörter Aufstieg eines Mannes, der nicht zum Kreis der Moskauer KPD-Emigranten gehörte. 1963 erhob Ulbricht Apel zum Chef der Staatlichen Plankommission. Der neue Mann versuchte sich als Wirtschaftsreformer. Die Betriebe sollten autonomer arbeiten, Initiative wurde Tugend, Profit legitim. Das roch nach Drittem Weg.

Erich Apel und Werner Hartmann scheiterten am selben Widerspruch: der Unverträglichkeit von Freiheit und Ideologie. Macht schlug Geist, Dogma Innovation. Apel endete 1965, im Jahr des großen Roll-back. In Moskau hatte der stockkonservative Breschnew Chruschtschow abgelöst. Die Sowjetunion kürzte der DDR die Stahl- und Erdöllieferungen. Apels Entwurf des Fünfjahresplans wurde abgeschmettert. Man warf ihm Versagen und Westorientierung vor

vielleicht wurde er auch mit seiner Vergangenheit erpresst. Da griff er zur Dienstpistole.

Mit Apel verlor Werner Hartmann nicht nur seinen Schützer, sondern auch ein geistiges Gegenüber. Künftig erfuhr er von staatlicher Seite zuverlässig eines: Unverstand. Hartmanns Genie lag im visionären Wissen um die künftige Bedeutung der Mikroelektronik. Der Staat, in dem er forschte, propagierte Staudamm, Walzwerk, Kolchose und eine rot beflaggte Tonnenideologie als Insignien der Zukunft. Völlig fehlte der Innovationsdrang freier Marktwirtschaft. Alles begann damit, dass ich von einer enormen Erfindung in den USA hörte, schrieb Werner Hartmann über das Jahr 1959. Die Demonstration des Transistoreffekts war bereits vollzogen. Nun hatte ein gewisser Kilby bei Texas Instruments einen integrierten Schaltkreis aus Germanium vorgelegt. Das stellte für mich eine ungeheuerliche technische Revolution dar. Ich erkannte sofort die Tragweite der Symbiose aus Elektronik und Halbleiterphysik.

1961 gründete Werner Hartmann in Dresden die Arbeitsstelle für Molekularelektronik - eine Pioniertat für Europa. Mit 50 Leuten fing er an.

1974, bei seiner Entfernung, waren es über 1000.

Jetzt besuchen wir Hans W. Becker, Hartmanns Kollegen und unermüdlichen Ehrenretter. Becker entpuppt sich als reizende Mischung aus Sachse und Rationalist. Er kredenzt Trollinger und erzählt, wie er 1962 als blutjunger Physikabsolvent an Hartmanns Institut kam. Wie alle Neuen wurde auch die Nummer 86 vom Chef handverlesen - von was für einem Chef! Autorität, sagt Becker, Respektsperson. Streng, zugänglich, kommunikativ, immer an der Sache interessiert. Ich hatte am Leipziger Physikalischen Institut erlebt, wie da so 'ne Bonzengilde ans Ruder kam. Wenn die Klassenkampf! schrien, zogen sich die alten Professoren hilflos zurück. Bei Hartmann kamen solche Parolen gar nicht erst auf. Die kleinen Parteigeister trauten sich an ihn nicht ran, die großen haben ihn zunächst unterstützt. Denen galt diese Forschung als Spielzeug. Verstanden haben sie nichts.

Herr Becker, sagt der Reporter zag, ich hab von Mikroelektronik auch keinen Dunst.

Dies war nicht unbemerkt geblieben. Becker führt an ein Tischchen und hält einen Grundkurs: Hier das Stück Silizium, das wird mit der Zange aus der Schmelze gezogen. Es bildet sich ein so genannter Einkristall, eine Siliziumwurst, die in der Kristallstruktur ganz regelmäßig aufgebaut ist. Die wird in dünne Scheiben geschnitten, die nennt man Wafer. Nehmse ruhig mal.

Aber doch nicht runterschmeißen!

Dann erklärt Becker, wie auf den Wafer mikrolithografische Masken aufkopiert werden, viele Schichten übereinander, in deren Kontur man die Schaltung ätzt.

