E R E I G N I S SKISPRINGEN: Stephan Bartels versucht zu fliegen

Stephan Bartels versucht zu fliegen

Ich bin schon mal 203 Meter weit gesprungen. Drei Tage nach Heiligabend war das, auf der Flugschanze von Planica. Und zweieinhalb Stunden später habe ich die Vierschanzentournee gewonnen, knapp vor Martin Schmitt. Beim Skispringen macht mir keiner was vor. Jedenfalls nicht auf der Playstation, die ich zu Weihnachten bekommen habe.

So in echt sieht die Sache anders aus. Gerade mal 50 Zentimeter hoch ist der Schanzentisch, über den ich meinen ersten richtigen Sprung machen soll, und das nach gut 40 Meter Anlauf. Selten habe ich so viel Respekt vor einem halben Meter gehabt. Hier also soll ich in vier mal zwei Stunden Skispringen lernen. Im Tiroler Nest Mieming geben sie neuerdings solche Anfängerkurse. Gar nicht weit entfernt liegt Innsbruck, wo die legendäre Bergisel-Schanze über der Stadt thront. Und noch näher ist Stams, wo das genauso legendäre österreichische Skiinternat ist. Wer hier nicht Ski springt, tut es nirgendwo.

Aus Stams kommt auch Professor Franz Leiner, seit gut 30 Jahren Trainer in der Schule der Champions. 193 Medaillen, sagt der Herr Professor mit schwach unterdrücktem Stolz, hätten Schüler des Internats bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften abgeräumt - »die Juniorenweltmeister zählen wir schon gar nicht mehr«. Der Widhölzl Andi, der Höllwarth Martin, der Innauer Toni: alle waren sie da.

Und jetzt wir. Zwölf verwegene Kerle, eine mutige Frau. Wir sollen, so Leiner, der lange Nationaltrainer der österreichischen Springer war, »die Faszination Skisprung am eigenen Leibe spüren«. Unter Anleitung des Meistermachers werden wir kleine Sprünge machen, »so fünf bis acht Meter sollten am Ende schon drin sein«, sagt er. A bisserl Courage braucht es da schon, deshalb ruft Leiner in die Runde: »Meine Hochachtung - ihr traut euch was!« Und, übrigens, unter Sportkameraden wird geduzt. »Den Professor lassen wir weg«, sagt der Professor. »Und den Leiner auch«, sagt Herr Leiner. »Bleibt der Franz«, sagt der Franz. Und der sagt weiter, dass wir erst einmal auf Alpinskiern springen, die kennen wir ja wohl alle vom Skifahren.

Äh ... nein. Ein Finger reckt sich schüchtern in den weißblauen Tiroler Januarhimmel. Meiner. Ich habe noch nie auf irgendeinem Ski gestanden, vermelde ich verlegen. Schließlich sei das doch für so 'n bisschen Geradeausfahren gar nicht nötig, oder? Oh, sagt der Franz und dann lange nichts. Und dann das, was Franzens halt so sagen: »Schau'n mer mal.«

Am Anfang bin ich noch gut dabei. In Skischuhen schlittern wir auf einer Eisfläche herum. Gleit- und Gleichgewichtsübungen. Wir simulieren Anlauf, Absprung und Landung. Dabei sehe ich besser aus als mancher Skifahrer.

»Das ist ja wie Sackhüpfen«

Kein Wunder - seit 25 Jahren schaue ich mir die Vierschanzentournee an. Ich weiß, dass jedes Kilo zu viel einen Meter Weite kostet. Wie wichtig eine saubere Anfahrtshocke ist. Dass der Hügel unter der Schanze einen kritischen Punkt hat, ab dem er flacher und die Landung deshalb gefährlicher wird. Theoretisch hatte ich diesen Sport schon begriffen, als Sven Hannawald noch Wolle aus dem Teddy zupfte.

Wie mit einem Blatt Papier sei es beim Skispringen, sagt Franz: »Wenn man es knickt und Spannung reinbringt, kann man einen Flieger draus bauen.« Ein schöner Vergleich, finde ich, setze einen eingesprungenen Telemark aufs Eis - und falle auf die Schnauze. »Aufstehen, Gehorsamssprung!«, ruft Leiner mir zu. Bitte was? »Wenn du hinfällst - sofort aufstehen und noch mal springen, damit du ja keine Angst entwickelst«, sagt er. Ach so. Der nächste Versuch sitzt. Furchtfrei.

