Am Ende war das Weltsozialforum eine große Sambaparty. Alle Reden waren geredet, alle Beschlüsse verkündet, alle Dankesworte gesprochen, alle geplanten Demonstrationen dieses Jahres angesagt (es waren sehr, sehr viele), ganz am Ende also der Abschlussveranstaltung des Forums kamen Musiker einer Sambaschule auf die Bühne, drei Bläser, zwei Trommler und eine alte, schwarze Sängerin in einem langem, blauen Glitzerkleid. Bis dahin hatten ausgewählte Delegierte in langen Reihen auf dem Podium gesessen, ein Bild fast wie vom Parteitag der chinesischen Kommunisten. Jetzt dauerte es nur wenige Takte, und sie standen auf, begannen zu tanzen, der Amazonasindianer neben der Französin neben dem Inder.
Mittendrin der Gouverneur der hiesigen Provinz von der Arbeiterpartei PT, der sich in den vergangen fünf Tagen auf jedes Podium und in jede Kamera gedrängt hatte. Sie tanzten, und der riesige Saal der Katholischen Universität von Porto Alegre - 3.000, 4.000 oder 5.000 Menschen - tanzte mit. Eine halbe Stunde lang, zwischendrin Fahnen und Transparente. Irgendwann stand auf der Bühne ein Israeli neben einem Palästinenser, und einträchtig schwenkten beide ihre Nationalflagge. Vielleicht ist das der wichtigste Unterschied zwischen Davos und Porto Alegre, zwischen den Treffen der Wenigen mit viel und der Vielen mit wenig Macht: Das einfache Volk feiert die besseren Parties.

Nach dem 11. September war die Bewegung der Globalisierungskritiker von vielen totgesagt worden. In Porto Alegre haben sich die Kapitalismusgegner unterschiedlichster Couleur zurückgemeldet, zahlreicher und lebendiger als je zuvor. Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Teilnehmer auf rund 60.000 verdreifacht, besonders stark stieg nach Auskunft der Veranstalter die Zahl der Gewerkschafter. Die Vertreter Afrikas, die 2001 fast völlig fehlten, bekamen und füllten in diesem Jahr ein ganzes Gebäude.

An den vier Sitzungtagen gab es mehr als 900 Konferenzen, Seminare und Arbeitsgruppen. Von Großveranstaltungen mit dem US-amerikanischen Linguisten Noam Chomsky oder der Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu und Tausenden Zuhörern. Bis zu kleinen Sitzungen, auf denen brasilianische Landlose von ihrem Kampf erzählten oder ein Farmer aus Kentucky über die Schwierigkeiten kleiner Landwirte. Zwischendrin Workshops zu wirklich drängenden Fragen wie "Der heutige Kampf für Sozialismus" und "Graffiti als Protestform", ein Kurs in Turbanbinden und eine Einladung zum gemeinsamem Schweigen. In den Pausen gingen die Debatten auf den Wiesen des Uni-Geländes weiter. Nebenan spielten brasilianische HipHop-Bands, verkauften Ureinwohner Kunsthandwerk, reihten sich Stände mit Che-Guevara-T-Shirts und portugiesischen Marx-Ausgaben aneinander. Und auf der breiten Treppe im Foyer des Tagungszentrums folgte Demo auf Demo; es dürfte kaum eine Ungerechtigkeit auf dem Erdball geben, die dort während der letzten Tage nicht angeprangert wurde.

Die interessantesten Veranstaltungen waren die Konferenzen und Seminare, in denen auf oft exzellentem Niveau und durchaus kontrovers Strategien und Konzepte besprochen wurden. Das begann bei der Namensfrage: Ein Volk von Anti-Globalisierern, so viel ist klar, wollen sie nicht sein. "Wir sind nicht Anti!", rief Lori Wallach, Direktorin der Washingtoner Organisation Global Trade Watch, unter tosendem Applaus. "Wir sind eine weltweite Bewegung für Demokratie, Vielfalt, Umweltschutz und Gerechtigkeit. Die Globalisierer aus den Konzernen, von der Weltbank und vom Internationalen Währungsfonds, die sind Anti!" Wenn nicht Anti-Globalisierung, wie dann nennt das Volk von Porto Alegre das, was es will? Vorschläge gab es genug auf dem Weltsozialforum: Erdendemokratie (ein Begriff der Inderin Vandana Shiva), Weltgerechtigkeit, Planetisierung, Globalisierung von unten, Deglobalisierung.

