T R A U M Ich habe einen Traum
Herbert Henzler, 60, arbeitete 31 Jahre für die Unternehmensberatung McKinsey & Company und war dort ab 1985 Chef des deutschen, später auch des europäischen Büros. Seit Anfang dieses Jahres ist er Vice Chairman der Bank Crédit Suisse, wo er unter anderem für die Vergabe von Krediten an kleine und mittlere Unternehmen zuständig ist. Hier träumt er von einem neuen Wirtschaftssystem - und der dazu passenden Mentalität
Während des ersten Drittels unseres Lebens lernen wir, dann wenden wir das Gelernte an. Im letzten Drittel setzen wir uns auf das Altenteil und werden so zu Sitzenbleibern, obwohl wir über Millionen von Informationen verfügen: unser in Jahrzehnten angesammeltes Wissen.
In meinem Traum existiert diese Einteilung des Lebens nicht. Meine Traumwelt ist eine Gesellschaft, in der zwei Sätze das allgemeine Bewusstsein bestimmen: »Das ganze Leben ist eine unternehmerische Idee« und »Jeder hat die Chance auf Wechsel«. Diese beiden Sätze gelten für alle - von der Geburt bis ins hohe Alter. In meinem Traum werden Kinder in ihrem Können früh gefördert, Heranwachsende lernen bei ihren ersten Arbeitserfahrungen unseren ganzen Kontinent kennen, Erwachsenen sind die Wörter »fest angestellt« und »Rente« unbekannt, und die Alten bieten einen Wissens- und Erfahrungspool an, aus dem die Bildungseinrichtungen nach Bedarf schöpfen können.
Ich beginne bei meiner Vision am Ende eines Lebens. In meinem Traum sitzt ein alter Mann in der Abenddämmerung auf einem Stein und erinnert sich an ein Leben voller Arbeit. Er war ein Macher, ein unermüdlicher Geist. Nun blickt er auf ein Feld mit reifen Ähren. Er weiß genau, wie wichtig jedes einzelne Korn für die Ernährung ist.
Es ist lange her, da fuhr er morgens mit seiner Schulklasse aus der Stadt auf die Äcker und zu den Dreschmaschinen, um mitzuhelfen, den reifen Weizen zu dreschen. Er wurde Zeuge, wie Korn verloren ging, Säcke mit Mehl auseinander rissen und wie die Bauern das Gut mühsam einsammelten. Er wusste, wer für seine tägliche Nahrung zuständig ist und wie sie hergestellt wird.
Für den alten Mann war das Verhältnis Mensch/Maschine geklärt. Man hatte sich gesamtgesellschaftlich auf eine Formel geeinigt, die da lautete: Eine noch so produktive Maschine hat vorwiegend einen arbeitsunterstützenden Zweck. Vorbei die Hochgefühle, die sich bei den Unternehmern einstellten, wenn sich eine Maschine bereits drei Monate nach der Anschaffung rechnete und man dafür Arbeitsplätze strich.
In meiner Welt der Chancen steht der Mensch ganz oben, und die Maschinen sind die Helfer. Ganz nach dem Motto der Anfangsjahre der Industrialisierung in Deutschland, als Werner von Siemens einmal in einem Brief schrieb: »Mir würde das verdiente Geld wie glühendes Eisen in der Hand brennen, wenn ich den treuen Gehülfen nicht den erwarteten Antheil gäbe.«
Das Qualitätsbewusstsein der Verbraucher hat sich verändert. In meinem Traum weiß der Großbauer oder der Besitzer von Maschinen, dass er nicht schneller Millionär werden kann als der Unternehmer, der auf solide Handarbeit setzt. Es gibt keine Billigmärkte mehr. Zu sehr ist in den Köpfen der Verbraucher verankert, dass Arbeit ein Lebensinhalt ist, der glücklich und nicht reich machen soll, und dass Maschinen zu diesem Zweck nur eine akzeptierte Ergänzung sind.
Der alte Mensch erinnert sich, dass er als Kind einmal pro Woche aus der Stadt zu so genannten Landeltern gefahren ist, deren Kinder wiederum zu seinen Eltern kamen, um so das jeweilige andere Leben kennen zu lernen. Zu dieser Stadt-/Landverschickung gehörten Seminare, Expeditionen, Diskussionen. Hier lernte er, wie facettenreich die Arbeit abseits der großen Städte war. Hier lernte er auch einen sehr wichtigen Begriff kennen, um den seine Gesellschaft jahrelang gestritten hatte: »Lebenszyklusproduktivität.« Danach hat jeder Mensch das Recht und sogar die Pflicht, von Jugend an, so oft es ihn drängt, seinen Arbeitsplatz zu wechseln, einen eigenen Betrieb aufzumachen und diesen dann an andere weiterzugeben. Er ist der Unternehmer seiner eigenen Arbeitskraft. Allerdings mit der Maßgabe, vom ersten Arbeitstag an in einen personengebundenen Alters- und Krankenversicherungsfonds Geld einzuzahlen, der einem helfen soll, Krisen zu überstehen.
Den Begriff vom Staat als Hüter der Norm kennt in der Welt dieses alten Menschen niemand mehr. Gewerkschaften haben sich aufgelöst, weil niemand sie mehr brauchte. Der alte Mensch hat einen Regierungsrat mitgewählt, der sich als Mittler zwischen Bildung und Wirtschaft versteht und als Pate für die sozial Schwachen fungiert. Es gibt kein soziales Netz mehr für alle, sondern nur noch für die, die es wirklich nicht allein schaffen - chronisch Kranke, Behinderte. Das Wort Individualisierung trägt keinen Makel mehr. Die Selbstständigenquote liegt bei 80 Prozent und sorgt für eine Arbeitswelt, die nicht in Monotonie versinkt.