Der erste schlichte Chip von 1968 maß einen Quadratmillimeter. Heute erreicht man Wafer mit Pizzadurchmesser, und Millionen Winzfiguren ästeln sich zu kaum begreiflicher Komplexität.

Sind denn da Fehlfunktionen auszuschließen?

Nö, sagt Becker, das geht nach Trial and Error.

Mal gelangen Wafer mit hoher Gutausbeute, mal stand man mit leeren Händen da.

Hartmann nannte diese Unberechenbarkeit Schwarze Magie, was die Stasi höchlich alarmierte. Am zweitgefährlichsten schien ihr Hartmanns Formulierung, Mikrochips seien Abfallprodukte, die dem Bemeisterer der Technologie wie reife Früchte in den Schoß fielen. Werner Hartmann war Entwickler, doch der SED-Staat verlangte von ihm Bauteilproduktion. Auch dieser Dissens hat an Hartmanns Position gesägt.

Aber weshalb wurde Hartmanns apolitische Existenz untragbar? Ganz Geist sei Hartmann gewesen, sagt Reinhard Buthmann von der Birthler-Behörde, selbst Physiker. Mitte der sechziger Jahre verschwand diese von der Gesellschaft abgekoppelte bürgerliche Wertelite aus der ostdeutschen Wissenschaftswelt.

Die nachwachsende Intelligenz bestand aus ideologisch vorgekochten DDR-Gewächsen. Im Parteistaat wurde Nichtgenosse Hartmann zur klassischen Fehlfarbe: ein Mann, der nie ohne Anzug und Homburger ausging, der im internationalen Wissenschaftsverkehr mit Fremdsprachen zu parlieren wusste, Kontakt zu westlichen Kollegen pflegte und mit seiner Überlegenheit keineswegs hinter dem Berg hielt. Nach stalinistischem Schema erschafft der Entschluss zur Feindbekämpfung auch den Feind. 20 Jahre hat die Stasi versucht, Hartmann Sabotage und Spionage nachzuweisen. Der Operative Vorgang Molekül - unfassbarer Aufwand! Ergebnis: null. Aber alle hässlichen Methoden wurden angewendet, sagt Reinhard Buthmann. Den innersten Zirkel des Seins hat man angegriffen.

Die Einbrüche und Hausdurchwühlungen? Die massive Observation, die Verleumdungen?

Zum Beispiel, sagt Buthmann.

Und der smarte Stasi-Österreicher, der bei der zweiten Frau Hartmann klingelt: Ob er mal telefonieren dürfe? Draußen die Zelle war abgeklemmt. Wie geplant entspinnt sich eine Affäre zwischen den beiden.

Das, sagt Buthmann, hätte ich Ihnen nicht erzählt.

Betrieb der Staat DDR nicht Selbstsabotage?

Das ist der Kern, sagt Buthmann. Der Fall Hartmann liefert das Paradebeispiel, wie man aus ideologischen Gründen die Axt ans eigene Kreativpotenzial legte.

Denn Hartmann nutzte der DDR immens. Er war ein Nachentwickler des US-Niveaus. Bis 1962 befand er sich mit den Amerikanern auf Augenhöhe. Dann griff das westliche Importembargo. Der technologische Rückstand wuchs und konnte mit der Methode Eigenbau nicht mehr kompensiert werden. Hartmann hat das deprimiert. Später durfte er auch nicht mehr zu Westkongressen fahren.

1971 kam Honecker ans Ruder und kürzte der Mikroelektronik drastisch die Mittel. Günter Mittag exekutierte die neue SED-Linie: Wohnungsbau, kurzfristige Befriedigung von Konsumwünschen, Kombinate und Großinstitute, Parteidiktat.

Werner Hartmann, sagt Reinhard Buthmann, stand für eine Vernunft, die sich über Generationen entwickelt hatte. Hätte man sich davon nicht abgekoppelt, wäre auch in der kleinen DDR etwas entstanden.

Hartmann wusste nichts mehr mit seinem Leben anzufangen

Dann hatten sie ihn. Am 25. Juni 1974 wurde Werner Hartmann beurlaubt und mit Hausverbot belegt. Ein leitender Mitarbeiter war beim seinem Versuch, gen Westen zu fliehen, gefasst worden.