Der Begriff Deglobalisierung stammt von Walden Bello, dem Leiter der Organisation Focus on the Global South aus Bangkok. Die Wirtschaft solle sich statt auf Export wie bei der Globalisierung, auf die Produktion für die jeweiligen Binnenmärkte ausrichten. Politik müsse versuchen, die Inlandsnachfrage anzuregen. Wirtschaftsförderung solle sich nicht auf die Anwerbung ausländischer Investitionen konzentrieren, sondern gezielt Investoren aus dem Inland unterstützen und - wo es sie nicht gibt - aufbauen. Parallel zu dieser wirtschaftlichen Deglobalisierung müsse es eine Dezentralisierung von politischen Entscheidungen geben. Die Welthandelsorganisation (WTO), der Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank seien nicht demokratisch legitimiert. Ihnen müsse man Kompetenzen wieder abnehmen und zurück auf Organisationen der UNO, auf regionale Verbände wie die EU oder auf die Nationalstaaten übertragen.

Die Alternative zu Globalisierung sei "nicht Chaos, sondern Freiraum", meint Bello. "Jedes Land muss die Möglichkeit haben, für seine eigenen Werte und seinen eigenen Rhythmus auch eine eigene Politik zu entwickeln." Am Tag zuvor hatte Martin Khor vom Third World Network aus Kuala Lumpur als Beispiel hierfür Malaysia genannt. Während der asiatischen Finanzkrise 1997/98 beschränkte die Regierung den freien Kapitalverkehr, regulierte die Wechselkurse - mit Erfolg. "Der IWF hatte genau das Gegenteil verlangt. Das ist verrückt", so Khor. "Wir müssen die Regeln des IWF ändern, damit sich Entwicklungsländer vor Spekulanten schützen können." Walden Bello würde den Weltwährungsfonds lieber auflösen, an Reformen glaubt er nicht. "Es ist effizienter, eine neue Institution aufzubauen als eine bestehende dazu zu bringen, das Gegenteil von dem zu tun, was sie jetzt tut." Er verteidigte den Begriff Deglobalisierung gegen scharfe Kritik, unter anderem von Peter Wahl (Attac Deutschland), dem die Vorsilbe "De-" zu nahe an "Anti-" ist. "In der öffentlichen Meinung", konterte Bello, "ist Globalisierung schon längst ein negativ besetzter Begriff." Eine kühne Behauptung.

Und dann entspann sich am Montagmorgen eine echte Kontroverse. Mit Bello und Wahl saßen unter anderem Susan George (Attac Frankreich) und Teivo Teivainen (Institut für Globale Demokratisierung, Finnland) auf dem Podium - wobei auf dem Podium falsch ist. Die Konferenz fand in der Sporthalle der Militärpolizei von Porto Alegre statt; die Redner saßen unter Basketballkörben an zusammengeschobenen Tischen auf dem Spielfeld, die Zuhörer drängten sich oben auf den himmelblau-gepinselten Betonstufen in der Ostkurve. In irgendeinem Nebensatz war die Idee eines Weltparlamentes und einer Weltregierung in die Halle gekommen, und Peter Wahl sagte, vor dieser Vorstellung graue es ihm. "Eine Demokratie mit sechs Milliarden Menschen oder mehr ist eine demokratische Unmöglichkeit." Die Bewegung solle sich nicht für globale, demokratische Institutionen verkämpfen, sondern in den Nationalstaaten um Einfluss ringen. Da hielt Teivainen, eigentlich Moderator der Runde, ein flammendes Plädoyer für ein Erdenparlament, "um globale Institutionen wie den IWF demokratisch zu kontrollieren". Das Publikum war begeistert. Susann George erinnerte sanft daran, dass die Hälfte der Weltbevölkerung in Diktaturen lebe und fragte, wie demokratisch dort wohl die Wahlen zum Weltparlament ablaufen? An den nationalen Staaten jedenfalls führe kein Weg vorbei.