E R E I G N I S SKI ALPIN: Burkhard Strassmann übt den Schneepflug
Burkhard Strassmann übt den Schneepflug
Als erste Region der Welt garantiert die Ferienregion Lammertal Dachstein West im Salzburger Land allen 'Ski-Einsteigern' einen Lernerfolg innerhalb kürzester Zeit. Wer zum Erlernen des Skilaufens mehr als 3 Tage benötigt, erhält das Geld für Skikurs, Skiausrüstung und Liftkarte zurück.«
Sicheres Auftreten steckt an. Wo sich eine ganze Ferienregion dermaßen in die Brust wirft, denke auch ich: Das ist meine Chance. Ich will endlich dazugehören. Zu den Menschenmassen, für die Winter keine verlorene Lebenszeit bedeutet.
»Sind Sie wirklich blutiger Anfänger?«, fragt die Sandra vom Touristenbüro Abtenau ungläubig. Also bitte, meine einschlägige Biografie: als Kind an den zwei Meter langen Holzbrettern meiner Mutter gescheitert, weil mir niemand zeigte, wie man bremst. Als Erwachsener mehrfach zum Langlauf im Harz gezwungen (familiäre Gründe), Schmerzen. Außerdem Bremen. Da schneit es nur in den Eisfächern der Kühlschränke.
Abtenau, Tag eins, Anfängerhang. Erst seit heute morgen im Ort, habe ich schon etwas gelernt: Beim Skilaufen gibt es das Bruttovergnügen und das Nettovergnügen. Die Differenz ist gewaltig und besteht zum größten Teil aus Anreisen, beim Verleihgeschäft monströse Klumpen anprobieren und mordsschwere Skier anpassen, die tonnenschwere Last zum Anfängerhang schleppen, die Klumpen an die Füße schnallen und die Skier zu Marlene wuchten. Denn noch was habe ich gelernt: Skilehrer heißen nicht immer Toni. Und niemand spricht hier vom Idiotenhügel. Sehr freundlich. Unfreundlich ist das Wetter. Das Lammertal ist schneesicher, aber nicht sicher vor Regen. Aber ich bin ja nicht hier, um braun zu werden.
Sieben Mitanfänger haben sich auf die Dreitagewette der Ferienregion eingelassen. Meist Frauen, deren Männer wilde Skifahrer sind und deren Kinder wilde Skifahrer werden sollen, aber nicht auf Kosten von Papas Spaß. Marlene ist keine Freundin großer Worte. Anschnallen, zwei Meter Hügelchen rauf, runter. »Einen schönen Pflug!«, ruft sie. Pflügen ist das Wichtigste überhaupt: Man stellt die Skier schief und schrappt damit Schnee ab, was Reibung erzeugt und bremst. Und sehr unelegant aussieht. »Suuuper!«, schreit Marlene, ob wir stürzen oder eiern oder ihr über die Skier fahren. »Super!«, schreien an diesem Anfängerhügel alle Skilehrer. Superschreien scheint ein allgemein anerkanntes didaktisches Werkzeug zu sein.
Entsetzliche Stürze, viel Gips
Nächste Übung: Kurve fahren. Dazu muss man einen Arm heben und den anderen tief senken. Man sieht aus wie ein Hampelmann mit gebrochenen Gliedmaßen, aber man kommt rum. Wenn man genügend pflügt. Was man gern vergisst. Dann stürzt man in den Schnee, der übrigens nicht immer weich ist. Zum Beispiel, wenn es regnet. Vom Hochklettern, Runterrutschen, Stürzen, Hochrappeln und Regen sind wir bald innen und außen nass. Trotzdem sagt Marlene unglaublicherweise schon jetzt: »Lift!« Wir blicken ausweichend zu Boden.
Als ich zu Hause rumerzählte, was ich vorhatte, zeigte mir Andreas sein kurzes Bein (Skiunfälle in der Jugend), und Steffi berichtete von einer Ohnmacht nach Sturz. Mal waren es abgeknickte Daumen, mal zersplitterte Kreuzbeine. Susanne hatte hauptsächlich Liftdramen im Angebot: entsetzliche Stürze, furchtbare Missgeschicke, viel Gips. Und jetzt sollen wir mit dem Lift in schwindelnde Höhen? Und dann auch noch: wieder runter?
Der Lift besteht aus einer Art Teller mit Strick, zwischen die Pobacken zu klemmen. Wirkt sehr bescheuert, trotzdem lacht niemand. Oben angekommen, muss man den Teller sausen lassen. Wer nicht aufpasst, rutscht wieder zurück. Immerhin: kein Gips. Dann geht's richtig runter. »Pflug! Arm aufs Knie!« befiehlt Marlene. Ich kann gar nicht so viel pflügen, wie ich schneller werde. Deprimierend, dass man Stürze nicht durch elegantes Wiederaufstehen kompensieren kann. Die Skier rutschen in alle Richtungen weg, die Arme rudern, die Schuhe erweisen sich als Klotz am Bein. Aufstehhilfe kommt von Marlene. Wie peinlich. Beziehungsweise: »Super!«
»Super!«, sagt abends bei Blutwurstgröstl und einheimischem Vogelbeerschnaps Herr Lanner. Er ist Tourismusmanager und zuständig für die Dreitagegarantie. »Sie können schon nach einem Tag Ski fahren!«, sagt Herr Lanner. »Herzlichen Glückwunsch!« Ich blicke ihn verständnislos an. Darauf Lanner: »Das Kriterium ist: sicheres Befahren des Anfängerhügels.« Ich nehme noch einen Schnaps und komme mir toll vor. Fasse schon ins Auge, mein Können noch einen Tag zu perfektionieren und dann Snowboarden zu lernen. Herr Lanner erzählt begeistert von seinen Kindern, zwei Jungs, wilden Burschen. Dauernd im Krankenhaus wegen gebrochener Haxen. Vom Skifahren.