Für Phase zwei braucht es Alpinskier und Gefälle. Mieming ist nicht gerade eine Hochburg des alpinen Skisports, deshalb gibt es nur einen kleinen Übungshügel auf einem Acker mitten im Ort. Der beeindruckt nur einen - mich. Was wenig wundernimmt, da ich mich nicht einmal ansatzweise auf meinen Skiern halten kann. Voller Frust und Ehrfurcht schaue ich zu, wie meine Mitstreiter die 150 Meter lange Piste auf Abfahrtsskiern herunterrasen, über drei Minischanzen von bis zu 20 Zentimeter Höhe jagen und dabei verdammt gut aussehen. »Ist ja wie Sackhüpfen«, ruft ein Schlacks namens Thomas. Schwerer noch, weil wackeliger soll es auf den breiten Sprungskiern sein. Na super. Hier also endet meine Karriere als Skispringer.

Oder auch nicht. Der Leiner Franz nimmt mich beiseite, als alle zum Mittagessen aufbrechen. Ein kleiner Skikurs von einem Bundestrainer, exklusiv für mich. Anfänger-Schneepflug auf dem Idiotenhügel. Links und rechts brettern ein Dutzend Kindergartenkinder an mir vorbei, während ich verkrampft den Hang talwärts rutsche. Aber schon 90 Minuten später, die anderen kehren kauend vom Essen zurück, springe auch ich euphorisiert über die kleinste Übungsschanze. Ich bin wieder im Rennen.

Wir gehen an die Mieminger Schanze. Zwei sind es eigentlich - einen halben Meter hoch die Großschanze, 30 Zentimeter die kleine. Auf der wird zuerst geübt: 10 Meter Anlauf, am Schanzentisch abspringen, Körper strecken, Knie durchdrücken, landen. Nichts davon beherzige ich in der knappen Dreiviertelsekunde in der Luft. Sturz beim ersten Hüpfer. Gehorsamssprung. Gestanden.

Andere tun sich leichter. Der Schwabe Rufus zum Beispiel - mit 56 Kilo hat er ideales Fluggewicht. Oder Dominic, der einzige Österreicher unter uns. Kathrin auch, die als Münchnerin früher pistensicher als stubenrein war. Die hüpfen jubilierend über den Bakken, dass es eine reine Freude ist. Verdammtes Nord-Süd-Gefälle.

Wer sich von der Bergisel-Schanze in Innsbruck ins Tal wirft, überwindet in nicht einmal 10 Sekunden knapp 100 Höhenmeter und springt, im besten Fall, über den K-Punkt von 109 Metern. Die Großschanze in Mieming hat einen K-Punkt von 7 Metern, und von oben bis unten hat es vielleicht 15 Meter Höhenunterschied. Uns langt das vorläufig. Erst mal machen wir sogar halblang und starten in der Mitte des Anlaufs, knapp 20 Meter Anfahrt. Ich fühle mich gut. Mental topfit. Habe gut gefrühstückt - nicht zu viel -, bin zur Probe ein Dutzend Mal aus der Anfahrtshocke auf das Bett gesprungen. Hier geht heute einiges, das habe ich im Gefühl.

Ich bin dran. Ein letzter Blick auf die kargen, schneebedeckten Fastdreitausender hinter dem Mieminger Plateau. Langsam rutsche ich in die Anlaufspur. Die Anfahrtshocke sitzt. Ich werde immer schneller. Plötzlich wird mir bewusst: Nach dem Start gibt es kein Zurück, next exit Schanzentisch. Und der rückt näher. Ist das Angstschweiß, der meine Nase hinunterläuft? Bin ich nicht zu alt für das hier? Wieso habe ich meine Arthrose im rechten Knie vergessen?

