Vernichtung eines UnpolitischenSeite 4/14

Ansonsten blieb er Preuße: Mann der Pflicht. Unverzüglich lernte er Russisch und wurde Sprecher der deutschen Wissenschaftskolonie. Als solcher bekam er des Öfteren mit Stalins Geheimdienstchef zu tun, erzählt Renée Hartmann, seit 1970 seine - dritte - Frau. Gelegentlich einer Rubelumstellung, die Lohneinbußen bedeutet hätte, habe Hartmann bei Berija protestiert, in selbstmörderischer Form. Damals war er noch jung, sagt Renée Hartmann, da haute er dem Berija mit der Faust auf den Schreibtisch, dass die Tintenkugeln sprangen. Eisige Stille. Alle im Raum wussten: Jetzt wird erschossen. Berija stand auf. Er kam hinterm Schreibtisch vor, schlug meinem Mann auf die Schulter und rief: Das ist deutsch! Und dann gab's Schnaps, und die Deutschen kriegten den alten Lohn.

Dann bahnt sich die Heimkehr an. Im März 1955 darf Hartmanns Gruppe zurück nach Deutschland. Warum wählt Hartmann die DDR? - Es war Kalter Krieg. Der Westen beargwöhnte Sowjetspezialisten, und hätten sie ihr erworbenes Vermögen in die BRD transferieren dürfen? Die DDR schien Hartmann die bessere deutsche Variante, sagt sein früherer Mitarbeiter Hans W. Becker. Hartmanns Exilkollegen Richter, einem Halbjapaner, war im Nazireich die Eheschließung von ebenjenem Globke verweigert worden, der jetzt unter Adenauer als Staatssekretär amtierte.

Das DDR-Regime behandelte die Rückkehrer als Leistungsadel

Von der DDR sah sich Hartmann umworben. Sein Traum war eine Doppelkarriere: Forschung und Lehre. Als Mann der praktischen Physik wünschte er etwas aufzubauen, und Ulbricht versprach. Der DDR-Regent behandelte die Rückkehrer als Leistungsadel. Er gab Wohnungen, Studienplätze für die Kinder, hoch dotierte Einzelverträge. Der Wissenschaftselite wurde jener bürgerliche Status zugestanden, mit dem die meisten ihrer Repräsentanten groß geworden waren. Die Hertz, Hartmann, Steenbeck, Barwich, von Ardenne waren Ulbricht wichtiger, als die Doktrin des Arbeiter-und-Bauern-Staates flächendeckend durchzusetzen.

1955 gründet Hartmann den Dresdner VEB Vakutronik, 1956 wird er Professor für Kernphysikalische Elektronik an der TH Dresden. Der Betrieb fertigt kernphysikalische Geräte und Ausrüstungen zur Strahlungsmesstechnik. Er prosperiert, zeugt Filialen, wächst auf 1500 Mitarbeiter. 1958 erhält Werner Hartmann den Nationalpreis.

Der Staat propagierte Staudamm, Walzwerk und Kolchose

Sein großer Förderer ist Erich Apel, Ulbrichts Planungschef. Apel unterstützt Hartmanns Konzept des wissenschaftlichen Industriebetriebs, der Forschung, Produktentwicklung und Nachwuchsqualifikation verbinden soll. Zur Nazizeit hatte Apel in Peenemünde unter dem Raketenforscher Wernher von Braun eine Forschungsabteilung geleitet und ist an der Entwicklung von Hitlers Wunderwaffe V2 beteiligt gewesen. Auch Apel verschlug es dann in die Sowjetunion. 1952 kam er als Kommunist zurück und machte Karriere, zunächst als Bergbauminister, obwohl er erst 1957 das SED-Parteibuch erhielt. Im selben Jahr erschoss sich Gerhard Ziller, der Wirtschaftsverantwortliche des Politbüros. Apel trat Zillers Nachfolge an - unerhörter Aufstieg eines Mannes, der nicht zum Kreis der Moskauer KPD-Emigranten gehörte. 1963 erhob Ulbricht Apel zum Chef der Staatlichen Plankommission. Der neue Mann versuchte sich als Wirtschaftsreformer. Die Betriebe sollten autonomer arbeiten, Initiative wurde Tugend, Profit legitim. Das roch nach Drittem Weg.

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