Abtenau, Tag zwei, Anfängerhang. Sonne. Alles schön. Nur das Skifahren nicht. Wir können gar nichts mehr. Stürzen, rutschen, stürzen wieder, »Pflug!«, sind immer zu schnell, kriegen schlechte Laune. Außerdem haben wir Muskelkater, im Unterschenkel und im Oberarm, im ganzen Rücken, in den Schultern. Marlene sagt: »Es ist der Schnee.« Der ist verharscht. Wahrscheinlich kann er auch zu nass und zu trocken, zu körnig und zu klebrig sein. Ist der Schnee eigentlich jemals richtig? Wir wechseln den Hang, fahren mit einem endlosen, steilen Lift, oben muss man aus dem Sessel springen und wegfahren, worauf alle übereinander fallen. Dann stehen wir an der Oberkante des Hangs und wissen: Da müssen wir wieder runter. Irgendwie.
Zwei Dinge passieren. Erstens zerfällt die Gruppe in zwei Teile. Die einen pflügen los, die anderen verkrampfen sich, jammern und wimmern, kriegen keine Kurve mehr und stürzen nur noch. Unter den anderen: ich. Zweitens tritt ein, wovor sich Skilehrer am meisten fürchten: Die erste schnallt ab und geht zu Fuß. Ein Stück nur. Das bringt auch andere auf dumme Gedanken.
Ich liege und komme nicht wieder hoch. Marlene hilft. Ich schieße los, stürze, rutsche 20 Meter abwärts auf dem Rücken, verfolgt von einem Ski, der sich mir in den Rücken bohren könnte. Meine Knie zittern, Pflügen ist Arbeit. Prompt liege ich schon wieder, hilflos wie ein Käfer.
Wieder und wieder kommt Marlene angerauscht und müht sich, mich - auch innerlich - aufzurichten. Da sagt eine Stimme zu mir: Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass du Ski fährst, hätte er dich mit Brettern an den Füßen zur Welt kommen lassen. »Nein!«, schreit Marlene, »du schaffst es!« Aber ich habe schon abgeschnallt und stapfe los. »Schön, dass auch ein Mann mal Angst hat«, höre ich von einer anderen Fußgängerin. Ach ja, danke! Übrigens: Wieso ruft an diesem Hang niemand »Super!«?
Mit Klumpschuhen vereiste Forstwege hinabzusteigen, ist schon Strafe genug. Wenn die vereisten Forstwege auch noch unter dem Lift mäandern und mein Versagen für jedermann offensichtlich wird, ist das noch weniger lustig. Außerdem bin ich der Einzige, der sich radikal von der Gruppe abgesetzt hat. Die anderen machen im Flacheren wieder mit. Bin also nicht nur ein Versager, sondern auch noch allein und für die nächsten anderthalb Tage ohne Lebensinhalt.
Dafür scheint die Sonne. Pünktlich zum Kursende bin ich unten. »Kommen Sie morgen wieder?«, fragt Marlene. Und kennt die Antwort schon.
In der Hotelsauna treffe ich eine Frau, skibegeistert, aber nur theoretisch. Sie hatte vor vielen Jahren einen mehrfachen und komplizierten Bänderriss im Knie und traut sich nicht mehr. Abends besuche ich das nette Örtchen Rußbach, esse im Berggasthof »Zum Hias« zum ersten Mal im Leben Gamsbraten und höre vom Wirt Geschichten über ortsansässige Wilderer. Der Wirt hat sich heute Morgen das Handgelenk angebrochen. Beim Skifahren, wo sonst.
Postalm, Tag drei, Winterwanderweg. Heute will ich's schön haben. Ich will wandern. Schritt für Schritt. Nie mehr rutschen. Skifahren kann ich ja bereits, sagt Herr Lanner. Wette eingelöst. Zugegeben, ich komme mir ein bisschen dämlich vor unter den Hunderten von Skifahrern hier oben auf Europas zweithöchstem Hochplateau. Doch ein extra für Fußgänger gefräster Weg führt mich bald in baumlose Bergeseinsamkeit. Ich gehe schnell, eine Gruppe von Alten ist hinter mir her, die dem Trendsport »Stickwalking« frönt (früher hätte man gesagt: Gehen am Stock).
Irgendwann merke ich, wie ich ein Liedchen pfeife. Hat man je einen Skifahrer ein Liedchen pfeifen gehört? Eben!
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