Es war eine Klassenfahrt ins gelobte Gesamtschulland. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte Ende Januar 18 deutsche Erziehungswissenschaftler und Journalisten zu einem Besuch nach Schweden eingeladen, und siehe da, die Reisenden waren beeindruckt. Selbst gestandene Kritiker dieser Schulform kamen ins Grübeln. "Was ich hier gesehen habe, kann selbst einen Gesamtschulgegner wie mich dazu bringen, seine Meinung zu ändern. Ich bin begeistert", schwärmte ein Kollege.

Schweden steht gut da im internationalen Schulvergleich (ZEIT Nr. 50/01). Dies, obwohl die Skandinavier ein Schulsystem pflegen, das hierzulande vielen als zweite oder dritte Wahl gilt. Bis zur achten Klasse werden die schwedischen Schüler nicht benotet und bis zur neunten auch nicht getrennt unterrichtet.

Aber das Etikett Gesamtschule allein sagt wenig. Einer der Reisenden, der Dortmunder Schulforscher Hans-Günther Rolff, erinnerte sich, wie er vor mehr als 30 Jahren hoffnungsvoll nach Schweden fuhr, das schon seit 1962 nur noch die Einheitsschule kennt. Damals fand er nichts, was ihn hätte begeistern können. Alle Schüler besuchten zwar die gleiche Schulform, aber am Unterricht hatte sich nichts geändert.

Diesmal traute Rolff seinen Augen nicht und staunte beispielsweise über eine Schule, die sich selbstbewusst Futurum (lateinisch: Zukunft) nennt. Schon die Architektur erinnert nicht mehr an Schule. Die Besucher haben den Eindruck einer Führung durch Ateliers und Labors. Sie sehen Räume, in denen Schüler gemeinsam in Arbeitsgruppen oder still für sich lernen. Staunen im Lehrerbüro über Schreibtisch und Computer für jeden Pädagogen. Oder über ein professionelles Musikstudio. Alle Räume sind um einen runden, hellen Großraum gebaut, der an einen Dorfplatz erinnert. Nach zwei Stunden fragt einer der Bildungstouristen den Lehrer, der uns führt: "Können wir denn auch mal Unterricht sehen?" Das Echo kommt prompt: "Das hier ist unser Unterricht."

Raum und Zeit neu definiert

Futurum ist ein Umbau - übrigens sind alle Schulen in Håbo, einem Landkreis 40 Kilometer westlich von Stockholm, neu oder umgebaut. Die Region gilt als schwedisches Silicon Valley und versucht mit ihren Bildungsangeboten junge Familien anzuziehen. Futurum begeistert Menschen, die gewohnt sind, in Teams, offenen Büros und nach ein paar Jahren an etwas ganz anderem zu arbeiten. Etwa zehn Prozent der schwedischen Schulen haben wie Futurum begonnen, nicht nur Lehrpläne und die Methoden des Unterrichts zu reformieren, sondern auch den Raum und die Zeit neu zu definieren, in denen der Unterricht stattfindet: Als "Schritte aus der Industrie- in die Wissensgesellschaft" bezeichnet dies der Lehrer Hans Ahlenius.

Konkret sieht die praktizierte Zukunft so aus: Auf rund tausend Schüler kommen 180 Lehrer, also fünf bis sechs Eleven pro Pädagoge (von denen viele Teilzeitarbeiter sind). Alle verteilen sich auf sechs kleine Schulen, die jeweils um einen dieser an freie Plätze erinnernden Gemeinschaftsräume gruppiert sind. Zu diesen kleinen Schulen gehören rund 160 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 16 Jahren. Sie sind abermals in zwei Stämme geteilt, hier die Klassen eins bis vier, dort die Fünfte bis zur Neunten. "Je älter die Schüler sind", erklärt Hans Ahlenius, "desto stärker sind die Altersgruppen gemischt. Da lernt zum Beispiel in Physik ein 12-Jähriger zusammen mit 15-Jährigen." Es gibt keine nach Leistung oder Intelligenz getrennten Gruppen wie in deutschen Gesamtschulen, die oft nur das dreigliedrige System Gymnasium, Real- und Hauptschule abbilden und dabei den Selektionsdruck sogar noch verschärfen.