Hartmann zieh man der Mitwisserschaft. Zehn Jahre habe er einen Verbrecher an seiner Seite geduldet. Er sei ein bürgerlicher Wissenschaftler mit einer antikommunistischen und antisowjetischen Grundhaltung.

Selbstverständlich wusste Hartmann, dass er Feinde hatte, doch das Ausmaß der Kabalen ahnte er nicht. Im Grunde glaubte er sein DDR-Existenzprinzip intakt: Freiraum gegen Leistung. Die Kenntnis seiner Stasi-Akten hätte ihn erlöst, weil desillusioniert. Jetzt sammelte er Beweise seiner Unschuld. Er rang um Rehabilitation. Das war, als bitte ein brennendes Haus das Feuer, sich an den Löscharbeiten zu beteiligen.

Und Hartmanns Kollegen? - Betroffenheit, sagt Hans W. Becker. Man rief uns zur Versammlung und teilte uns mit, Doktor Iffarth sei zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Ein Chef, der sich mit solchen Mitarbeitern umgebe, sei nicht mehr tragbar. Irgendeine farblose Parteifigur wurde Chef, bald die nächste. Wir haben ohne Hartmann so weitergearbeitet wie mit ihm. Seine Impulse betrafen die Anfangsjahre. Jetzt waren die Abläufe eingespielt.

Bekamen Sie Hartmanns persönliche Tragödie mit?

Sein Name durfte im Institut nicht mehr fallen. Ein paar von uns haben ihn noch regelmäßig besucht, so zweimal im Jahr. Frau Hartmann hat mir später erzählt, wie er an diesen Tagen auflebte. Wir dachten, das wäre sein Normalzustand.

Dies war der Normalzustand: Hartmann versteinerte. Er kam aus Berlin, von seiner Entlassung, legte sich aufs Bett und starrte an die Decke, tagelang.

Renée Hartmann rüttelte ihn: Rede! Öffne dich! Man kommandierte ihn ins Siliziumwerk Muldenhütten bei Freiberg. Dorthin fuhr er täglich, früh um fünf, mit der Arbeiterrückfahrkarte. Kam apathisch heim. Sprach nichts, schon gar nicht von dort. Aber sie wusste, dass er ein Zimmerchen zu teilen hatte mit dem Parteisekretär, der den ganzen Tag in Telefonhörer brüllte. Zu tun gab es für einen Werner Hartmann nichts. Sein Gehalt wurde auf 16 Prozent gekürzt.

Hatte er kein Hobby? Ein Paralleluniversum? Ein Asyl des inneren Gelächters?

Nichts, sagt Reinhard Buthmann.

Bücher? Suff? Musik?

Nichts. Er fiel in ein Loch. Er hatte nur seine Physik.

Ich war völlig verzweifelt, notierte Werner Hartmann. Man hatte mir alles genommen, was mich am Leben erhielt. ... Ich verstand es nicht, dem reduzierten Leben noch etwas Glück abzugewinnen. Anfangs lebte ich davon, dass ehemalige Mitarbeiter meinen Geburtstag nicht vergaßen. Ich zählte die Besuche, die Briefe, die Anrufe mit der mir eigenen Akribie. Später wurde ich dann müde, meine Energie war verbraucht. Alle Hoffnungen auf Gerechtigkeit starben mit mir.

Mein Mann wusste nicht zu leben, sagt Renée Hartmann. Er wurde unlogisch, rechthaberisch. Ich musste das reduzierte Geld einteilen und zusehen, dass wir zurande kamen. Er ertrug nicht einmal, dass ich darin tüchtig war, weil er sich nutzlos fühlte. Ich war nicht mehr mit demselben Mann verheiratet.

Zwei Selbstmordversuche hat er unternommen.

Dachten Sie je daran, ihn zu verlassen?

Nie. Dazu waren die ersten vier Jahre zu gut.

Jetzt sitzt der Reporter vor einer weinenden Frau, die bislang ganz Haltung war. Nicht alles aus den Jahren im Abseits gehört in die Zeitung. Vielleicht reicht diese Episode einer San-Francisco-Rentnerreise, finanziert durch den Verkauf von Werner Hartmanns Westberliner Vaterhaus. Man sitzt in einem Nobelrestaurant hoch über der Stadt an der Bay. Renée Hartmann entfernt sich für fünf Minuten. Bei ihrer Wiederkehr findet sie einen panischen Gatten, der mit fliegenden Armen durchs Ambiente rennt. Raus! schreit Werner Hartmann.