Zeit für viele Gedanken auf 20 Meter Skifahrt. Und Zeit für Panik am Schanzentisch. Danach spüre ich, wie mir der Boden unter den Füßen weggerissen wird. »Ziiieeehhh!«, rufen die anderen. Schwerelos für einen Augenblick, 70 Zentimeter über dem Schnee. Vielleicht würde ich es sogar genießen, wenn ich nicht solche Angst vor dem Aufprall hätte. Der kommt. »Gehorsamssprung!«, schreit die Meute, und ich reibe meinen lädierten Hintern.

Doch es wird besser. Die Angst kleiner. Es soll mein letzter Sturz gewesen sein an diesem Tag, und mit jedem weiteren Sprung taste ich mich heran an die tiefere Schönheit des Skisprungs. Anfangs fordert der Anlauf noch meine volle Konzentration - was nach dem Schanzentisch kommt, lasse ich geschehen. »War bis eben auch mein Problem«, sagt Georg, wie ich aus dem Norden und härtester Konkurrent im Kampf um die inoffizielle Hamburger Meisterschaft, »aber jetzt lasse ich es laufen und denke nur noch an den Absprung.« Aha. Ich versuche es. Springe endlich einmal, zaghaft. Da ist es, das Gefühl von Flug. Das Kribbeln von der Leere unter den Füßen, einen Wimpernschlag lang nur. Die Sache macht langsam Spaß.

Nachmittags das große Finale - ein Wettkampf der Kursteilnehmer. Und ein bisschen Prominenz: Eva Ganster schaut auf ein, zwei Sprünge vorbei. Das ist die Weltrekordhalterin bei den Frauen, auf 167 Meter hat sie es schon gebracht, auch dank Franz Leiner, unserem Trainer, der ihrer in Stams war. Was für ein Gefühl das ist, fragen wir, das Fliegen. Da bekommt sie glasige Augen. Super sei das, »wie wenn dich einer hinten am Hosenbund packt und zurückzieht«, sagt sie, »als ob du auf einem Kissen durch die Luft schwebst, wenn dich die Bretter tragen«. Wir schweigen ehrfurchtsvoll. Und schauen zu, wie die beste Skispringerin der Welt unsere kleine Schanze beehrt. Technisch ganz ordentlich (»Der Telemark war nicht so toll«, sagt Franz) landet sie bei neun Metern. Und fungiert ab jetzt als Punktrichterin für unsere beiden Wertungssprünge.

Mein erster geht daneben. Ich konzentriere mich wieder auf den Anlauf und verpasse den Absprung. Viereinhalb Meter, nur Kathrin war noch kürzer. Verdammt. Ich muss also alles in den zweiten legen. Diesmal wähle ich den langen Anlauf. Tief einatmen. Durchpusten. In die Spur. Lass es laufen, Mann. Ich blicke nur auf die Kante unter mir. Lasse sie kommen, mit 40 Kilometern in der Stunde. Stoße mich ab. »Ziiieeehhh«, rufen die Kollegen, und ich tue ihnen und mir den Gefallen. Perfekter Aufsprung. Ja! Das war Fliegen! Das war weit! »Fünf Meter«, ruft der Weitenmesser, ein Tennislehrer aus einem benachbarten Wellness-Hotel. Ich zweifle ernüchtert. »Das war mindestens K-Punkt«, protestiere ich, aber der Mann bleibt hart. Da trösten auch die passablen Haltungsnoten von 15,5 kaum.

Kathrin zieht mit fulminanten sechs Metern in der Gesamtwertung an mir vorbei. Der österreichische Vertreter Dominic springt neun und neuneinhalb Meter und bezahlt seinen Sieg mit einem Muskelfaserriss. Aber schön ist es doch, auch für ihn.

Und der Leiner Franz, der ist stolz auf uns, seinen ersten Laienkurs. »So 50 bis 60 Meter« wären bei uns noch möglich, wenn wir weiter an uns arbeiten, sagt er. Ich bekomme ein Sonderlob, wo ich doch vorher gar nichts konnte. »A ganz a wilder Hund bist du«, sagt er. Ich atme tief durch und schaue in die Sonne, die hinter den Bergen untergeht. Und in die Zukunft. 2006 gibt's wieder Olympia, dann in Turin. Da geht noch was, ich spüre es.

 
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