Ob Privathaushalt, Technologie, Handwerk, Konsumwirtschaft, Ackerbau und Viehzucht oder soziale Betreuung - dem Können, der Fantasie sind in meiner Traumwelt keine Grenzen gesetzt. Der Mensch in meinem Traum erfüllt sich einen eigenen Traum: niemals am gleichen Ort den gleichen Job zu lange gemacht zu haben, dabei mehrere Sprachen erlernt und so sein existenzielles Glück gefunden zu haben.
Die Menschen lernen das vereinte, produktive Europa sehr früh kennen. Jugendliche aller Nationen wandern, sobald sie das 18. Lebensjahr vollendet haben, auf einem großen Marsch über den Kontinent, erlernen dabei die Sprachen, die Mentalitäten verschiedener Kulturen - eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Abschluss einer Lehre. Die Vereinigten Staaten von Europa sind Realität. Das Konkurrenzverhalten der Länder untereinander beschränkt sich gerade noch auf den Wettbewerb der Ideen. Die Länder haben sich aufgeteilt bei der Produktion grundlegender Güter. Der Handel blüht, die internationale Arbeitsteilung schafft mehr Wohlstand, als es jede Nation für sich könnte. Die unterschiedlichen Sprachen und Kulturen sind geblieben, mit denen, dank des »großen Marsches«, jeder etwas anfangen kann.
In meinem Traum ist das Einkommen nicht überwiegend durch Geld definiert, sondern ist gleichrangig mit dem Gefühl, in seinem Leben dem höchsten Ziel der Gesellschaft nahe gekommen zu sein: größtmögliches Wissen erlangt und möglichst viel Wissen weitergegeben zu haben.
Natürlich läuft auch in meiner Traumgesellschaft Geld um. Sehr viel Geld sogar, aber es ist sehr breit gestreut, weil viel mehr Menschen im Arbeitsprozess stehen. Es ist ein Work-Splitting im Gange, der Millionen in Lohn und Brot hält - auf einem Sockel, der exzessiven materiellen Reichtum kaum zulässt, aber insgesamt viel Wohlstand schafft. Das gibt den Menschen ein Gefühl der Zufriedenheit, denn das berüchtigte Oben und Unten ist fast völlig abgeschafft. Natürlich gibt es Chefs und Mitarbeiter: Doch beide haben Abhängigkeitsverträge nicht nötig, denn nichts erscheint den Menschen langweiliger, als immer am selben Ort zu verbleiben oder denselben Job zu machen. Das würde auch gar nicht funktionieren, denn die Lebensqualität wird nicht mehr an Produktivität und Produktion gemessen. Es ist nicht wichtig, wer das meiste schafft; es ist wichtig, wer das meiste lernt.
Der Mensch ist kontinuierlich in einen Erneuerungsprozess des Wissens eingebunden und trägt selbst dazu bei, sein Wissen an Schulen, an Universitäten oder an andere Bildungsorganisationen weiterzugeben. So hatte der alte Mensch in seiner Jugend jedes Jahr Gelegenheit, Praktika in solchen Jobs zu machen, die ihn interessierten. Er absolvierte alle sechs Jahre Auffrischungskurse über die neuesten Entwicklungen in seinem Tätigkeitsfeld, damit er immer auf dem neuesten Stand blieb. Er durfte sich entwickeln, wie er es wollte. Europa kletterte so insgesamt auf ein höheres Kreativitätsniveau. Die Gesellschaft wurde immer tiefer durchdrungen von der Vorstellung, dass man sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt, seine Talente in Netzwerken anbietet und dadurch im Alter sein Auskommen findet.
Die Kirche ist wieder bei der Gemeinde angekommen. Sie ist die Sinnstifterin, die sie einmal war: Sie hat sich allerdings vollkommen gewandelt. Sie ist nicht mehr die Institution, zu der die Leute nur am Sonntag kommen. Sie geht zu den Menschen. Sie sagt: »Ich habe ein tolles Angebot zu machen. Ich habe den Glauben, ich habe Werte zu vermitteln, ich bin die Kirche der Nächstenliebe.« Der Ökumenische Rat ist um Vertreter des Islam und des Buddhismus erweitert worden. Das zentrale Anliegen des Rates liegt darin zu verkünden: Das Leitbild des Menschen ist die Unabhängigkeit. Vorbei die Zeit, in der er von der Wiege bis zur Bahre von der Gesellschaft normiert wurde. Dabei kommt jedoch der Kirche als moralischer Stütze, als Hüterin der Werte, in meinem Traum eine zentrale Rolle zu.
Der Mensch auf dem Feld sitzt auf einem Stein, den eine Maschine nicht wegbekam. Es könnte ein Findling sein, ein Stein aus dem All, ein mäandernder Monolith, den die Gezeiten hin und her geschoben haben. Es ist eine Nacht, wie es sie seit Abermillionen Jahren gibt, mit unzähligen Sternen. Was fühle ich?, fragt der alte Mensch. Was hatte ich für Ziele? Ich bin ein freier Mensch, denkt er, ich spüre Zufriedenheit, weil ich mein Leben selbst gestaltet habe. Ich bin und war von niemandem abhängig, der mich lenkte oder in eine Norm zwängte. Ich erlebte andere Kulturen, lernte Sprachen und gab an die Jungen weiter, was ich erlernt habe.
Beim Abschied vom Leben nimmt er eine Zeile aus Hölderlins Gedicht Lebenslauf mit auf seine letzte Reise: »Die Freiheit aufzubrechen, wohin er will.«
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