Weg hier! Wir müssen fort! Sieh die Blicke, die observieren mich, jeder hier weiß, was mit mir ist! - Niemand weiß es, beschwichtigt sie ihn. Werner, das sind Bedienstete, Kellner, die würden bei uns daheim aufm Elbdampfer rufen: Wer will 'ne Bockwurscht?

Hartmann fiel aus Dresdens bürgerlicher Elite heraus

Kunst hängt an der Wand, die Möbel heischen Stil, der Lachs erscheint auf schönem Porzellan. Renée Hartmanns Erinnerungen bergen illustre Orte, erlesene Hotels und die allfälligen Namen der Dresdner Elite, aus der sich Hartmanns mit dem Sturz vertrieben sahen. Der Statusverlust. Nicht mehr eingeladen werden zu den Geburtstagen und Faschingsfeiern des bourgeoisen Zirkels prominenter Künstler, Mediziner, Architekten. Ein Name fällt immer wieder, als rühmliche Ausnahme: Adams.

Theo Adam, der Welt-und-Wagner-Star, auch er ein Dresdner des Jahrhunderts, residiert in Loschwitz hoch über der Elbe. Die Sonne sinkt wie Winterblut in die weißen Uferauen, da stapft der Reporter zum Hause Adam empor. Zum Zwecke bürgerlicher Anmutung hat er rasch noch seriöses Schuhwerk gekauft. Droben harrt der Hausherr in der Tür. Vorsicht, Eis! warnt die berühmte Stimme. Na, ich sehe, Sie tragen gute Schuhe.

Das wird ein schönes Kaffeetrinken. Es beginnt mit Theo Adams Satz: Werner Hartmann war mein Freund. Dann: Seine Frau heroisiert ihn. - 75 ist der Sänger und steht im besten Saft: gebräunt, mit vollem Silberschopf

männlich blitzt das Aug' des Heldenbaritons. Ihm zur Seite sitzt Frau Eleonore. Nach 52 Jahren Ehe gehen beider Sätze ineinander über. Greifen Sie zu, sagt er, das ist Zaunerstollen aus Bad Ischl, sagt sie, den hat, wenn er kurte, der Lehár immer gern gegessen, sagt er, der Kaiser, ruft sie, der Kaiser, der österreichische Kaiser! Silbrig schlägt die Uhr, die Madonna lächelt vom Kamin. Der Reporter denkt: Fülle gelebten Lebens, ein Gesegneter der Kunst.

Weltweiter Beifall rauscht auf: London, Paris, Tokyo, New Yorker Met, Bayreuth. Und überall die Frage, wie zu leben sei in der DDR. - Ich bin Dresdner. Die DDR, das war mein Publikum, sagt Theo Adam ohne Dünkel, und Frau Eleonore: Deine Stimme passte ja auf jede Bühne der Welt. Bei Werner war's anders, der war an den Betrieb gebunden.

Warum fiel Werner Hartmann nach seiner Degradierung aus dem bürgerlichen Milieu?

So möcht ich's nicht sehen, sagt sie. Er hat sich selbst ein bissl rausgenommen. Als Gescheiterter wollte er sich nicht zeigen.

Weshalb konnte sich Manfred von Ardenne arrangieren und Werner Hartmann nicht?

Werner hatte einen Hang zur Sturheit, sagt er, der war ein Wissenschaftler alter Schule, und Manfred war Privatgelehrter, sagt sie, der hat immer mehr Wind um seine Sache verbreitet, sagt er, Werner war sehr verinnerlicht, sagt sie, und Manfred ging nach außen.

Manfred von Ardenne war durchaus kein Knecht des SED-Regimes, dafür ein genialer Vermarkter seiner Exklusivität. Er nutzte, dass die DDR mit ihrem roten Baron renommieren wollte. Auch Werner Hartmann ist ja kein prinzipieller Feind der DDR gewesen. Nur akzeptierte er so wenig wie in seiner Berliner Zeit, dass Ideologie ins Wissenschaftsgebäude drängte. Man pflanzte ihm einen Parteisekretär in die Sitzungen. Hartmann: Für Sie ist hier kein Stuhl frei. Der Genosse schleppte aus seinem Zimmer den eigenen Stuhl herbei. Man installierte im Institut einen Sicherungsbeauftragten.

Hartmann: Ich habe keinen Raum für Sie. Mit solchen trank er keinen Schnaps.

Theo Adam entsinnt sich einer gemeinsamen Reise auf dem rumänischen Schiff Transsilvania. Man besichtigte Bukarest. Der Reiseführer, strahlend: Na, wie gefällt es Ihnen? Hartmann: Gar nicht.

Mein Mann hatte ein großes Herz, sagt Renée Hartmann. Aber das war viereckig, und wer hineinwollte, musste marschieren.

Man benannte eine Straße nach ihm - im Industriegebiet

Am 8. März 1988 starb Werner Hartmann nach einer Prostataoperation. Am 15.

März schrieb von Ardenne der Witwe einen kurzen Brief: Liebe Renée, ... Als Physiker habe ich Deinen Mann immer hoch geschätzt. Sein bedeutendes Wirken bei uns in der DDR hätte noch größer und für ihn befriedigender sein können, aber er setzte sich selbst Grenzen. Unten auf das Blatt hat Renée Hartmann geschrieben: Die Grenzen waren seine Offenheit + seine Ehrlichkeit. Er hat sich der Partei nicht gebeugt wie andere Wissenschaftler. Ich werfe Ardenne nichts vor, behauptet Renée Hartmann. Ich liebe Männer wie meinen, mit geistigem Stehvermögen. Aber jeder musste sehen, wo er blieb in der DDR. So ist die Welt, in jedem System. Ich lache nur, wenn ich Kanzler Schröder höre: Rückgrat ist gefragt, Zivilcourage. Zahlt sich Rückgrat etwa aus?

Nach der Wende wurde Werner Hartmann leidlich rehabilitiert. Sein Institut ehrte ihn 1990 posthum mit einem Gedenkakt. Eine Straße wurde nach ihm benannt - im Industriegebiet. In Klotzsche im Dresdner Norden liegt Saxony Valley, eine Kolonie mikroelektronischer Firmen. Hartmanns Gründung ist in eine Vielzahl von Unternehmen zerfallen. Das Zentrum Mikroelektronik Dresden (ZMD) vergibt einen Werner-Hartmann-Preis für Chipdesign. Das ist das eine.

Das andere ist Renée Hartmann unter ihrem Erinnerungsgebirge. Sie peinigt das Gefühl, nicht vermocht zu haben, was sie ihrem Mann an dessen Totenbett versprach: seinen Ruf in alle alten Ehren einzusetzen. Eine aberwitzige Rechtslage verhindert, dass die Aberkennung von Werner Hartmanns Einzelvertrag rückgängig gemacht wird. Renée Hartmanns Berentung folgt jenen 16 Prozent, die der SED-Staat seinem Opfer beließ. Die Einzelverträge hoher Stasi-Chargen wurden anerkannt, sagt Frau Hartmann. Für mich hat die Wende gar nicht stattgefunden.

Zur DDR-Zeit empfand sich Renée Hartmann als Statthalterin einer bürgerlichen Gegenwelt. Jetzt versagt ihr diese Gegenwelt Akzeptanz und die Rendite der Dissidenz. Und da ist noch eine Trauer, gegen die nichts hilft. Ich dachte, sagt Renée Hartmann, dass nach dem Tode meines Mannes noch mal was für mich anfängt. Heute weiß ich: Das war das Leben.

Ich sah, wie sie Dame war. Der Tag hatte heiter begonnen. Sie holte mich ab vom Hotel. Beim Ausparken stießen wir rücklings in einen nagelneuen Alpha Romeo. Ein Yuppie eilte entsetzt herbei: Mein Auto, mein liebes Auto! Renée Hartmann stieg aus. Großer Auftritt im blaugoldnen Blazer. Sie reichte dem Knaben ihre Karte und maß ihn, dass er die Augen niederschlug, und entschied: Das ist nur ein ganz kleiner Schaden.

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